Unberechenbare Türkei

Die Türkei unter Erdogan steht am Scheideweg: Bleibt die Regionalmacht am Bosporus ein verlässlicher Partner des Westens bei den Konflikten in Syrien, der Beziehung zur muslimischen Welt oder dem Umgang mit den Flüchtlingen? Oder wird die Türkei bald zu einem der grössten Probleme des Westens?

Nach Jahren der Bewunderung für ein beispielloses Wirtschaftswachsum muss der Blick auf den Staat zwischen Ost und West neu fokussiert werden. Unter dem Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan und seiner AKP hat sich das 80-Millionen-Volk in den letzten Jahren einerseits modernisiert, andererseits islamisiert. Die blutigen Gezi-Proteste 2013 zeigten der Welt, welch tiefer Riss durch die türkische Gesellschaft geht.

Inzwischen ist das Land in fast allen kriegerischen Konflikten der Region involviert: im Bürgerkrieg in Syrien, im Kampf gegen den IS, wo der Verdacht erhoben wird, dass die Türkei eher auf der Seite der selbsternannten Gotteskrieger statt auf jener der syrischen Zivilbevölkerung steht. Im eigenen Land riskiert Erdoğan den Bürgerkrieg gegen die PKK mit dem Ziel, die pro-kurdische Partei HDP zu diskreditieren. Sollte diese bei den Neuwahlen am 1. November die 10%-Hürde nicht mehr schaffen, dann wäre der Weg frei für Erdoğan, das Land noch autokratischer zu führen und die türkische Zivilgesellschaft – Frauen, Justiz, BIldungswesen, Medien, Minderheiten – noch weiter zu drangsalieren.

In der Premieren-Sendung von #SRFglobal fragt Florian Inhauser die Türkei-Korrespondentin, ob der Durchhaltewille und die Kreativität dieser Zivilgesellschaft ausreichen werden, um die immer totalere Kontrolle der Bürger durch Erdoğan und seine AKP zu verhindern. Weitere SRF-Korrespondenten in Beirut, Brüssel und Washington berichten, wie folgenreich der aktuelle Kurs des einst zuverlässigen NATO-Partners für die geopolitische Lage geworden ist. Hat die Menge lokaler Konflikte das Potential einen Flächenbrand auszulösen?

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