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Miss Jemimas Tagebuch Tag 8: Interlaken

Miss Jemima ärgert sich über sonntägliche Vergnügungssucht und vernimmt zum ersten Mal Alphornklänge.

Legende: Video Tagebuch: Höhenflüge in Interlaken abspielen. Laufzeit 10:33 Minuten.
Aus Die Alpenreise vom 25.07.2018.

Miss Jemimas Tagebuch: Sonntag, 5. Juli 1863

Am Sonntagmorgen traf von der Vorder- und der Rückseite unseres Hotels ein höchst unsonntäglicher Lärm auf unsere Ohren – das dumpfe, wuchtige Rollen von Holzkugeln, die Kegel umwarfen, und die lebhaften Stimmen von Schweizer Spaziergängern vor unseren Fenstern, während auf dem See ein Paketboot seine Dampfmaschine anliess, um zum Giessbach zu fahren.

Wie auch an anderen Orten auf dem Kontinent scheint man in Interlaken den Sabbat als eine Art wöchentlichen Festtag zu betrachten.

Wie auch an anderen Orten auf dem Kontinent scheint man in Interlaken den Sabbat als eine Art wöchentlichen Festtag zu betrachten, auf den sich die Aktivitäten aller Vergnügungssüchtigen konzentrieren.

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Legende:Die Höhematte Interlaken 1912 und 2018, damals wie heute Treffpunkt für Flugbegeisterte.Sammlung Markus Krebser Thun / SRF

Um elf Uhr gingen die meisten Clubmitglieder zur Kirche, das heisst alle von ihnen, die kein «sonniges Nickerchen» machten. Die Predigt war ziemlich gut, obwohl die Lehre sich etwas zu sehr an die menschliche Natur anpasste und daher die Hörer nicht dazu bewegen konnte, tief in sich zu gehen. Hier kam die Religion eher auf Samtpfoten daher.

Noch klingen die Worte des Pfarrers in unseren Ohren. Er sprach nämlich davon, dass ein wenig Gnade immer noch Gnade ist – «selbst ein Funke ist noch Feuer» etc. etc. Daher nannten wir ihn von nun an «Reverend Littlegrace».

Englische Gottesdienste haben einen ganz eigenen Charme, den sich kein kluger Reisender entgehen lässt. Wie erfrischend ist es doch, nach tagelangem Umherreisen in der Fremde, wieder Landsleuten zu begegnen und mit ihnen zusammen in der vertrauten Muttersprache für das liebe alte England zu beten.

Als wir durch den grünen Grasteppich nach oben stapften, umringte uns eine Schar Kinder, die einige hübsche Lieder sangen.

In der zweiten Tageshälfte gingen wir über die gedeckte Brücke und spazierten zur Turmruine der Burg Ringgenberg. Als wir durch den grünen Grasteppich nach oben stapften, umringte uns eine Schar Kinder, die einige hübsche Lieder sangen. Nach dem Tee gingen wir am Ufer der Aare auf und ab und liessen uns von der Schönheit des Sonnenuntergangs und den Rosatönen auf den weissen Wangen der erhabenen Jungfrau bezaubern.

Im alten Städtchen Unterseen besuchten wir den Friedhof der lutherischen Kirche. Die Gräber hier sind genauso etikettiert wie die Sträucher in einem englischen Garten – ein schwarzer Holzpflock trägt die Namen der Schläfer.

Unterseen
Legende: SRF / THOMAS COOK ARCHIV, LONDON

Miss Jemimas Tagebuch: Montag, 6. Juli 1863

Um vier Uhr morgens herrschte im Hôtel du Lac schon ein reges Kommen und Gehen unter den Reisenden. Um halb fünf begann, wie jeden Tag, der Verzehr von Brot, Brötchen und Honig. Einmal mehr übergaben wir unser Gepäck der Post; sie sollte es nach Neuchâtel befördern.

Um halb sechs rollten wir in unserer leichten einspännigen Kutsche davon, fort von Interlaken. Longfellows Abschiedsgedanken bewegten unsere Herzen – «Die Sonne des Lebens wird untergehen, bevor wir Dich vergessen».

Ein freundliches Wort zum Hôtel du Lac: Wir hatten es nach dem Zufallsprinzip in Baedekers Reiseführer ausgesucht und darauf verzichtet, im berühmten Hotel Jungfrau oder dem Belvedere abzusteigen. Es sollte uns nicht reuen.

Dampfbootanlegestation
Legende: SRF / THOMAS COOK ARCHIV, LONDON
Einmal mehr zeigte es sich in seiner ganzen Schönheit, sein Grün lag unter schwerem Tau und war übersät von transparenten Kristallen, die das Sonnenlicht wie Diamantprismen brachen und im Schatten wie ein Perlenteppich wirkten.

An diesem Tag wollten wir die Wengernalp überqueren. Unser Weg führte durch das Lauterbrunnental. Einmal mehr zeigte es sich in seiner ganzen Schönheit, sein Grün lag unter schwerem Tau und war übersät von transparenten Kristallen, die das Sonnenlicht wie Diamantprismen brachen und im Schatten wie ein Perlenteppich wirkten.

