Hakenwurm – Plage mit positivem Potenzial

Wie es Hakenwürmer schaffen, im menschlichen Körper zu überleben, ist für die moderne Medizin hochinteressant. Dem Trick der Parasiten wird grosses Potenzial für den Kampf gegen Allergien und Immunkrankheiten zugeschrieben.

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Hakenwürmer – Vom Parasiten zur Hoffnung für Allergiker

6:18 min, aus Puls vom 5.12.2016

Hakenwürmer sind ausserordentlich unangenehme Hausgäste. Ihre Larven liegen im Kot am Boden oder schwimmen im verschmutzten Brackwasser und warten nur darauf, von nackten Füssen aufgelesen zu werden. Zum Beispiel in Indien oder Thailand, auf jeden Fall in den Tropen und dort, wo sich die Hygiene noch nicht durchsetzen konnte.

Grafische Darstellung eines Hakenwurms im menschlichen Körper Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Hakenwürmer sind unangenehme Zeitgenossen. Aber ihre Überlebensstrategie macht sie interessant für die Medizin. imago

Eine halbe Milliarde Menschen leiden unter dem Hakenwurm. Wo sich die Gelegenheit findet, da beissen sich die Larven durch die Haut und landen nach einer langen, umständlichen Reise durch den Körper im Darm. Dort nisten sie sich wohlig ein und wachsen zu zentimeterlangen Würmern an, die Blut aus den Gefässen der Darmwand saugen.

Die daraus resultierenden Bauchkrämpfe sind schon lästig genug. Hat die Zahl der Würmer aber erst einmal ein gewisses Mass überschritten, kann die daraus resultierende Blutarmut durchaus gefährlich werden: Ende des 19. Jahrhunderts machte sie sich beispielsweise auf der Gotthard-Baustelle als «Tunnelkrankheit» einen gefürchteten Namen.

In Wurmgebieten sind Allergien kaum ein Thema

Mittlerweile geht man davon aus, dass uns Würmer und Bakterien in gewissem Mass nicht nur Schaden zufügen. Sie regen unser Immunsystem an, halten es stetig auf Trab. Wo keine Würmer, da viel mehr Allergien: «Es ist sicher so, dass wir hier zu sauber leben. Dadurch wird das Immunsystem weniger stimuliert und es kommt auf die ‹dumme Idee›, Allergien zu entwickeln», weiss Prof. Peter Schmid, Leitender Arzt der Allergiestation am Universitätsspital Zürich.

Und so erfreut sich der üble Mitbewohner Hakenwurm seit ein paar Jahren auch durchaus positiv besetzter Aufmerksamkeit seitens der Forschung: Die interessiert sich für den Zusammenhang zwischen Wurm und Überreaktion des Immunsystems. Genauer gesagt für den Trick, den der Hakenwurm anwendet, um im menschlichen Körper zu überleben. Der müsste sich doch auch als Therapie gegen Allergien, Asthma und Heuschnupfen nutzen lassen?

Interessanter Nebeneffekt

Allergologe Schmid beschäftigt sich seit Jahren mit dem Parasiten und ist von der möglichen Therapie mittels Hakenwürmern durchaus angetan: «Das ist doch ein origineller Ansatz, dass man sozusagen versucht, etwas aus der Natur zu nutzen, um ein fehlgeleitetes Immunsystem zu beeinflussen.»

Die Hakenwurm-Strategie ist eigentlich einfach: Das Immunsystem so weit runterfahren, dass es den Wurm im Darm nicht angreift. Angenehmer Nebeneffekt dabei ist, dass just jener Teil des Immunsystems gedämpft wird, der auch Allergien, Heuschnupfen oder Asthma auslöst. Der Hakenwurm verursacht zwar Bauchkrämpfe, dämpft aber auch Allergie-Symptome, was verschiedene Studien tatsächlich belegen.

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Im TV-Highlight «Gotthard» erfahren Sie mehr über die Ursachen, Auswirkungen und die rapide Verbreitung des tödlichen Wurms in den Tiefen des Gotthard-Massivs.

Sollen sich also Allergiker einfach ein paar Parasiten zulegen? «Ein grosser Knackpunkt ist bis jetzt die Anzahl der Würmer, die einen angenehmen Effekt produzieren», weiss Prof. Schmid. «Sind es zu viele, schaden sie dem Patienten – sind es zu wenige, nutzen sie nichts. Im Moment denkt man, dass 25 bis 50 Würmer den idealen Effekt hervorrufen.»

Nur: Wer will schon freiwillig Würmer in seinem Darm? Peter Schmid: «Es gibt viele Menschen, die sich nie und nimmer absichtlich einen Wurm ansetzen würden. Aber es gibt auch andere, die finden, dass das durchaus Sinn macht. Wir haben immer wieder Interessenten, die sich bei uns melden.» Interessenten, die er abweisen muss. Noch gibt es keinen regulären Einsatz der Hakenwurm-Therapie – schon gar nicht in Pillen- oder Spritzenform.

Weiter Weg zum Medikament

Zwar haben erst kürzlich australische und amerikanische Forscher zusammen einen Weg gefunden, das Wurm-Molekül, welches das Immunsystem reguliert, zu bestimmen und zu extrahieren. Bis dieses aber als Medikament einsetzt werden kann, dürfte es noch zehn bis 15 Jahre dauern.

«Das ist noch ein weiter Weg», meint Peter Schmid, «weil wir ja erst herausfinden müssen, wie Menschen dieses Molekül in konzentrierter Form vertragen und wem genau es wirklich hilft.»

Allergien in allen Bereichen, Heuschnupfen und Asthma sind nicht die einzigen Punkte, bei denen man den Wurm ansetzen will. Er soll auch gegen chronische Darmentzündungen und vielleicht sogar gegen Multiple Sklerose eingesetzt werden – wobei die neusten Studienresultate diesbezüglich wenig optimistisch ausfielen.

Sich in den nächsten Weihnachtsferien in Thailand absichtlich einen Hakenwurm aufzulesen, um dann im Frühjahr darauf zu hoffen, keinen Heuschnupfen zu bekommen, davon rät Peter Schmid übrigens strikte ab.

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