«Die Menschen verstehen nicht, warum sie Organe spenden sollen»

Derzeit warten mehr als 1000 Patienten auf ein Spenderorgan, vor allem auf eine Niere. Warum die Zahl von Spendern und Empfängern so weit auseinanderklafft, erklärt Medizinethiker Alex Capron.

Die Zahl der Organspender in der Schweiz ist zu klein. 50 Patienten der Warteliste sterben deswegen jedes Jahr, bevor ein geeignetes Organ zur Verfügung steht. Daniel Theis sprach mit Medizinethiker Alex Capron über die Kluft, die sich zwischen Bedarf und Spendebereitschaft auftut. Capron weilt derzeit als Gast-Professor am Institut für Bio- und Medizinethik der Uni Basel.

Porträt von Alex Capron. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Medizinethiker Alex Capron University of Southern California

SRF: Was ist das grundlegende Problem – warum werden zu wenige Organe gespendet?

Alex Capron: Das Problem mit dem Mangel an Organspenden ist ein Zweifaches. Erstens: Der Bedarf an Spenderorganen steigt kontinuierlich, weil die Menschen immer älter werden. Damit hängt zusammen: Es gibt mehr Fälle von Diabetes und Bluthochdruck. Das sind Krankheiten, die Organtransplantationen notwendig machen können.

Und zweitens: Die Leute verstehen nicht, warum sie ihre Organe spenden sollen. Sie verstehen die Dringlichkeit nicht. Aber genau das ist der Punkt, wo die Gesellschaft eingreifen kann.

Und wie lässt sich das erreichen? Haben Sie ein Beispiel, wo das gut funktioniert hat?

In Spanien existiert die sogenannte Widerspruchslösung. Das bedeutet: Jeder Mensch ist ein Spender, ausser er widerspricht und sagt aktiv «nein» dazu. In einer Gesellschaft, wo viele Organspenden unterstützen, funktioniert das gut. Aber ich bin nicht sicher, wie es sich in Gesellschaften verhält, die eine Organspende kritisch sehen.

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50 Jahre Organtransplantation

Seit 50 Jahren werden am Universitätsspital Zürich Organe transplantiert. Dieses Jubiläum feiert die Klinik unter anderem mit einer neuen Website zum Thema mit vielen Informationen und Erfahrungsberichten.

Was halten Sie für das beste: Sollte die Schweiz ihr System ändern von der Zustimmungslösung, wo eine Person aktiv einer Organentnahme zugestimmt haben muss, hin zur Widerspruchsregelung?

Spanien hat tatsächlich eine viel grössere Zahl an gespendeten Organen. Aber das hat laut Fachleuten nichts mit der Widerspruchslösung zu tun. Vielmehr liege es daran, dass das Personal in den Spitälern viel besser vorbereitet ist. Die Familien Verstorbener werden von spezialisierten Ärzten besucht und beraten. Sie können den Familien den Ablauf einer Organspende ganz genau erklären. Sie kümmern sich aktiv darum. Dieses Vorgehen geniesst in der Bevölkerung Vertrauen.

Wie läuft so ein Gespräch ab – was wollen die Angehörigen in den Gesprächen wissen?

Sie sind oft besorgt darüber, wie der Körper nach der Organentnahme aussieht. Ist dann bei der Bestattung wirklich noch ein offener Sarg möglich? Die Antwort ist ein klares Ja! Eine Organentnahme stört eine respektvolle Bestattung in keiner Weise.

«  Wenn jemand eine Bluttransfusion braucht, sagen wir ja auch nicht: Sie haben noch nie Blut gespendet, also bekommen Sie jetzt auch keins. »

Ein anderes mögliches System wäre: Nur wer selbst bereit wäre, ein Organ zu spenden, kann im Krankheitsfall auch selbst eines erhalten.

Wir sagen ja auch nicht, wenn jemand krank im Spital liegt und eine Bluttransfusion braucht: «Sie haben noch nie Blut gespendet, also bekommen Sie jetzt auch keins.» Das ist wie bei den Organen: Es ist eine Ressource der Gemeinschaft. Es ist etwas, zu dem die Leute beitragen können.

Es braucht mehr Organspenden

5:29 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 08.11.2014

Meistens spricht man bei der Organspende ja von Spendern, die gestorben sind. Es gibt aber auch Menschen, die in der Zeitung lesen, dass jemand ein Spenderorgan braucht und die sich dann sagen: «Ich könnte das ja machen» – eine Niere spenden beispielsweise.

Um es zusammenzufassen: Es geht darum, dass man der Gemeinschaft etwas gibt – aber nicht jeder mag das mit Organen machen. Es gibt viele verschiedene Wege, etwas Nützliches zu tun.

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