Deutschland wählt: Müde Couture oder langweilige Konfektion?

Deutschland wählt in einer Woche einen neuen Bundestag und einen neuen Kanzler. Die Richtungswahl wird mit allen Mitteln, aber nur nicht mit ästhetischen Waffen geschlagen.

Kastenförmige Jacke vs. immergleiche Krawatte.
Bildlegende: Kastenförmige Jacke vs. immergleiche Krawatte. Keystone

Man muss nicht besonders wagemutig sein, um zu prophezeien, dass die bisherige Kanzlerin ziemlich sicher auch die neue deutsche Landesmutter sein wird, und sich damit die Amtszeit der Hofschneiderinnen Anna von Griesheim und Bettina Schönbach forsetzt. Schönbach darf dann weitere zweihundert Versionen der immer gleichen kastenförmigen Jacken in neuen Farben nähen, und von Griesheim neue opulente Roben für die abendlichen Verpflichtungen der Kanzlerin kreieren.

Anna von Griesheim ist 47 Jahre jung und kommt aus München, hat Couture-Schneiderin gelernt und wohnt seit der Wende in Berlin,wo sie ihr Atelier hat. Seit etwa zehn Jahren schneidert sie für bedeutende Fernseh- und Politprominenz, doch sie ist keine Modedesignerin in dem Sinne, dass sie provokative neue Ideen auf den Laufsteg bringt, im Gegenteil: Bei ihr geht es um klassische Eleganz. An der Berliner Fashion Week spielt ihr Name also so wenig eine Rolle wie der der 51-jährigen Bettina Schönbach aus Hamburg, die etwas offensiver mit ihrer Verbindung zu Angela Merkel kokettiert und ihr Label auch international vertreibt.

Garderobe ist Privatsache

Die Kanzlerin schätzt es aber, wie man weiss, überhaupt nicht, auf ihre Garderobe angesprochen zu werden und betrachtet die Frage danach, wo sie sich einkleiden lässt, als Privatsache. Sie will sich nicht vorwerfen lassen, sich von jemandem als Werbeträgerin missbrauchen zu lassen oder gar eitel zu sein. Und dsa mit gutem Grund: In Deutschland herrscht zumindest in Kreisen von älteren Bildungsbürgern noch immer ein Konsens, dass zu viel modischer Eifer verwerflich ist. (In der Schweiz ist das nicht viel anders.) Allerdings wissen Insider auch, dass es im Kanzleramt eine Stylistin und Visagistin gibt, dass Udo Walz die Frisur modelliert und es drei intime Freundinnen sind, die Angela Merkel modisch beraten.

Was aber, wenn nun - ganz vielleicht! - doch ein Neuer ins Bundeskanzleramt einziehen täte? Was wäre ein Peer Steinbrück aus modischer Sicht wert?

«Zugang zur Mode verpasst»

«Der Mann hat ästhetisch kein Profil und wird es vermutlich auch nicht mehr entwickeln», sagt SRF 3 Stilfachmann Jeroen van Rooijen, «Er ist der typische Vertreter einer Männergeneration, die den Zugang zur Mode verpasst hat. Als sie jung waren, gab es nur Protest gegen das Bisherige, und später, als es dann coole Mode für alle gab, war Steinbrück schon zu alt dafür.» Harte Worte.

Peer Steinbrück trägt fast immer einen einreihigen Dreiknopfanzug, meistens uni, selten mit gedeckten Nadelstreifen. Dazu trägt er weisse, blaue oder auch blau-weiss gestreifte Businesshemden mit einfacher Manschette, nur ganz selten sieht man eine Doppelmanschette mit Manschettenknöpfen. Nicht bekannt ist, woher Steinbrück seine Sachen bezieht. Vielleicht ist es auch besser so. Die Zeitung «Die Zeit» hat Peer Steinbrück einmal als Umfragesieger auf der Liste der am schlechtesten gekleideten Männer gelistet und seine sackartigen Hosen erwähnt.

Zweihundert rotfarbene Krawatten

Steinbrück hat vermutlich zweihundert rotfarbene Krawatten, weil er kaum je etwas anderes trägt, und drei blaue, wenn er mal frech rüberkommen will, so wie beim TV-Duell gegen Merkel. «Ich tippe auf den konservativsten Hamburger Herrenausstatter, Braun», sagt Stilfachmann Jeroen van Rooijen, «Denn für das Traditionshaus Ladage & Oelcke sieht‘s zu wenig englisch aus, und für den alten Dandy Tom Reimer zu wenig geschliffen. Vielleicht ist es auch nur elend langweilige Konfektion ab Stange. Hoffentlich ist es wenigstens Hugo Boss und nicht von Brioni.»

Autor/in: Jeroen van Rooijen