Retro-Kopfhörer, das Trend-Accessoire

In den 1980er Jahren waren es Pulswärmer, in den neunziger Jahren die Dächlikappe, Anfang des neuen Jahrtausends war es eine Sonnenbrille - und jetzt? Das Accessoire der Jetzt-Zeit ist der Retro-Kopfhörer mit den geschlossenen Ohrmuscheln.

Auch im Trendsetting ein Schwergewicht: Altkanzler Helmut Kohl (rechts)
Bildlegende: Auch im Trendsetting ein Schwergewicht: Altkanzler Helmut Kohl (rechts)

Einst waren Kopfhörer von Sennheiser, Bose, Panasonic oder Beyerdynamic - Marken, die sich höchstens ein Technik-Nerd merken konnte oder wollte - ein Arbeitsinstrument für Radiomoderatoren. Doch dann kamen die Fashion-Kopfhörer. Man sieht sie derzeit überall: Auf der Strasse, im Tram, im Park, beim Jogging und sogar abends im Club.

Es sind grosse, wuchtige Kopfhörer, meist in relativ unmissverständlichen Farben.
Nun gibt es tatsächlich eine Art Markenkult, der dem textilen Labelfetischismus um Prada und Gucci recht ähnlich ist. Es sind ganz bestimmt Marken, die für eine ganz bestimmte stilistische Subkultur, einen Musikstil und damit für einen Lifestyle stehen.

Schädelzückerli und Himbeer

Das «Original» der jetzt weltumspannenden Hysterie ist von der schwedischen Marke WESC, die als erste Kopfhörer in fancy Farben wie Apricot, Türkis oder Himbeer herstellte - die unaussprechliche Markenbezeichnung steht für «We are superlative Conspiracy» und richtet sich an «intellectual slackers», was direkt übersetzt etwa schlaue Typen mit geringer Leistungsbereitschaft steht.

Auf diesem Geräten hört man also am besten schrammeligen Alternativ-Gitarrenrock.
Es gibt auch reichlich Alternativen für die Frauen: Sie haben coole Namen wie Skullcandy, was so viel heisst wie «Schädelzückerli». Extrem populär ist auch Urbanears, wie WESC ebenso aus Schweden.

Element der Jugendkultur

Diese Marke machte die klobigen Retro-Kopfhörer, für die sich ursprünglich vor allem junge Männer mit Vorliebe für fette Beats begeistern konnten, auch in femininen Pastellen und etwas weniger brachial.

Kopfhörer sind seit langem ein wichtiges Element der Jugendkultur - für Skater, Hiphopper, Rapper und Remixer gehört der Kopfhörer genauso zur Grundausrüstung wie für die neuen Gladiatoren unserer Zeit, die Discjockeys. DJ Antoine oder David Guetta sind derzeit die Superstars in den Charts, also wollen die Kids auch wie ein DJ aussehen.

Abwesenheitsmeldung

Ausserdem wollen viele Kids heute die Musik mit ihren Freunden teilen, und da ist so ein Kopfhörer, den man nur übers Ohr stülpt statt ihn rein zu stecken hygienischer.
Ausserdem sind diese Kopfhörer heute unterschwellig auch so eine Art analoge Abwesenheitsmeldung in einer digitalen Welt, mit denen man anderen Leuten recht effizient mitteilt, dass man nicht ansprechbar ist und im Grunde auch nicht an der Aussenwelt partizipieren will.

Jeroen van Rooijen

Redaktion: Jeroen van Rooijen