Kunmings Retortenstadt oder Wachstum auf Chinesisch

Um Chinas Wachstum hochzuhalten, liess die Zentralregierung bauen. So entstanden überall in China neue Wohnviertel oder ganze Städte. Diese mit Menschen zu füllen, ist eine Herausforderung. In China stellt sich schon länger die Frage nach der Nachhaltigkeit des Wachstums.

Video «Bauboom in Chenggong» abspielen

Bauboom in Chenggong

1:30 min, vom 3.8.2015
Wachstum um jeden Preis: Geisterstadt Chenggong im Süden der Metropole Kunming. Barbara Lüthi und Kameramann Laurent Stoop. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wachstum um jeden Preis Geisterstadt Chenggong im Süden der Metropole Kunming. SRF

Für mich fühlt sich die Ankunft in Kunming an, wie nach Hause kommen. Ich muss mein schweres Gepäck alleine in den Kofferraum stemmen und der Taxifahrer ist schlecht gelaunt. Es ist immer noch das China, das ich vor einem Jahr verlassen habe, denke ich beruhigt.

«Der Verkehr wird immer schlimmer», seufzt der Fahrer, der mich in die Stadt bringt. Der Mann teilt sein Schicksal mit hunderttausenden Kollegen in weiteren Millionenstädten des Milliardenreichs.

Kunming erfindet sich neu

China wird reicher, die Mittelklasse wächst und das Milliardenvolk macht mobil. Der chinesische Traum vom eigenen Auto lässt die Autoindustrie jubeln und die Feinstaubpartikel in den Grossstädten zu gesundheitsbedrohlichen Werten ansteigen. In Kunming fahren heute 1,5 Millionen Autos. Noch Anfang der neunziger Jahre war Kunming eine verschlafene Provinzstadt, heute sieht die Stadt aus wie ein Provisorium. Und es ist laut wie auf einer riesigen Baustelle. Das Konjunkturprogramm der Zentralregierung macht es möglich: Ein grosser Flughafen, ein neues Schnellbahnnetz und protzige Einkaufstempel.

Die Bevölkerungszahl hat sich in den letzten 15 Jahren auf drei Millionen verdoppelt. Bis 2020 sollen es über vier Millionen sein. So entstand die Idee von Chenggong.

Barbara Lüthi im Gespräch mit Arbeitern auf den Baustellen von Chenggong. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Wanderarbeiter Im Gespräch mit Arbeitern auf den Baustellen von Chenggong. SRF

Boomende Geisterstadt

Wir erreichen das neue Wohnviertel Chenggong, 25 Kilometer ausserhalb von Kunming. Produzentin Elvira Stadelmann und Kameramann Laurent Stoop haben bereits vorher in dieser Stadt eine Geschichte über potentielle Wohnungskäufer gedreht.

Wir fahren vorbei an unzähligen Wohnhäusern, Reihen um Reihen stehen die weitläufigen, neuen Siedlungen. Die meisten Wohnungen sind jedoch leer. Trotzdem wird fleissig weiter gebaut.

Zur Zeit ist Chenggong noch weit von dem entfernt, was man geschäftig nennen könnte. Zahlreicher als die Einwohner scheinen die Bauarbeiter zu sein, die durch die Saisonarbeit aus ganz China angelockt wurden, doch sie können sich hier keine Wohnung leisten. Angesiedelt wurden pensionierte Staatsangestellte. Und Studenten sollen kommen, neue Universitäten wurden schon einmal gebaut.

Eine Stadt ohne Bewohner und doch werden weiterhin Wohnungen verkauft? Es sind vor allem Investoren, die hoffen, dass die Preise weiter steigen. Das mag widersprüchlich klingen, denn der Wert einer Wohnung liegt ja darin, dass man ständig damit Geld verdient. In China aber gelten Immobilien als ein sicheres Investment, auch wenn niemand darin wohnt. Neureiche Chinesen wissen nicht wohin mit ihrem Geld. Auf die Bank wollen sie es nicht bringen, denn das bringt kaum Zinsen, und investieren im Ausland ist verboten. Was bleibt, sind teure Wohnungen. So entstehen in China Städte als Geldanlage. Nutzlos, aber eben nicht wertlos.

