Guter Gefühlsmix, starke Psyche

Wer oft fröhlich ist und selten traurig, dem geht es gut. Noch besser geht es allerdings jenen, die ganz viele verschiedene Gefühle empfinden – und zwar sowohl positive wie negative. Zu diesem Schluss kommt eine neue Studie.

Eine Frau hält sich zwei Smileys vor die Augen und zieht eine Schnute. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein facettenreiches Gefühlsleben ist am gesündesten. Colourbox

Die Biodiversitätsforschung zeigt: Monokulturen sind viel anfälliger auf Schädlinge oder schlechtes Wetter als Ökosysteme mit einer grösseren Artenvielfalt. Genau so ist es auch bei unserem psychischen System.

Das konnte ein internationales Forscherteam in einer gross angelegten Studie mit über 37‘000 Teilnehmenden nachweisen. Die Teilnehmenden mussten in einem Online-Fragebogen einerseits angeben, wir häufig sie in der vergangenen Woche Gefühle wie Scham, Liebe, Stolz, innere Ruhe, Argwohn oder Hass empfunden hatten. Und sie mussten einen Depressionsfragebogen ausfüllen.

«Emodiversität» gegen Schwermut

Resultat: Wie erwartet fühlten sich die Versuchspersonen weniger depressiv, je häufiger sie positive Gefühle und je seltener sie negative Gefühle empfanden. Doch darüber hinaus hing auch die Vielfalt der verschiedenen Emotionen mit der Depressivität zusammen. Wer ein grösseres Repertoire an positiven Gefühlen hatte, war noch weniger depressiv. Und erstaunlicherweise war auch eine grössere Vielfalt an negativen Gefühlen mit weniger Depressivität verbunden.

Ein guter Gefühlsmix ist gesund

4:53 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 27.11.2014

Die Studienautoren erklären sich das folgendermassen: Wer nur wenige unterschiedliche Gefühle kennt – nur gerade Freude oder Angst – gerät leicht aus dem Gleichgewicht, wenn die Auslöser für die Freude wegfallen oder jene für die Angst Überhand nehmen. Wer hingegen verschiedene emotionale Schattierungen kennt, ist robuster. Denn jemand, der sich auch ab und zu dankbar fühlt oder zu einer Albernheit aufgelegt, kann sich auch daran erfreuen. Jemand, der auch Wut oder Melancholie kennt, wird weniger von seiner Angst eingenommen.

Weniger Medikamente

In einer zweiten Befragung – mit etwas weniger Versuchspersonen – fragten die Studienautoren wieder die Gefühle ab. Diesmal erhoben sie zusätzlich statt der Depressivität die Anzahl Arztbesuche, die Krankheitskosten und Anzahl der Medikamente. Diese Daten hatten sie von einem belgischen Krankenversicherer erhalten. Auch hier zeigte sich: Vielfalt, sowohl bei negativen wie positiven Gefühlen, hängt mit weniger Arztbesuchen, weniger Kosten und weniger Medikamenten zusammen – scheint also gesundheitsfördernd zu sein.

Genau genommen wäre es auch möglich, dass es umgekehrt ist: Dass schlechte psychische und körperliche Gesundheit zu einer Verflachung der Gefühlswelt führen. Doch die Autoren halten die andere Interpretation für wahrscheinlicher.

Keine Antwort hat die Studie auf die Frage, ob man sich eine reiche Gefühlswelt aneignen kann. Aber vorangehende Studien zeigen: Nicht alle Menschen erkennen bei sich überhaupt so feine Schattierungen des Gefühlslebens. Dieses Erkennen zu üben könnte ein erster Schritt sein. Es gibt auch bereits Methoden dazu: sich das eigene Gefühlsleben zum Beispiel als Orchester vorzustellen und dabei nicht nur auf die «Angst-Tuba», sondern auf alle Instrumente zu hören, bis hin zum «Schalk-» oder «Gereiztheits-Triangel».