Vorhänge - Mit Stil und Gefühl

Wie schafft man sich Nachbarn vom Leib, wenn's sein muss? Zum Beispiel mit Vorhängen. DRS 3-Stilfachmann Jeroen van Rooijen über gute und böse Heimtextilien.

Stil vor den Fenstern: Papiervorhang mit eingebauten Magneten.
Bildlegende: Stil vor den Fenstern: Papiervorhang mit eingebauten Magneten. Florian Kraeutli

Holland ist heute mit einer Fläche von 41'000 km² zwar etwa gleich groß wie die Schweiz, doch mit 16 Millionen Menschen doppelt so stark bevölkert. Die Bevölkerung möchte sich darum zunehmend von anderen abgrenzen. Deshalb sieht man auch in Holland immer öfter Vorhänge - leider. Denn das offene, tabulose Leben ohne Vorhänge entspricht dem Ideal des DRS 3-Stilsheriffs.

Als dann aber an seinem vorletzten Wohnort, in einem relativ modernen Loft mit viel Glas, in einer mittelgroßen Landgemeinde in der Ostschweiz, schon nach einer Woche ein neugieriger Nachbar und Handwerker draußen stand und um viertel nach sieben provozierend fragte, ob man auch mal aufzustehen gedenke, war es auch unserem Stilgewissen etwas zu viel nachbarschaftlicher Fürsorge und es wurden schleunigst Vorhänge montiert.

Die vier Meter lange Baumwoll-Plissee-Vorhänge sahen zwar sehr großzügig und dramatisch aus, waren aber jedes Mal ein rechter Aufwand, wenn die Dinger gewaschen werden mussten - jeweils dann, wenn die Katze die draußen gefangenen Mäuse auf dem bodenlangen Vorhang zerlegt hatte.

Neue Vorhangkultur

Vorhänge sind heute nicht mehr per se pfui und spießig. Und es gibt auch gute Gründe für sie. Man hat heute auch in sehr modernen Wohnungen wieder Vorhänge, weil diese auch für Gemütlichkeit sorgen.

Die Angst vor Behaglichkeit ist vorbei. Textilien kleiden den Raum. Sie sorgen für eine individuelle Note. Lange Vorhänge können einen niedrigen Raum optisch Strecken, weil sie die Vertikale betonen. Es soll sogar Leute geben, die ein Fenster ohne Vorhang nackt und unbekleidet und deshalb obszön finden.

Dann gibt es funktionale Gründe für Vorhänge. Heute wird ja oft mit viel Glas gebaut, also sind Vorhänge auch ein wichtiger Klimaschutz. Wenn man sie zieht, muss man weniger kühlen und klimatisieren - und im Winter weniger entsprechend heizen. Ausserdem sind schwere, doppelte Vorhänge ein wirksamer Schallschutz - man kennt das aus lärmigen Stadthotels: einmal die Vorhänge ziehen und weg ist das Geknatter der Autos.

Tagesvorhänge und Rollos sind out

Nur ganztägig geschlossene Tagesvorhänge wirken nun doch etwas gar traditionell. Wenn man sehr eng aufeinander wohnt oder gerne den ganzen Tag in den Unterhosen herumläuft, mag das eine Option sein, aber stilistisch sind diese halbtransparenten und oft synthetischen Tagesvorhänge nicht gerade der Gipfel von Frische und Modernität.

Auch sind Rollos und Jalousien im Büro oder Home-Office vielleicht eine Option, aber im Wohnraum sieht das heute alt und übertrieben cool aus, so ein bisschen wie «9 1/2 Wochen» mit Mickey Rourke und Kim Basinger.

Interessanter sind neue Konzepte wie die auf das Fenster klebbaren, lichtdurchlässigen Folien, wie sie Création Baumann aus Langenthal erstellt, oder auch frei im Raum hängende Raumteiler sowie Objektvorhänge wie die aus Kunststoff gefertigten, zusammenstellten und zu ganzen Flächen formbaren Algues von Vitra.

Schließlich gibt es eine neue Generation von jungen Designern wie die Schweizerin Annette Douglas, die sehr innovative Sachen macht, etwa auch für den grundsoliden Schweizer Einrichter Pfister. Oder Florian Kraeutli mit seinem spannenden Papiervorhang mit eingebauten Magneten.