Chenggong in China Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Nutzlos aber wertvoll Wohnungen als Investment. SRF

Chinas Antwort auf die Finanzkrise

Was also macht den Erfolg einer chinesischen Stadt aus? Ist eine Stadt ein Fehlschlag, weil sie leer steht? Nein, denn in Chinas Geisterstädten geht es um Wachstum. Je mehr China ausgibt und baut, desto höher ist das BIP. Die Geisterstädte sind die Antwort der Regierung auf die globale Finanzkrise. Nach deren Ausbruch 2008 wies die Zentralregierung die Provinzen an, acht Prozent Wachstum zu erreichen. Denn das ist die Marke, die in China Vollbeschäftigung garantieren soll. Kein Bürgermeister wollte der Regierung melden, dass er das nicht erreicht hat, und das Einfachste war, es zu bauen.

Wohnturm in China Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Trabantenviertel Unzählige Wohnungen stehen hier leer. SRF

In China gehört alles städtische Land dem Staat. Die Stadtverwaltungen nutzen den Landbesitz, indem sie sich auf dem Verpachtungsmarkt engagieren, um Infrastruktur und Wohnungsprojekte zu finanzieren. Stadtverwaltungen erwirtschaften bis zu 60 Prozent ihres Haushaltes mit den Einnahmen aus Landübertragung oder Verpachtung. Man kann sich denken, dass diese Beteiligung an Immobiliengeschäften den Beamten zahlreiche Möglichkeiten zur Selbstbereicherung bietet. Die Finanzierung über die Banken stellte nach der Finanzkrise kein grosses Problem dar. Die Regierung überliess das Land billig privaten Baufirmen, der Bau spülte Geld in die Kassen der lokalen Firmen und sorgte somit für schnell generiertes Wachstum.

Der heiss gelaufene Immobilienmarkt bereitete der Zentralregierung lange Kopfschmerzen. Nach einer staatlich verordneten Kreditvergabe, verschärfte Peking die Regelungen für die Banken und führte Kontrollmechanismen ein, um den Wohnungskauf zu erschweren.

«China-Krise» oder neue Normalität?

Mittlerweile ist die chinesische BIP-Euphorie abgeklungen. Eine zweimalige Abwertung des Yuan verunsichert die Anleger. Die schwächelnde chinesische Wirtschaft erschüttert die Börsen weltweit. Die Talfahrt an den chinesischen Börsen ist gestoppt. Doch die Baisse an Chinas Finanzmärkten ist noch nicht ausgestanden und verunsichert die Anleger weiter.

Dabei wächst die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt noch – einfach nicht mehr in solch halsbrecherischen Tempo wie zuvor. Die chinesische Regierung setzt schon lange auf eine andere Wachstumsstrategie. Weg vom Export und staatlichen Investitionen hin zu mehr Binnenkonsum. Jede Restrukturierung braucht Zeit. Auch hat die chinesische Regierung mit über drei Billionen Dollar Devisenreserven die Mittel, um den Abwärtstrend zu stoppen.

Über Chinas Entwicklung sind sich die Experten nicht einig.

Für die einen durchläuft China eine Krise, für die anderen bewegt sich China auf eine neue Normalität zu mit Konjunkturschwankungen und weniger Wachstum. Und für wieder andere ist China nach wie vor das Schwellenland, dem es besser geht, als allen anderen.

Die China-Interpretationen haben viele Facetten – je nachdem wie wir China sehen wollen.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 28.08.2015 21:00

    DOK – Old Burma Road
    Von Kunming nach Dali

    28.08.2015 21:00

    Die sechsteilige Reise beginnt in der südchinesischen Stadt Kunming, der Partnerstadt von Zürich. Kunming hat sich in den letzten Jahrzehnten von einer gemütlichen Kleinstadt zu einer grossen Metropole gewandelt.