Zivilcourage 2.0

2015 war ein Jahr voller Gewalt, Terror und Elend. Aber es gibt auch Hoffnung: die Korrespondenten von #SRFglobal stellen Menschen vor, die sich zur Wehr setzen. Fethiye Çetin, Kevin Moore, Toe Zaw Latt und Dominique Mégard, vier mutige Menschen, die gegen Gewalt, Vergessen und Wegsehen kämpfen.

Kevin Moore, 25, hatte noch nie zuvor Filmaufnahmen mit seinem Handy gemacht. Als er aber an diesem 12. April 2015 – aufgeweckt vom Geschrei der Nachbarn in einem Problemviertel von West Baltimore – nur mit Hoodie und Trainerhose bekleidet auf die Strasse rennt und Zeuge der Verhaftung seines Freundes Freddie Gray wird, drückt er den Auslöser: «Eigentlich hätte ich ihm physisch zu Hilfe eilen wollen», erzählt Moore acht Monate später Peter Düggeli am Ort des verhängnisvollen Geschehens in Baltimore. Und:

«Wenn ich geahnt hätte, dass ich die letzten Momente im Leben meines Freundes filme, dann hätte ich mehr getan.»

Freddie Gray stirbt eine Woche später in Polizeigewahrsam an den Folgen schwerster Wirbelsäulenverletzungen, in Baltimore kommt es zu Demonstrationen, die in schwere Unruhen münden. Peter Düggeli: «Erstaunt hat mich die äusserst sachliche Analyse von Kevin Moore. Er sagte mir beispielsweise, die Polizeigewalt sei nicht rassistisch sondern sozial begründet. Und wörtlich: 'Die Polizei hasst uns, weil wir die Unterschicht sind.'»

Zivilcourage ist mehr als Mut, Heroismus oder Risikobereitschaft. Seit Aristoteles muss Zivilcourage immer auch konstruktiv sein, einen moralisch positiven Wert vertreten. Oder wie der Theologe Gotthold Hasenhüttl formuliert in «Zivilcourage als christliche Botschaft»:

«Zivilcourage besteht in der Tapferkeit, gegen etwas ethisch Verwerfliches in der Gesellschaft einzutreten.»

Diese Definition trifft mit Sicherheit auf den langen Kampf von Fethiye Çetin, 65, zu. Sie ist eine türkisch-armenische Rechtsanwältin, die unerwartet zur Bestsellerautorin avancierte, nachdem sie die Lebensgeschichte ihrer krypto-armenischen Grossmutter aufgeschrieben hatte und damit ein fast 100jähriges Tabu brach. Viele Armenier waren nach der Ermordung ihrer Eltern oder Grosseltern als «Türken» aufgewachsen und wussten nichts von ihrer eigentlichen Herkunft. Die Biographie «Meine Grossmutter» löste eine Welle von Coming Outs von Armeniern im ganzen Land aus. Für Türkei-Korrespondentin Ruth Bossart war Fethiye Çetin in diesem Jahr nicht nur eine prominente Stimme rund um das 100 jährige Gedenken an den armenischen Genozid: «Sie hat sich auch gegen die Zerstörung des armenischen Waisenhauses Kamp Armen in Istanbul zur Wehr gesetzt – ein symbolträchtiges wenn auch zerfallenes Haus, das hunderten von armenischen Waisen ein Daheim war.»

Barbara Lüthi wiederum, SRF-Korrespondentin für Südostasien, muss nicht lange überlegen, wenn sie nach «Menschen mit Zivilcourage» gefragt wird: «Wenn es um unseren Berufsstand geht, dann sind Toe Zaw Latt, 45, und die Leute von 'Democratic Voice of Burma' meine Helden!» Während der Safran-Revolution 2007 haben sie unter Todesgefahr gearbeitet, um zu informieren, was unter der Militärdiktatur geschah. «Diese Reporter zu treffen, hat mir wieder vor Augen geführt, wie wichtig mutiger Journalismus ist und was er verändern kann. Dass Aung San Suu Kyi und ihre Partei im November 2015 die friedlich verlaufenden Parlamentswahlen gewinnen konnten, ist auch ein Verdienst der 'Democratic Voice of Burma'.»

Schliesslich Dominique Mégard, 67. Der Franzose ist der modellhafte Vertreter eines Kämpfers für die Menschenrechte. Im sogenannten «Dschungel von Calais», wo inzwischen gegen 6000 Kriegsvertriebene und Flüchtlinge aus dem Mittleren Osten und Afrika unter prekärsten Bedingungen zusammen leben, versucht er deren Not mit persönlichem Einsatz zu lindern. Zuerst lieferte er Lebensmittel an, dann Ladestationen für Handys, inzwischen zeigt er den Flüchtlingen regelmässig Spielfilme – einmal für die Männer, einmal exklusiv für Frauen und Kinder. Frankreich-Korrespondent Michael Gerber hat ihn für #SRFglobal besucht. Er erzählt: «Mégard beruft sich auf pure Nächstenliebe.» Anfeindungen, wie er sie gelegentlich zu hören bekommt, kümmern ihn kaum: «Ich habe genug bewiesen, dass ich ein guter Franzose bin.»

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