Gesunder Dreck: Keimfrei macht krank

«Sauber ist gut», sagen wir. Und das sehen wir unserer Umgebung an. Graffiti werden weggeputzt, Abfälle eingesammelt. Gleichzeitig wissen wir, dass Kinder, die auf dem Bauernhof aufwachsen, weniger Allergien entwickeln als andere Kinder. Eine Diskrepanz.

Eine Person reibt sich Desinfektionsmittel in die Hände.
Bildlegende: Geschwächte Personen müssen vor möglichen ungünstigen Keimen geschützt werden. Gesunden Personen tut mehr Dreck gut. Keystone/Gaëtan Bally

«Wir fürchten uns vor Keimen», sagt Karl Perron, Bakteriologe an der Universität Genf, «erstens, weil wir sie nicht sehen, zweitens, weil wir sie mit Krankheiten in Verbindung bringen».

Bakterien sind nicht dumm

«Dabei macht uns eine keimfreie Umwelt krank», ergänzt Francesco Panese, Medizinsoziologe an der Universität Lausanne. «Eine keimfreie Umgebung ist die beste Art, Lebewesen krank zu machen.»

Didier Pittet, Infektiologe am Universitätsspital Genf, weist auf Folgendes hin: «Desinfektionsmittel als Putzmittel brauchen wir in unserem Alltag nicht. Bakterien sind nicht dumm, gegen etwas Desinfektionsmittel können sie sich wehren und entwickeln einen Abwehrmechanismus.»

Die ersten tausend Tage

«Natürlich: Ist jemand krank, ist ein gewisses Mass an Hygiene wichtig», sagt Philippe Eigenmann, Allergologe am Genfer Universitätsspital. «Ansonsten ist Dreck nicht schlecht für die Gesundheit. Im Gegenteil.»

«Besonders in den ersten rund tausend Tagen ist der Fötus, das Kind, besonders sensibel», ergänzt Umberto Simeoni, Kinderarzt am Universitätsspital in Lausanne. «In dieser Zeit kann der wachsende Mensch viele Abwehrmechanismen entwickeln.»

Moderation: Adrian Küpfer, Redaktion: Brigitte Wenger