Globalisierte Kinderbücher oder: Was ist kultursensibles Lesen?

  • Montag, 19. August 2013, 10:03 Uhr
Sendetermine
  • Erste Ausstrahlung:
    • Montag, 19. August 2013, 10:03 Uhr, Radio SRF 2 Kultur
  • Wiederholung:
    • Montag, 19. August 2013, 22:06 Uhr, Radio SRF 2 Kultur

«Negerlein» gilt heute als abwertendes Wort. Kinderbuchklassiker werden darum sanft sprachlich modernisiert, wenn sie solche Un-Wörter enthalten. Aber die Spuren von Ethnozentrismus, Paternalismus und Ideologie lassen sich durch den Ersatz von Einzelwörtern nicht tilgen.

Die kleine Hexe: Aus dem «Negerlein» im Fasnachtsumzug wird ein Messerwerfer.
Bildlegende: Die kleine Hexe: Aus dem «Negerlein» im Fasnachtsumzug wird ein Messerwerfer. Thienemann Verlag

Kinder- und Jugendbücher haben sich in den vergangenen Jahrzehnten massiv verändert und entwickelt. In den Klassikern von Otfried Preussler oder Astrid Lindgren durften noch Werte und Wörter verwendet werden, die heute als politisch unkorrekt gelten.

Aus diesem Grund wurde eine soeben erschienene Neuausgabe von Otfried Preusslers «Die kleine Hexe» sprachlich leicht modifiziert - zum Beispiel wurde in einem Fasnachtszug aus einem «Negerlein» ein «Messerwerfer».

Die Ankündigung dieser Neuausgabe löste Anfang 2013 eine heftige Mediendebatte über Sinn oder Unsinn solcher Textmodifikationen aus.

«Nigger Jim Debatte»

In Amerika läuft eine ähnliche Auseinandersetzung unter dem Begriff «Nigger Jim Debatte». Nigger Jim ist eine Figur in Mark Twains Jugendromanen um Tom Sawyer und Huckleberry Finn.

Der afroamerikanische Schriftsteller und Bürgerrechtler Ishmael Reed fordert, man solle besser die Bücher lesen, um sie überhaupt zu verstehen, statt einzelne Wörter zu zensieren. In der Tat stecken ungerechte Geschlechterrollen, eine westlich-zentrierte Perspektive auf fremde Kulturen oder ideologische Maniuplation oft nicht in Einzelwörtern, sondern in der Gesamtdarstellung oder in einzelnen Figuren.

Kultursensibles Lesen

Sollen Kinder- und Jugendbücher überhaupt sprachlich modernisiert werden, damit sie wertfrei und vorurteilslos gelesen werden können? Kann man überhaupt wertfrei und vorurteilslos - kultursensibel - Geschichten über fremde Kulturen schreiben und lesen?

Wird eine fremde Kultur authentisch dargestellt, entspricht sie vielleicht nicht mehr unseren Vorstellungen von political correctness. Wird sie gemäss westlichen Werten dargestellt, entspricht sie nicht mehr der lokalen Realität. Ein auswegloser Zirkel?

Es diskutieren Cyrilla Gadient vom Verein Baobab Books und Roger Meyer vom Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien (sikjm).

Autor/in: Markus Gasser