Strickjacken – vom Opa-Teil zum Hipster-Must

Früher riet einem die Oma dazu, bei Kälte doch bitte eine Strickjacke anzuziehen und man sträubte sich mit Haut und Haaren gegen den altbackenen «Lismer». Doch da hat sich in den letzten Jahren gründlich etwas verändert: Strickjacken sind hip, ja richtiggehend cool.

Kurt Cobain verhalf der Strickjacke in den 90er-Jahren zu Coolness.
Bildlegende: Kurt Cobain verhalf der Strickjacke in den 90er-Jahren zu Coolness. PD

Strickjacken waren früher etwas für «Gfrörlis», Stubenhocker und Bibliotheken-Hocker: ein bisschen altbacken, oft selbst gestrickt, meist muffig und sicher nicht lässig. Ältere Lehrer trugen Strickjacken oder Schalterbeamte, Postautochauffeure und andere Sesselhocker, die nur aus einem wolligen Oberkörper zu bestehen schienen. Vor dem Cheminée gehörte sie allenfalls auch dazu.

Kurt Cobain: Versifft und cool

Dann kam Kurt Cobain in den neunziger Jahren, trug eine dieser schäbigen, muffigen Strickjacken über dem weissen T-Shirt und machte das scheinbar Unmögliche wahr: Junge Leute, die so cool und versifft wie Cobain aussehen wollten, stahlen ihren Eltern die Strickjacken und trugen sie zu Jeans und Boots.

Inzwischen sind seit diesem Ausbruch des Grunge wieder zwanzig Jahre vergangen, und die Mode feiert bereits ein erstes Mal ein Revival dieser Zeit natürlich inklusive Strickjacke! Der Cardigan, wie man die Strickjacke heute auch nennt, ist wieder hip, wird von Männern wie Frauen über und unter der Jacke getragen und ist damit der vielseitigste Styling-Tipp dieses Herbstes. Für den gerade populären, leicht ironischen Hipster-Style ist sie sogar ein Must.

Strickjacken gegen Krim-Kälte

Cardigan heissen die Dinger übrigens, weil es der siebte Earl von Cardigan war, der als britischer General Anfang des 19. Jahrhunderts im Krimkrieg tätig war und seinen Soldaten Strickjacken mitgab, damit sie in ihren Uniformen weniger froren. Seine grösste Schlacht schlug der Earl of Cardigan übrigens in Balaklawa, nach der heute die gestrickte Gesichtsmütze benannt ist, bei uns auch besser bekannt als Roger-Staub-Mütze.

Zurück zum Cardigan. Es gibt die vorne durchgeknöpfte Strickjacke in Dutzenden von Varianten. Die feinsten, aus dünnem Feinstrick und schmal auf den Körper gearbeitet, kann man sogar zu einem Businessanzug anziehen. Für Frauen gibt es auch Kombinationen aus passendem Pulli und Strickjacke, die man dann Twin-Set nennt. Sie sind für elegante Damen ein bewährter Klassiker. Beliebt sind bei den Frauen auch die modischen Blanket- oder Wrap-Cardigans zum Wickeln, die fast schon grosse Stricktücher mit Ärmeln sind.

Reissverschlüsse für Lastwagenfahrer

Ein guter Cardigan hat aufgesetzte oder eingearbeitete Taschen auf der Hüfte. Manche haben auch einen angestrickten Schalkragen, den man hochklappen kann, wenns zieht. Wer Flachstrick nicht mag, kann Zopfmuster tragen. Knöpfe sind die üblichste Art, einen Cardigan zu schliessen, doch gibt es auch solche mit einem Reissverschluss Franzosen nennen diese Art der Strickjacke «Camionneur», also Lastwagenfahrer. Das Maison Martin Margiela stellt seit Jahrzehnten eine Strickjacke unter diesem Namen her.

 Wer mag, trägt den Cardigan als Zwischenschicht unter der Jacke, über dem Shirt, der Bluse oder dem Hemd. Verwegene kaufen sich allerdings so grosse Modelle, dass sie auch über der Jacke getragen werden, als äusserste Schicht bei modemutigen Männern auch über dem Anzug. Diese Cardigans sind oft lang und haben noch einen gestrickten Gürtel in der Taille.

Helmut Kohls Strickjacke als Symbol

Die berühmteste Strickjacke der Weltgeschichte ist übrigens, neben die vom Earl of Cardigan und die von Kurt Cobain, das dunkelblaue Modell von Helmut Kohl, das der deutsche Langzeitkanzler 1990, also noch vor dem Nirvana-Frontmann, bei einem legendären Treffen im Kaukasus mit Michail Gorbatschow trug. Die Strickjacke symbolisierte die neue, entspannte Stimmung zwischen den Mächten. Sie hängt heute im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Unvergessen ist auch die rustikale Norweger-Strickjacke von Jeff Bridges in «The Big Lebowski».

Autor/in: Jeroen van Rooijen