Die Kurden, verratenes Volk?

  • Dienstag, 6. September 2016, 23:25 Uhr
Sendetermine
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    • Dienstag, 6. September 2016, 23:25 Uhr, SRF 1
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Kurdische Milizen waren die einzigen, die in Irak und Syrien die IS-Terrorarmee stoppen konnten - mit US-Unterstützung aus der Luft. Jetzt stehen sie selber unter Beschuss von türkischen Kanonen und Kampfflugzeugen mit Billigung der USA. Der Verrat an den Kurden ist eine Konstante ihrer Geschichte.

Im Januar 2015 wurden die Kurden-Milizen im Westen gefeiert: den «Volksbefreiungseinheiten» YPG und YPJ war es nach vier Monate dauerndem Kampf gelungen, die kurdische Stadt Kobane an der türkischen Grenze vollständig aus der Herrschaft des IS zu befreien. Unterstützt wurden sie dabei von Peschmergas aus der Autonomen Republik Kurdistan im Irak und von den USA aus der Luft.

Gut anderthalb Jahre später greift jetzt die Türkei in Syrien militärisch ein. 1500 Kämpfer der Freien Syrischen Armee, darunter auch islamistische Fraktionen, vertreiben mit Unterstützung türkischer Spezialeinheiten, Panzer, Kanonen und Kampfflugzeuge die Kurden aus den zuletzt eroberten Gebieten westlich des Euphrats. Die USA billigen den Vorstoss, Vize-Präsident Joe Biden verlangte beim Besuch in Ankara den Rückzug der YPG, ansonsten sie «die Unterstützung der USA verlieren» würden.

Die Kurden fühlen sich verraten und dieses Gefühl ist angesichts der Entwicklung in Syrien nachvollziehbar. Heute leben 30 bis 40 Millionen Kurden in der Türkei, Irak, Iran und in Syrien. Sie wurden zwangsassimiliert, unterdrückt, und waren im Irak unter Saddam sogar von der Auslöschung bedroht.

Kurdinnen und Kurden sind weltweit das grösste Volk ohne eigenes Land. 1920 hatten die Siegermächte des Ersten Weltkrieges den Kurden eine Autonomie versprochen und einen eigenen, souveränen Staat in Aussicht gestellt.

Das Gebiet dieses Staates wäre allerdings deutlich kleiner gewesen als das heutige kurdische Siedlungsgebiet. Im Vertrag von Lausanne 1923, nach dem von der Türkei gewonnen Griechisch-Türkischen Krieg, war Kurdistan kein Thema mehr, die vorgesehenen kurdischen Autonomiegebiete wurden wieder der Türkei zugesprochen.

Heute ist die Forderung nach einem eigenen Staat, der die vier Siedlungsgebiete vereinen würde, von offizieller kurdischer Seite nicht mehr zu vernehmen. Dazu ist keiner der vier betroffenen Nationalssaten bereit. Zusätzlich sind aber auch die Unterschiede in den gesellschaftlichen und politischen Systeme der einzelnen Regionen zu gross. Nur in der Autonomen Region Kurdistan in Nordirak wird Souveränität (von Bagdad) verlangt; in der Türkei, Syrien und im Iran ist es dagegen der Ruf nach Autonomie und einem international geschützten Status in föderalistisch organisierten Nationalstaaten.

Trotzdem fühlt sich der türkische Präsident Erdogan durch die YPG-Erfolge im Nachbarland offensichtlich bedroht.

Die Türkei nennt die kurdischen Kämpfer konsequent «Terroristen» und setzt sie gleich mit der in der Türkei verbotenen PKK.

Der Bürgerkrieg zwischen der PKK und türkischen Sicherheitskräften hatte zwischen 1984 und 2013 über 40'000 Opfer gefordert, darunter viele Zivilisten. 2013 gab es eine Friedensvereinbarung beider Seiten, die bis zum Sommer 2015 Bestand hatte.

Tatsächlich besteht zwischen PKK und YPG eine militärische Zusammenarbeit, die unter anderem zur Rettung der überlebenden Jesiden von Sinjar im Irak geführt hatte. Auch verstehen sich die kurdische Partei HDP in der Türkei und die PYD (Partei der Demokratischen Union) in Rojava als Schwesterorganisationen. Und in beiden Ländern verehren Kurden den 1999 vom türkischen Geheimdienst in Kenia verhafteteten und seither auf einer Insel im Marmara-Meer einsitzenden PKK-Gründer Abdullah Öcalan.

Florian Inhauser diskutiert in #SRFglobal mit

  • Salih Muslim, Co-Präsident der syrisch-kurdischen PYD
  • Ruth Bossart, SRF-Korrespondentin in Istanbul
  • Peter Düggeli, SRF-Korrespondent in Washington D.C.
  • Cigdem Akyol, türkischstämmige Autorin und Erdogan-Biographin, Korrespondentin der österreichischen Nachrichtenagentur apa

Vorgesehene Themen sind: Die aktuelle Lage in Nordsyrien, wie weit geht Erdogan? Lassen die USA die Kurden fallen? Wie hat sich die Lage für die Kurden in der Türkei nach dem Putschversuch entwickelt?

Geschichte der Kurden

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Daniel Blickenstorfer