Die politischen Parteien im Ästhetik-Check

In wenigen Wochen finden die eidgenössische Wahlen statt. Zum Wahlkampf gehört nicht nur, dass sich Politiker aller Couleur rhetorisch in Szene setzen, sondern auch, dass sie sich im besten Licht zu präsentieren versuchen.

Die meisten Parteien präsentieren sich im Internet alles andere als farbenfroh.
Bildlegende: Die meisten Parteien präsentieren sich im Internet alles andere als farbenfroh.

Der DRS 3-Stilexperte das ästhetische Angebot der fünf wichtigsten Parteien im Web untersucht.

Es ist ja schon klar: Im Prinzip geht es in der Politik um Positionen und Themen, nicht um die elegante Verpackung. Diese Haltung ist in der Schweiz breiter Konsens, und das Resultat davon sieht man, wenn man durchs Bundeshaus schlendert: ästhetisches Mittelmass, grauer Einheitsbrei. Ästhetik gehört leider nicht zu den wahlrelevanten Qualitäten.

SVP

Hier scheint alles zeitgemäss und optimal vernetzt, mit Facebook und Twitter-Verknüpfungen. Die Hauptwebsite zeigt einen hellgrünen Fond mit urbaner Landschaft am See. Deutlich zu kleine Schriften im Hauptmenu!

Wenn man runter scrollt, gibt es viel zu lesen und wenig zu schauen, höchstens mal einen sexy Kinspot, in dem ein Adonis mit EU-Badetüchli und einer Freitagtasche vorkommt. Freitagtasche ist also SVP-Feindbild.

Plötzlich springt einen eine Schlagzeile an: «Kosovaren schlitzen Schweizer auf», dazu lächelt Toni Brunner sein etwas naiv wirkendes Grinsen.

Die Bildergalerien sind unfreiwillig entlarvend: Dutzende von Fotos von nicht besonders glücklich dreinschauenden alten Männern. Da muss Frust vorhanden sein, oder Politik ist eine furchtbar freudlose Sache.

CVP

Es dominieren grosse Slogans wie «Familien stärken» und «Ideen für eine erfolgreiche Schweiz». Das erste Gesicht ist das eines etwas skeptisch dreinschauenden kleinen Jungen in zu grosser Windjacke, der vor dem Churfirsten-Panorama steht könnte auch Tourismus sein, nur dass der Junge dann lächeln würde.

Nach weiteren Bildern muss man lange suchen, und sie sind dann so klein wie möglich zu bekommen. Das muss eine furchtbar auf Sachpolitik und Argumente versessene, vielleicht etwas trockene Partei sein?

Man muss sich durch viele Menus klicken, und sogar die Kandidierenden für die Wahlen vom 23. Oktober hat man erst mal in kleine Unterordner mit Kantonswappen weggesperrt. Hat diese Partei keine spannenden Köpfe, die an die Front wollen?

SP

Erstes Bild ist eines der abtretenden Bundesrätin Micheline Calmy-Rey, sonst dominieren Slogans wie «Für alle statt wenige». Im übrigen wirkt die SP-Website eher wie das Forum eines Historiker-Vereins, denn man sieht vor allem Menüs, die nach Jahreszahlen geordnet sind und teilweise bis Anfang dieses Jahrtausends zurückreichen. Es dauert Ewigkeiten, bis man mal zu Köpfen vorstösst, die Menüs sind sehr komplex und verwirrlich angelegt.

Sogar die Geschäftsleitung der Partei ist nicht im Bild zu sehen wer die Köpfe dazu sehen will, muss die persönlichen Websites der Akteure öffnen. Einzig auf dem Wahl-Blog gibt die SP ein bisschen Gas und schreibt markige, angriffige Titel, die vielleicht Lust machen, sich ein bisschen weiter zu vertiefen.

FDP

Diese Website wirkt mit viel Weissraum sehr nüchtern und ein bisschen wie der Newsdienst eine Presseagentur. Die FDP operiert auf der Front mit Themenbildern, die aber sehr unverbindlich bleiben und kaum zum Weiterklicken einladen.

Dafür gibt‘s alle möglichen Ideen, aus der Website sogleich wieder auszusteigen, sei es auf einen Blog, auf Facebook, Twitter oder YouTube. Das Wahlvideo mit Parteipräsident Fulvio Pelli auf dem Rennvelo ist stylish und zeitgemäss, endlich mal eine halbwegs originelle, andere Pose!

Irritierend ist nur, dass bei der FDP schon tiefer Winter ist und überall Schnee liegt? Und: Der FDP-Webshop ist ein schlechter Witz!

Grüne

Die trockenste und uninspirierendste Website betreiben die Grünen sie kommt eigentlich ganz ohne Bilder aus und besteht nur aus doppelt geführten Menülisten auf grünem Fond. Es gibt überall viel kleine Schrift zu lesen oder auch PDF-Dateien zum runterladen, aber nirgends wirklich etwas zu entdecken.

Bis man dann zu den Köpfen der Leute vordringt, ist man müde und bekommt diese nur auf der Mini-Grösse einer halben Briefmarke zu sehen. Das ist zu technokratisch für eine grüne Partei, die ja aus dem vollen Repertoire der emotionalen Naturbilder schöpfen könnte? Der digitale Raum böte sich für zeitgemässe Inszenierungen ideal an!

Fazit: Jene Partei, die sich auch nur im Ansatz um Ästhetik kümmert, muss zuerst noch erfunden werden.

Autor/in: Jeroen van Rooijen