Sommerlesung: «Näschtwermi» (4/4)

Es gibt Momente, in denen Lina glaubt, sie sei Edi doch nicht ganz gleichgültig. Zum Beispiel, als er mit ihr auf den Weissenstein will, genau wie damals, vor 45 Jahren kurz vor ihrer Hochzeit. Doch der Ausflug endet im Streit.

Immer wieder vergleicht Lina Edi mit Otti. Bei Otti hatte Lina das Gefühl, sie lebe auf, wenn sie ihn nur schon sehe. Bei ihm ist sie sich gescheit vorgekommen, bei Edi meistens dumm. Aber zusammenleben muss sie mit Edi. So will es das Schicksal. Um etwas zu ändern, ist es zu spät. «Wenn Edi krank wird, muss ich zu ihm schauen», geht es ihr durch den Kopf. «Aber wer schaut dann einmal auf mich, wenn es bei mir so weit ist?»

Lina erinnert sich an den Besuch der Zeugen Jehovas. Erst als sie wieder weg waren, kam ihr in den Sinn, was sie gerne gefragt hätte: Hatten diese Leute schon immer das Gefühl, dass in der Zeit, in der sie leben, die Menschen immer primitiver und rücksichtsloser werden? Vielleicht ist dies nur der Eindruck einer alten Frau, die nicht mehr so ganz versteht, was sich auf der Welt abspielt, obwohl sie fast jeden Abend die Nachrichten schaut. Heute Abend hat sie keine Lust dazu.

Der Wind lässt sie nicht schlafen, und es kommt ihr alles Mögliche in den Sinn, an das sie sonst gar nicht denken würde. Plötzlich glaubt Lina, ein Husten gehört zu haben. Das muss Edi sein. Es friert ihn wohl an den Füssen, obwohl das Zimmer gut geheizt ist. Lina steht auf, um ihm eine Bettflasche bereit zu machen. Doch dann geht die Küchentüre auf. Er ist es, Edi.

Redaktion: Buschi Luginbühl

 

Autor/in: Ernst Burren, Redaktion: Buschi Luginbühl