Mit Blut gegen Ebola

Es gibt einen Hoffnungsschimmer im Kampf gegen Ebola: das Blut oder Blutplasma von Menschen, die Ebola überlebt haben. Es enthält Antikörper, die das Virus in Schach halten. Möglicherweise liessen sich damit andere Patienten behandeln. Doch ob die Therapie tatsächlich anschlägt, ist offen.

Hand mit Handschuhen greift nach Ampullen, in die Blut tropft. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Blut von Ebola-Überlebenden enthält Antikörper gegen das Virus. Keystone

Als der US-amerikanische Arzt Kent Brantly in Monrovia an Ebola erkrankte, kam ihm ausgerechnet ein ehemaliger Patient zur Hilfe: Ein 14-Jähriger, der mit Brantlys Hilfe wieder genesen war, spendete dem Arzt Blut. Brantly überlebte, und spendete seinerseits – für ebolakranke Kollegen in den USA. Alle sind inzwischen wieder gesund.

Mit Blut gegen Ebola

5:25 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 01.11.2014

Die Ebola-Epidemie in Westafrika ist ausser Kontrolle. Die Zahl der Infizierten steigt täglich. Unter Hochdruck lässt die Weltgesundheitsorganisation neue Medikamente gegen Ebola testen, sogar Impfstoffe sollen im Eilverfahren zugelassen werden – es wird trotzdem Monate dauern, bis sie zur Verfügung stehen. Und doch gibt es einen kleinen Hoffnungsschimmer: Rekonvaleszenten-Seren. Das Blut oder Blutplasma von Menschen, die Ebola überstanden haben. Es enthält nämlich spezielle Antikörper gegen das Virus. Wenn man andere Patienten mittels Infusion mit dem Blut oder Blutplasma behandelt, dann können die Antikörper möglicherweise dabei helfen, die Krankheit zu besiegen.

Schwierige Umsetzung vor Ort

«Die Chancen stehen gut, dass Rekonvaleszenten-Seren sehr wirksam sind», sagte Marie-Paule Kieny von der WHO schon Anfang September. «Es gibt in Westafrika immer mehr Menschen, die eine Ebola-Infektion überlebt haben. Wenn sie ihr Blut spenden, könnten wir die Kranken sofort damit behandeln.» Die Seren haben zwei grosse Vorteile: Sie können direkt vor Ort in den Behandlungszentren gewonnen werden. Und sie sind theoretisch sofort verfügbar.

Doch erst jetzt, fast zwei Monate später, sollen die ersten Seren unter kontrollierten Bedingungen gewonnen und angewandt werden – zuerst in Liberia, später auch in den anderen betroffenen Ländern. Die Umsetzung vor Ort ist schwierig. «Es ist schon eine gewisse Infrastruktur notwendig», sagt Klaus Cichutek vom Paul-Ehrlich-Institut, das in Deutschland für Blutprodukte zuständig ist und die WHO berät. «Sie brauchen Apparate, um das Plasma zu gewinnen, und ausgebildetes Personal.»

Vor allem müsse sichergestellt werden, dass die Spender-Seren sicher sind und keine Viren wie HIV oder Hepatitis C enthalten. Der Aufwand ist enorm, und ob sich die Kranken damit tatsächlich retten lassen, ist ungewiss. Es gibt Wissenschaftler, die das bezweifeln.

Zweifel an der Wirksamkeit

«Es gibt keinerlei Beweise dafür, dass die Seren bei Ebola wirksam sind» sagt etwa Heather Lander von der Universität von Texas in Galveston. Sie hat mit Kollegen gesprochen, die mit den Seren arbeiten, und sich sämtliche bislang veröffentlichten Studien dazu angeschaut. «Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Seren etwa Affen vor Ebola schützen», sagt sie.

Beim Menschen sei die Datenlage ebenfalls dürftig. Zwar seien schon einzelne Ebolapatienten mit dem Blut oder Plasma von Überlebenden behandelt worden – auch in früheren Ausbrüchen – und hätten die Krankheit überstanden. «Aber wahrscheinlich waren eher andere Faktoren dafür ausschlaggebend», sagt Lander.

1995, bei einem Ausbruch in Kikwit im Kongo, bekamen acht Infizierte das Blut von Rekonvaleszenten transfundiert. Sieben haben überlebt. Allerdings haben sie das Blut sehr spät erhalten. Wissenschaftler gehen davon aus: Je länger Ebola-Infizierte die Krankheit schon durchgestanden haben, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie wieder vollkommen genesen. Womöglich hätten es die sieben auch ohne Blutspende geschafft. Und der US-Mediziner Kent Brantly erhielt neben dem Blut seines Patienten noch das experimentelle Medikament «Zmapp». Ausserdem wurde er in den USA auf einer perfekt ausgerüsteten Intensivstation versorgt – allein das erhöht die Überlebenschancen beträchtlich.

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Auch Klaus Cichutek vom Paul-Ehrlich-Institut bleibt vorsichtig. Die Wirksamkeit der Rekonvaleszenten-Seren sei bei Ebola nicht bewiesen. Trotzdem: «Wir denken, dass es wir diesen Weg auf jeden Fall versuchen müssen», sagt er.

Kontrollierte Studien im Ausbruchsgebiet

Das Blut und Plasma soll in Westafrika jetzt im Rahmen von kontrollierten Studien eingesetzt werden, um die Wirksamkeit genau zu überprüfen. Die Details stehen noch nicht fest. Ein Teil der Patienten würde wahrscheinlich das Blut oder Plasma von Rekonvaleszenten erhalten. Ein weiterer Teil ganz normales Blut oder Plasma – denn auch das könnte sich möglicherweise schon positiv auf den Krankheitsverlauf auswirken. Und ein Teil würde wahrscheinlich ein Placebo bekommen.

Ob sich Ebola tatsächlich mit dem Blut von Überlebenden bekämpfen lässt, wird sich also in den nächsten Monaten zeigen. Und wenn ja, stehen die Helfer vor der nächsten Herausforderung: wie viele Menschen sie in der Ausbruchssituation tatsächlich behandeln könnten.

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