Die Schatten der Nachtarbeit

Rund 14 Prozent aller Arbeitnehmer in der Schweiz arbeiten immer oder teilweise Nachtschicht. Das sind 587'000 Menschen. Untersuchungen zufolge leidet jeder Vierte von ihnen an gesundheitlichen Problemen. Doch offen darüber reden mag kaum jemand. Zu gross ist die Angst vor einem Jobverlust.

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«Puls vor Ort» zur Nachtarbeit

39 min, aus Puls vom 29.9.2014

Wer Nachtschicht arbeiten möchte, muss gesund sein; nur so kann er oder sie den starken Belastungen der Nachtarbeit standhalten. Entsprechend sieht das Gesetz vor: «Arbeitnehmende mit 25 und mehr Nachteinsätzen pro Jahr haben Anspruch auf eine medizinische Untersuchung und Beratung. Dieser Anspruch kann alle zwei Jahre, ab 45 Jahren jährlich geltend gemacht werden.»

Dennoch leidet jeder Vierte an gesundheitlichen oder psychosozialen Folgen.

Tabu Nachtarbeit

Auf der Suche nach nachtarbeitenden Menschen hat «Puls» bei mehreren Unternehmen aus den Bereichen Pharma, Finanzen und Grossverteiler in Basel und der Region nachgefragt, doch versagten mehrere Unternehmen dem Schweizer Fernsehen einen Blick hinter die Kulissen. Mit Argumenten, die – siehe TV-Beitrag – kaum nachvollziehbar sind, aber Raum für Fragen und Spekulationen bieten: Haben die Betriebe etwas zu verbergen? Haben sie Angst, ihre Angestellten könnten sich negativ über die Arbeitsbedingungen während der Nachtschicht äussern?

Das Gesetz möchte Arbeitnehmer, denen Schichtarbeit gesundheitliche Problemen bereitet, schützen: «Der Arbeitgeber hat den Arbeitnehmer nach Möglichkeit zu einer ähnlichen Arbeit zu versetzen, zu der er tauglich ist», heisst es dort wohlmeinend.

Die Realität sieht aber gemäss Arbeitsmediziner und Arbeitnehmer offensichtlich anders aus: Viele Firmen haben nur Schichtarbeitsplätze anzubieten. Kann jemand aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr Schicht arbeiten, gibt es für diese zum Teil langjährigen Mitarbeitenden keinen alternativen Arbeitsplatz in dieser Firma mehr.

Aus Angst um ihren Arbeitsplatz reden auch die meisten Nachtschichtarbeitenden nicht wirklich offen über ihre gesundheitlichen und sozialen Probleme. Und so lange es irgendwie geht, arbeiten sie weiter. Oft aus Mangel an Alternativen. Und schliesslich bringt Nachtarbeit auch gute finanzielle Zuschläge.

Fünf Tipps vom Arbeitsmediziner

So können Nacht- und Schichtarbeitende gesundheitliche Probleme umgehen:

  1. Suchen Sei einen Arbeitgeber, der ein für die Gesundheit besseres Schichtsystem anbietet. Dies sind solche, die nach vorne rotieren. Das heisst man beginnt die erste Phase am Morgen, danach am Nachmittag und dann kommt die Nachtschicht. Am besten sind die Modelle, an denen nur 2–3 Tage morgens, dann 2–3 Tage nachmittags und dann 2–3 Tage nachts gearbeitet wird. Bei einem solchen kurzrotierenden System entsteht weniger Schlafdefizit durch die kurzen Phasen und diese Mitarbeitenden sind weniger übermüdet.
  2. Schlafen Sie mindestens sieben Stunden pro Tag, dieser Schlaf kann auch in zwei Schlafeinheiten eingeteilt werden.
  3. Zentral für eine gute Gesundheit ist ausreichende Bewegung in der Freizeit. Die Bewegung am Arbeitsplatz genügt meist nicht. Bewegen Sie sich nach den Angaben des Bundesamtes für Sport (siehe «Mehr zum Thema»-Box).
  4. Ernähren Sie sich ausgewogen und den Schichtzeiten angepasst. Das SECO hat sehr gute Empfehlungen erarbeitet (siehe «Mehr zum Thema»-Box).
  5. Sollten Sie aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr Schicht arbeiten können, sprechen Sie mit Ihrem Hausarzt und versuchen Sie danach ein Gespräch mit dem Hausarzt und dem Arbeitgeber zu organisieren.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 29.09.2014 21:05

    Puls
    «Puls vor Ort» zur Nachtarbeit

    29.09.2014 21:05

    Wenn der Mond aufgeht, steht die Welt nicht still: Eine Schattenwelt setzt sich in Bewegung. In öffentlichen Diensten, in Unternehmen der Chemie, bei Grossverteilern, Logistikunternehmen und Sicherheitsorganen – «Puls»-Moderatorin Corinne Waldmeier blickt hinter die Kulissen der Nachtarbeit.