«Figg di, pftammi nomoll!» Von wüsten Wörtern und ihrer Wirkung

Schimpfen, Fluchen, Lästern, Schmähen, Beleidigen, Verspotten. Das waren im Mittelalter die sogenannten «Zungensünden». Auch heute noch faszinieren uns wüste Wörter, weil sie im Graubereich der sprachlichen Grenzüberschreitung liegen. 

Handzeichen und Gras
Bildlegende: Symbolbild Colourbox

Wie leicht ist jemand betupft, wenn man das falsche Wort erwischt. Aber wie sehr kann uns das träfe Kraftwort auch Erleichterung verschaffen. Pftammi!

Die Schönheit der wüsten Wörter
«D Schöni vo de wüeschte Wörter isch e Brunnen i dr Wüeschti vo de schöne Wörter»». Mit diesem Gedicht brachte der Berner Pfarrer und Autor Kurt Marti unsere Faszination fürs Fluchen und Schimpfen auf die kürzestmögliche Formel: Wüste Wörter beleben den bravbürgerlichen Sprachalltag. Aber das ist längst nicht alles. Fluchen und Schimpfen wirkt sich auch direkt auf uns und unsere Mitmenschen aus. Das richtige Kraftwort kann den einen verletzen, den anderen erleichtern.

«Zwoi Wiiber us Wimmis»
Wir müssen im Alltag sauber austarieren, welchen Grad von Provokation wir mit unserer Wortwahl wagen. Wenn der Berner Rocker Gölä auf der Bühne seine beiden Backgroundsängerinnen als «zwoi Wiiber us Wimmis» bezeichnet, dann mag das von ihm liebevoll gemeint sein, aber es wirkt grob und abwertend. Vor allem pflegt er damit sein Image als Büezer und Querkopf.


«Es ghört scho chli zum guete Ton, dass me fluecht»
Jugendliche reden besonders gerne wüst - das meinen jedenfalls die Erwachsenen. Klar: Ungebändigte Energie, Revoluzzergeist, die Wirkung der Hormone... Aber reden unsere heutigen Teenies tatsächlich so viel wüster als diejenigen vor 30 oder 50 Jahren? Nur weil sie «figg dini Muetter, du Opfer» sagen? Die heute Fünfzigjährigen beschimpften damals ihre Feinde als «Wixer» und «Möngi», sagten noch ungeniert «Neger», und «geil» lag ziemlich jenseits des Erlaubten. «D Schöni vo de wüeschte Wörter» liegt halt auch im Auge des Betrachters.

Die Sprachwissenschaftlerin Regula Schmidlin und der junge Slam Poet Lucas Zibulski diskutieren mit Mundartredaktor Markus Gasser über Vielfalt und Faszination der wüsten Wörter: über die Frage, ob es einen Unterschied macht, wenn eine Frau oder ein Mann in der Öffentlichkeit flucht; welchen Einfluss auf die Schimpfkultur das Internet mit seinen Hasskommentaren und Shitstorms spielt; und wie sich die wüste Rede in verschiedenen Sprachen und Kulturen unterscheidet.

Literatur

  • Gauger, Hans-Martin: Das Feuchte und das Schmutzige. Kleine Linguistik der vulgären Sprache. C.H. Beck 2012
  • Sedlaczek, Robert und Winder, Christoph: Das unanständige Lexikon. Tabuwörter der deutschen Sprache und ihre Herkunft. Haymon 2014
  • Hess-Lüttich, Ernest W.B.: Himmelherrgottsakrament! Gopfridstutz! und Sackzement! - Malediktologische Beobachtungen - besonders in der Schweiz. In: Sprachspiegel 4/2018 (http://www.sprachverein.ch/sprachspiegel_pdf/Sprachspiegel_2018_4.pdf)
  • Nübling, Damaris und Vogel, Marianne: Fluchen und Schimpfen kontrastiv. Zur sexuellen, krankheitsbasierten, skatologischen und religiösen Fluch- und Schimpfwortprototypik im Niederländischen, Deutschen und Schwedischen. In: Germanistische Mitteilungen Nr. 59, 2004, S. 19 - 33 (http://www.bgdv.be/wordpress/wp-content/uploads/2017/04/gm59_nuebling_vogel.pdf)

Moderation: Marietta Tomaschett, Redaktion: Markus Gasser