Der lange Weg zur Demokratie

Mutigen Journalisten ist es zu verdanken, dass die Bilder der «Safran-Revolution» 2007 um die Welt gingen. Buddhistische Mönche gingen auf die Strasse und protestierten gegen das Militärregime. In Rangon treffe ich die Stimmen der «Democratic Voice of Burma».

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Toe Zaw Latt: «Die Zensur existiert immer noch.»

2:16 min, vom 3.8.2015

Im einem Aussenbezirk von Rangon bin ich mit Toe Zaw Latt, dem langjährigen Chefredaktor des Radio- und Fernsehsenders «Democratic Voice of Burma» (DVB) verabredet. Jahrzehntelang arbeitete der ehemalige politische Gefangene aus dem Exil in Norwegen. Heute hat die unabhängige Medienorganisation ein offizielles Büro in der Metropole. Rund 50 Journalisten arbeiten hier. Das war nicht immer so.

24. September 2007 in Rangon: Friedlicher Protest gegen die Militärjunta Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: 24. September 2007 in Rangon: Friedlicher Protest gegen die Militärjunta SRF

Die «Safran-Revolution»

2007 berichteten die Journalisten von DVB verdeckt über die sogenannte «Safran Revolution». Der Protest begann, als sich die Transportkosten fast verdoppelten, weil die Regierung die Treibstoffsubventionen strich.

Tausende buddhistische Mönche gingen auf die Strasse, um im Namen der verarmten Bevölkerung zu protestieren. Die Demonstrationen weiteten sich bald zu einem Aufstand gegen das herrschende Militärregime. Tausende Zivilisten schlossen sich den Mönchen an.

Mehr als einen Monat später schlugen die Militärs die Proteste gewaltsam nieder, auch die Mönche verschonten sie nicht. Die Bewegung erlangte so weltweit Aufmerksamkeit. Die Zahl der getöteten Mönche und Demonstranten ist bis heute umstritten, zehn Tote (laut Militärjunta) bis hin zu mehreren tausend.

Demonstrierende Mönche 2007 in den Strassen von Rangon Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Demonstrierende Mönche 2007 in den Strassen von Rangon Keystone

Berichterstattung unter grösster Gefahr

Die DVB-Reporter berichteten über den Machtkampf in Burma und machten ihn für die Aussenwelt sichtbar. Doch sie begaben sich damit in grosse Gefahr: «Innerhalb von Burma zu filmen, war echt hart. Du kriegst so wenig und riskierst so viel. Du riskierst dein Leben. Wenn du einen Fehler machst, wird das auch das ganze Netzwerk zerstören. Du setzt also nicht nur dein eigenes Leben aufs Spiel sondern auch das deiner Kollegen», erinnert sich ein DVB-Mitarbeiter an diese Zeit.

Volksaufstand 1988

DVB ist eine Non-Profit-Organisation und wurde nach dem Volksaufstand 1988 gegründet. Hundertausende demonstrierten gegen einen wirtschaftspolitischen Erlass, welcher die Ersparnisse der Mehrheit der Bevölkerung ausradierte.

Das Militär schlug schon damals den Protest erbarmungslos nieder, brachte tausende Menschen um und sperrte hunderte ein. Der Rest der Welt erfuhr nichts über die Brutalität des Regimes. Viele, die nach den Protesten eingesperrt wurden, waren überrascht, dass weder international noch im eigenen Land ihre Misere überhaupt zur Kenntnis genommen wurde.

So reifte der Entschluss, dass eine unabhängige Presse, die einzige Möglichkeit sei, die Aussenwelt zu informieren und letztlich das Regime zu stürzen.

1992 gründeten burmesische Demokratie-Aktivisten in Europa die Organisation «Democratic Voice of Burma» (DVB). Mit Reportern, die verdeckt arbeiteten, Satelliten und Radioübermittlungen von Oslo nach Burma sollten endlich nicht zensurierte, unparteiische Nachrichten das Land erreichen, in dem die Menschen seit Jahrzehnten nur Zugang zu staatlich kontrollierten Informationen hatten.

Pressefreiheit in Burma heute

Inzwischen darf «Democratic Voice of Burma» weitgehend frei berichten, aber der Sender erhält in Burma bis heute keine Übertragungslizenz. Darum sendet DVB noch immer über Satellit von Thailand aus.

«Es gibt ein Sprichwort, das sagt, alles ist anders, aber nichts hat sich verändert», sagt Toe Zaw Latt in unserem Gespräch. «Aber schauen sie mich an, ich darf wieder hier arbeiten, nach 25 Jahren im Exil. Das hat sich geändert. Aber die Probleme im Land bleiben die gleichen, wie zum Beispiel Unterdrückung und Armut. Es gibt noch viele Themen, die wir anprangern.» Und bei heiklen Themen funktioniere die Zensur immer noch, sagt Toe Zaw Latt, noch immer werden Journalisten inhaftiert.

Im Wahlkampf: Aung San Suu Kyi von der National League for Democracy Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Im Wahlkampf: Aung San Suu Kyi von der National League for Democracy Keystone

Von den bevorstehenden Wahlen am 8. November 2015 erwartet der Chefredaktor nicht viel. Noch immer sind 25 Prozent der Parlamentssitze ganz ohne Wahlen für das Militär reserviert.

Für eine regierungsnahe Mehrheit bräuchte eine militärfreundliche Partei nur 26 Prozent. Auch wenn die NLD von Aung San Suu Kyi 40 Prozent der Stimmen erreichen würde, würde dies nicht genügen, um eine Regierung zu bilden. Im besten Fall würde dann eine Koalition das Land regieren.

Die Journalisten von DVB werden über die Wahlen berichten und weiter auf das aufmerksam machen, was sich noch verändern muss. «Wir warten nicht auf den Umbruch, wir sind Teil des Umbruchs», sagt Toe Zaw Latt zum Abschied.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 18.09.2015 21:00

    DOK – Old Burma Road
    Von Bagan nach Yangon

    18.09.2015 21:00

    Die vierte Folge führt Reporterin Barbara Lüthi an den wohl magischsten Ort der ganzen Reise: Bagan, das Pagodenfeld mitten in der Steppe. Ein Ballonflug bei Sonnenaufgang über die Hauptstadt des ersten burmesischen Reiches ist ein Höhepunkt.