China, der hungrige Drache

Vor dem Drachen fürchtet sich die Welt, besonders wenn er hungrig ist. Und China ist sehr hungrig: nach Ressourcen, nach Anerkennung und nach Macht. In China selber aber hat der Drache eine ganz andere, positive Bedeutung.

In der chinesischen Mythologie heisst der Drache 龙 (Lòng) und er tritt zumeist als Gottheit auf. In vielen ländlichen Gegenden wird er heute noch angebetet, beispielsweise um Regenfälle zu erbitten. Wer sich mit dieser Gottheit verbindet, kann von ihrer Kraft profitieren.

Genau dies tun seit Jahren immer mehr westliche Unternehmen. Denn China allein kann je länger desto weniger den Hunger von 1,3 Millarden Menschen stillen. Ein wachsender Teil der Bevölkerung zählt inzwischen zum Mittelstand. Diese begnügt sich nicht mehr mit Reis, sondern will Fleisch auf den Teller. Bis 2050 wird China jährlich Fleisch für 150 Milliarden US-Dollar aus dem Rest der Welt importieren müssen. Schon heute aber hängen weltweit Millionen von Landwirten ab von Erzeugerpreisen, die im wesentlichen vom chinesischen Markt bestimmt werden. Beispielsweise beim Soja, das zu mehr als 80 Prozent von China importiert und zu Tierfutter verarbeitet wird.

In Afrika investiert China seit Jahrzehnten grossflächig in Landwirtschaft. In den 1960er Jahren als diplomatisch motiviertes Hilfsprogramm gestartet - um in den Vereinten Nationen die Stimmen afrikanischer Länder für die diplomatische Anerkennung und Aufnahme Chinas zu gewinnen - bauten die Chinesen vorerst hautptsächlich Demonstrationsbetriebe zwecks Training und Technologietransfer. Sie leisteten damit einen Beitrag zur Versorgungssicherheit auf dem schwarzen Kontinent. Inzwischen sind es bereits 200 landwirtschaftliche Projekte, 11 Forschungsstationen, 23 Fischereibetriebe und mehr als 60 Investitionsprogramme.

Die Zeiten blosser Hilfsprogramme sind allerdings vorbei, jetzt wollen die Chinesen auch handeln und Gewinne machen auf ihre Investitionen. Viel deutlicher wird dies bei Infrastrukturprojekten. Chinesische Telekommunikationsanbieter bespielsweise haben in Afrika grosses Ansehen erreicht, da sie preislich kompetitiv sind und gute Service-leistungen anbieten. Chinesische Baukonsortien liefern Eisenbahnen, Brücken und Strassen und inzwischen ganze Stadtteile temingerecht und zu Preisen, bei denen westliche und sogar lokale Konkurrenten nicht mehr mitahlten können.

In Europa wiederum haben chinesische Staats- und inzwischen immer mehr auch Privatunternehmen ihre Interessen vor allem in Grossbritannien und in Italien angemeldet. Im wirtschaftskrisengeschüttelten Italien investieren sie vorwiegend in Bereich Industriebeteiligungen wie Mode, Nautik, Ernährung, Energie, Telekom und Immobilien. Wie in Afrika gab es auch in Südeuropa zu Beginn viel beachtete kulturelle Konflikte mit den neuen Investoren aus Ostasien. Inzwischen aber scheinen sich Chinesen und «Locals» in den meisten Fällen gegenseitig assimiliert zu haben.

In #SRFglobal diskutiert Florian Inhauser mit den Korrespondenten in Shanghai, Johannesburg, Rom und New York:

  • Wie hungrig ist der Drachen wirklich?
  • Profitieren die lokalen Bevölkerungen von den chinesischen Investitionen oder bleiben sie auf der Strecke?
  • Streben die Chinesen nach einer «Sinisierung» der Welt oder wollen sie einfach gute Geschäfte machen?
  • Was passiert, wenn der chinesischen Wirtschaft der Schnauf ausgeht?

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