Akromegalie – Das Leiden, das den «Beisser» formte

Richard Kiel, der legendäre 007-«Beisser» mit dem Stahlgebiss, ist tot. Seine Filmkarriere verdankte der Hüne mit der unverwechselbaren Erscheinung nicht zuletzt einer seltenen Erkrankung.

Standbild aus dem Bond-Film von 1977: Der Beisser nimmt 007 in die Mangel. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Richard Kiel wurde durch seine Figur als «Beisser» in «Der Spion, der mich liebte» zur Film-Ikone. imago

2,17 Meter gross war Richard Kiel – schon mit 18 Jahren mass er mehr als zwei Meter. Nun ist der Mann, der als «Beisser» mit Stahlgebiss in zwei Bond-Streifen zur Film-Ikone wurde, mit 74 Jahren gestorben.

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Akromegalie

5:59 min, aus Puls vom 4.2.2002

Mehr als sein Schauspiel wird wohl seine auffallende Physiognomie in Erinnerung bleiben: Neben seiner imposanten Grösse fielen vor allem seine grossen Hände und sein markantes Kinn auf – alles Folgen einer seltenen Erkrankung: der Akromegalie.

Fehlfunktion der Hypophyse

Bei der Akromegalie kommt es durch eine Erkrankung der Hirnanhangsdrüse zu einer überschiessenden Produktion eines Wachstumshormons. In den meisten Fällen ist daran ein gutartiger Tumor Schuld, seltener handelt es sich um ein bösartiges Krebsleiden oder – wie in Richard Kiels Fall – um eine angeborene Störung. In der Schweiz erkranken jährlich gerade einmal 35 Menschen an einer Akromegalie, meist in einem Alter von 40 bis 50 Jahren. Bis schlussendlich die richtige Diagnose fällt, vergehen oft zehn Jahre.

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Hormonfabrik Hypophyse

Die Hypophyse liegt auf Augenhöhe hinter der Nasenwurzel. Mit dem Gehirn verbindet sie eine Art Stiel – deshalb der Name «Hirnanhangsdrüse». Sie produziert Hormone, die die Funktion von Nebennieren, Eierstöcken, Hoden oder Schilddrüsen steuern und schüttet ein Wachstums-Hormon aus, das auch den Eiweiss-, Fett- und Zucker-Stoffwechsel steuert.

Das ist kein Wunder, denn die Symptome sind diffus und entwickeln sich schleichend: Plötzlich passen Ringe nicht mehr so gut, die Schuhe beginnen zu drücken, Taubheit macht sich in den Händen breit. Manchmal verschlechtern sich auch die Augen, Menstruationsstörungen beginnen, die Erektionsfähigkeit lässt nach, der Blutdruck steigt.

Viele schlafen wegen Schlafapnoe und Schnarchen schlechter. Andere klagen über Kopfschmerzen, Müdigkeit, Hitzewallungen oder Knochenschmerzen – doch all das sind vielfach auch ganz normale Begleiterscheinungen des Älterwerdens.

Veränderungen, die kein Zeichen der Zeit sind

Oft springen die äusserlichen Veränderungen erst beim Betrachten alter Urlaubsfotos ins Auge: das vergrösserte Kinn, die gröberen Gesichtszüge, die grössere Nase, vielleicht auch die ausgeprägteren Jochbeine oder langsam gewachsene Wülste im Bereich der Augenbrauen.

Spätestens jetzt sollten Ärzte bei der Schilderung dieser Veränderungen hellhörig werden und Aufnahmen des Kopfes anordnen, um mögliche Veränderungen der Hypophyse aufzudecken. Beginnt die Akromegalie in der Pubertät, stellt wachsen die Betroffenen insgesamt in die Länge.

Im Falle eines Tumors wird zunächst versucht, so viel wie möglich vom Tumorgewebe zu entfernen. Auch Bestrahlungen kommen zum Einsatz. Tabletten können helfen, die Hormonausschüttung im Lot zu halten. Selbst wenn eine Therapie erfolgreich ist: Die Symptome bilden sich nicht mehr zurück.

Für Richard Kiel, der eigentlich Mathematiker war, war seine aussergewöhnliche Erscheinung das Sprungbrett ins Showbusiness. Ob sein Tod auch mit seiner Akromegalie im Zusammenhang steht, ist unbekannt. Denn die Hormonstörung belastet auch die Organe und das Herz-Kreislauf-System – Gründe dafür, warum Menschen mit Akromegalie in der Regel eine verkürzte Lebenserwartung haben.