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Miss Jemimas Tagebuch Tag 10: Giessbach

Die Reisegruppe geniesst das Spektakel der Giessbachfälle und mokiert sich über das Nachtquartier aus Holz, Holz, Holz.

Legende: Video Tagebuch: Das Grandhotel Giessbach abspielen. Laufzeit 08:47 Minuten.
Aus Die Alpenreise vom 27.07.2018.
Wir erreichten das Dampfschiff zum Giessbach und hatten noch Zeit für eine kleine Auseinandersetzung mit dem Träger, der auf Geheiss des Wirts darauf insistierte, uns zu viel Geld abzuknöpfen.

Miss Jemimas Tagebuch: Dienstag, 7. Juli 1863 (Fortsetzung)

Nach unserer Rückkehr fanden wir erleichtert Schutz an der Bar im kühlen Esssaal. Erfrischt nahmen wir dann die klobige Kutsche des Wirts nach Interlaken. Die Fahrt war grossartig. Wir erreichten das Dampfschiff zum Giessbach und hatten noch Zeit für eine kleine Auseinandersetzung mit dem Träger, der auf Geheiss des Wirts darauf insistierte, uns zu viel Geld abzuknöpfen.

Der Nachmittag war wunderhübsch und wir genossen unsere ruhige Bootsfahrt auf dem See sehr. Wir landeten bei der Plattform, nahe bei den Giessbachfällen.

Legende: Video Spektakel Giessbachfälle abspielen. Laufzeit 01:02 Minuten.
Aus Die Alpenreise vom 27.07.2018.

Diese Fälle bilden eine Reihe von Kaskaden und ergiessen sich Stufe für Stufe von einem hohen Berg. Sie sind zwar nicht so hoch wie einige andere, übertreffen diese aber an Schönheit und sind dazu mit einem reichen Tannenwald ausgestattet, durch den sie sich Bahn verschaffen. Der Giessbach ist einer der hübschesten Fälle mit ungefähr 150 Meter Höhe. Er ist überhaupt nicht wild, sondern erinnert mit den grünen Grashügeln und dunklen Wäldern in seiner Umgebung effektiv an einen englischen Park.

Eine Galerie unter dem schützenden Felsen, von dem sich der Wasserfall herabstürzt, führt uns hinter den dritten Wasserfall. Hier zeigt sich die Landschaft in einem Wasserschleier.

Jede Kaskade ist gleich gross und stark wie die Fälle Skelwith oder Colwith in Westmorland.

Man bot uns ein Chalet auf dem Hotelgelände an, so mussten wir nicht fürchten, von anderen Hotelgästen gestört zu werden.

Unsere Anfrage im grossen und modernen Hotel Giessbach war erfolglos, alle 150 Betten waren belegt. Man bot uns ein Chalet auf dem Hotelgelände an, so mussten wir nicht fürchten, von anderen Hotelgästen gestört zu werden. Diese Idee passte so charmant zu unseren Vorstellungen von Neuheit und Romantik, dass wir die Räume sofort bezogen. Ihre Fenstergitter waren umschlungen mit Efeu und über den geschnitzten Balkon rankten sich Reben.

Bildvergleich

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Legende:Das frühere Hotel Giessbach und heutige Personalhaus 1906 und 2018Grandhotel Giessbach

An diesem Abend lebten wir am Giessbach in einem richtigen Schweizer Elysium und für einige Stunden spielten wir intensiv mit dem Gedanken, dass uns das Chalet, das Gelände und der Wasserfall wirklich gehörten.

Wir hatten sogar ein kleines Gretchen, das uns auf seine bescheidene Art bediente und unseren Tee im hölzernen Mittelraum servierte, auf den alle Zimmer des Chalets ausgerichtet waren. Von hier aus öffnete sich ein Balkon, der breit genug für Tisch und Stühle war und Aussicht auf den ganzen Wasserfall bot.

Aber selbst das ungewohnte Chalet war für uns nicht Grund genug, nach dem erfrischenden Souchong-Tee länger im Haus zu bleiben, so stiegen wir die Treppe unseres Balkons hinab, um das Gelände zu erkunden und eine Brücke über das schäumende Wasser nach der andern zu überqueren.

Im Schatten der massenhaft vorhandenen Tannenbäume kletterten wir über eine Grasböschung, um einen Blick auf den Burghügel der Burg Ringgenberg zu werfen. Er legte seinen dunklen Schatten auf den schimmernden See, der seinerseits wie eine Glasscheibe die goldenen Strahlen des Sonnenuntergangs widerspiegelte.

Der Besitzer des Hotels und Geländes und des spektakulären Wasserfalls möchte Tag und Nacht das meiste aus seiner Primadonna herausholen.

Der Besitzer des Hotels und Geländes und des spektakulären Wasserfalls möchte Tag und Nacht das meiste aus seiner Primadonna herausholen. Um 10 Uhr abends zeigt sie sich in grosser Abendtoilette und verströmt ihren Charme vor die Füsse ihrer zahlreichen Bewunderer.

Giessbachfälle
Legende: srf / Thomas Cook Archiv, London

Damit nicht genug: Um 10 Uhr läutete eine Glocke, eine Rakete wurde abgefeuert, und auf dieses Signal hin wurden alle sechs Wasserfälle der Dämmerung entrissen und von bunten Lichtern angestrahlt.

Der untere Wasserfall versprühte Rubine, der über ihm Smaragde, dann folgten Amethyste, auf der nächsten Ebene Topase, zum Abschluss gefolgt von Kristallen.

Dann beleuchteten die Farben in umgekehrter Reihenfolge die wunderschöne Szene. Farbige Lampen hinter den Bäumen sorgten für einen wirkungsvollen Kontrast der dunklen Blätter und Brücken zum glitzernden Wasserfall.

Es war ein magischer Effekt und beschwor Visionen von Arabischen Nächten und Zauberern herauf, die dunkle Höhlen mit Zaubersprüchen öffnen, ihren kostbar glitzernden Inhalt für einen Moment sehen lassen und dann mit einer Bewegung des Zauberstabs wieder schliessen.

Danach ist alles noch finsterer als zuvor.

Wir mussten lachen, denn wir hatten das Gefühl, in einer Teekiste zu schlafen. Der Himmel bestand aus Holz, der Boden ebenfalls und im Norden, Süden, Osten, Westen – nichts als Holz.

Wir zogen uns in unser Chalet zurück und sassen beieinander, bis uns einfiel, dass wir ja früh aufstehen mussten. So begaben wir uns in unsere amüsanten Räume. Wir mussten lachen, denn wir hatten das Gefühl, in einer Teekiste zu schlafen. Der Himmel bestand aus Holz, der Boden ebenfalls und im Norden, Süden, Osten, Westen – nichts als Holz.

1 Kommentar

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  • Kommentar von Max Blatter (maxblatter)
    Ehrlich gesagt, hätte ich es vorgezogen, wenn in den 1980er Jahren das Chaletprojekt realisiert worden wäre, das in der Sendung gezeigt wurde: Ich fand dieses tausendmal schöner und weit passender zur Landschaft als den "Klotz", wie er sich "dank" der Franz-Weber-Stiftung nach wie vor präsentiert. Auch ein historischer und architektonisch "verschnörkelter" Klotz bleibt ein Klotz. Das historische Hotel Giessbach wird mich nie als Gast sehen; das Chalet hätte es vielleicht geschafft...
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