Es freute uns, dass wir noch eine Fahrt durch das Tal mit seinen zahlreichen Brunnen im Schatten der Felswände unternehmen konnten, um einen noch besseren Eindruck von diesen anmutigen Brunnen und diesen majestätischen Bergen zu gewinnen.

In Lauterbrunnen verabschiedeten wir die Kutsche und verliessen uns von nun an nur noch auf unsere Füsse und unsere Alpenstöcke.

Als die Bergführer sahen, dass wir anscheinend nicht auf sie angewiesen waren, mässigten sie ihre Preise.

Bewaffnet mit unseren Umhängetaschen gingen wir los und ignorierten die überrissenen Forderungen eines Schwarms von aufdringlichen Bergführern. Als sie sahen, dass wir anscheinend nicht auf sie angewiesen waren, mässigten sie ihre Preise. Einer von ihnen folgte uns und wurde zum Bergführer und Träger gleichzeitig ernannt. Geschickt packte er alle unsere Habe in eine Art Holzstuhl auf seinen Schultern.

Wir salutierten dem Staubbach, dann überquerten wir den Fluss und kamen zu einem wie üblich mühsamen Zickzackweg. Das Ende dieses Weges beschreibt ein Reiseschriftsteller so: «[Hier] wirkt das Lauterbrunnental nur noch wie ein Graben, der Staubbach ist ein dünnes Band und die Wasserfälle und Windungen, bevor er sich in die Tiefe stürzt, sind aus der Vogelperspektive deutlich sichtbar».

Sicher hatte er lange geübt, um diesem sehr unmusikalisch aussehenden Instrument derart viele gefühlvolle, wohltönende Laute zu entlocken.

Im Gras standen ein Mann und einige Jungen mit einem Horn. Dieses Horn ist ein hölzernes Rohr, ungefähr eineinhalb bis zwei Meter lang und mit gespaltenen Weidenruten umwickelt. Er stützte es auf einen keilförmigen hohlen Trog und begann zu blasen, als wir uns näherten. Sicher hatte er lange geübt, um diesem sehr unmusikalisch aussehenden Instrument derart viele gefühlvolle, wohltönende Laute zu entlocken.

Die Musik erstarb in einer ganz leisen Kadenz; das Bergecho nahm sie auf und warf sie wieder und wieder zurück. Uns blieb kaum Zeit, ihren Wohllaut zu kommentieren, da gaben die Felsen dieselben Noten noch einmal schwächer wieder. Nach einer weiteren Pause hörten wir, wie sie immer noch zwischen den Steilhängen vibrierten, um schliesslich in einem musikalischen Seufzer zu ersterben.

Trümmelbach
Legende: SRF / THOMAS COOK ARCHIV, LONDON

Die letzten Steigungen lagen hinter uns, jetzt hielten wir an, um die weitreichende Aussicht zu geniessen. Links von uns befand sich die schneebedeckte Jungfrau mit ihrem Gefolge, rechts döste Interlaken in der Sonne – die Burg Unspunnen und der Burghügel – der Thuner- und der Brienzersee, die Landenge zwischen ihnen ein schmaler Streifen Festland.

Ihr gegenüber erhoben sich die Spitze des Eigers in fast militärischer Pracht, der Mönch in seiner Kapuze, die glitzernde Jungfrau, das Silberhorn und das Schreckhorn, das zu Recht die Kaiserin des Tals genannt wird.

Noch weiter im Hintergrund erhoben sich der Niesen und zahlreiche weitere Berge, deren Namen wir nicht kannten. Eine halbstündige Wanderung führte uns zum Gipfel der Wengernalp. Ihr gegenüber erhoben sich die Spitze des Eigers in fast militärischer Pracht, der Mönch in seiner Kapuze, die glitzernde Jungfrau, das Silberhorn und das Schreckhorn, das zu Recht die Kaiserin des Tals genannt wird.

Longfellow nennt diese Bergkette «die Apostel der Natur, die in Form von Lawinen predigen». Kaum sassen wir unter dem Vordach in einer schattigen Ecke des Gasthauses, als der Alarm erklang und eine Schneewehe von einem der Felsen der Jungfrau niederging und andere lockere Schneefelder mitriss, bis sie eine der üblichen Rinnen erreichte, wie eine Kaskade zu Tal stürzte und voller Wucht auf den steinigen Schutzwall unten prallte.

Auf den hochgelegenen Weiden wanderten wir zwischen Herden von vier- bis fünftausend wohlgenährten Kühen, die wie im Wallis mit Halsbändern und Glocken geschmückt waren.

Als wir den 2040 Metern über Meer gelegenen Bergsattel erreicht hatten, bot sich uns eine äusserst beeindruckende Aussicht, unter anderem auf das Wetterhorn und das weniger hohe Lauberhorn sowie die bereits genannten Berge.

Ruskin vergleicht die Anordnung der Schweizer Alpen mit «einer Gruppe Kinder, die auf einer Tischplatte stehen» und spricht von den majestätischsten Effekten bestimmter Gipfel, die sie erzielen, wenn sie «scheinbar zum Tischrand laufen und hinüberspähen und sich damit plötzlich oberhalb des Tales in ganzer Höhe zeigen». So verhält es sich mit dem Wetterhorn und dem Eiger in Grindelwald.