Wie gehts denn der Krawatte?

In Interlaken treffen sich in den kommenden Tagen wieder die Krawattenträger zum Swiss Economic Forum (SEF) und versuchen dabei, so seriös und vertrauenswürdig wie möglich auszusehen. Dabei ist die Krawatte gerade dabei, ihre Bedeutung zu verändern.

Ein WEF-Teilnehmer wird aufgefordert, seine Krawatte abzulegen.
Bildlegende: Ein WEF-Teilnehmer wird aufgefordert, seine Krawatte abzulegen. Keystone

Vor zwei bis drei Jahren, also relativ kurz nach der weltweiten Finanzkrise, spürte man auch in Kreisen der Schweizer Manager ein gewisses Unbehagen, was die Krawatte angeht. Sie stand unter Generalverdacht und hatte sich als weltweites Symbol der Wirtschaftswelt in Misskredit gebracht.

Oder besser: man hat durch Schindluderei und Vortäuschen von Seriosität das Renommee der Krawatte beschmutzt. Als Erkennungsmerkmal von Wirtschaftskapitänen - Bankern, Beratern, Versicherern, Pensionskassenverwaltern und Politiker - war sie in Frage gestellt. Entsprechend viele halboffene Hemdkragen ohne Krawatte sah man in den letzten Jahren an solchen Business-Treffs.

Tiefschläge überwunden

Inzwischen hat sich der Schlips aber ein bisschen von diesen Tiefschlägen erholt. Noch immer wird Menschen mit Krawatte auf breiter Basis Vertrauen entgegengebracht. Sie steht noch immer für das Streben nach Erfolg und das Bemühen um Ordnung, sie ist für viele auch heute noch ein Zeichen dafür, dass der, der sie trägt, gewillt ist, Leistung zu erbringen und sich von seiner besten Seite zu zeigen. Die Krawatte kann aber auch, wenn man sich nicht wirklich Mühe gibt und die Krawatte auch mit einer gewissen Würde trägt, sogar die gegenteilige Wirkung haben.

Wer heute noch aufrechten Hauptes eine Krawatte trägt, also mit Stolz und Bewusstsein, der muss sich schon ganz sicher sein, nicht nur ein Business-Gangster zu sein. Und er braucht ein gewisses Mass an modischer Kompetenz, denn eine Krawatte sieht einfach aus, ist aber ein kompliziertes Ding. Weil die Krawatte ihre Bedeutung verändert. Sie wird vom lästigen Anhängsel einer alten, herrschenden Kaste zu einem Accessoire einer neuen Generation, welche sie anders, und sicher modischer trägt.

Schmaler aber stets klassisch

Sie ist schmaler, matter und ein bisschen dicker - es muss also eben nicht diese glatt glänzende Seide von einst sein, sondern ein etwas festerer Stoff. Schön sind auch leicht bewegte Oberflächen wie Seersucker, ein Naturgewebe mit leichter Kräuselung. Bei den Mustern würde ich immer zu klassischen Web-Dessins wie feine Streifen, Mikrokaros, Tupfen oder strukturierten Unis greifen. Die fertige Krawatte ist noch vier bis sechs Zentimeter breit, statt sechs bis neun wie früher.

Sie wird immer dann getragen, wenn man Lust darauf hat, auch ziemlich casual oder bewusst ein bisschen schräg, also zu Chinos oder Shorts, um sie eben nicht so wie früher aussehen zu lassen. Sie ist also nicht mehr ein Symbol des Sich-einordnens in ein bestimmtes System, sondern ein Mittel um seine Persönlichkeit zu akzentuieren oder aufzufallen.

Fürs PflichtprogrammAusserdem gibt es auch heute noch sehr formelle oder feierliche Momente wie eine Hochzeit, eine Taufe, eine Beerdigung oder eine öffentliche Ehrbekundung, die weiterhin die Krawatte erfordern. Auch sollte man sie ernsthaft erwägen, wenn man vor Publikum auftreten oder irgendwo als Bittsteller erscheinen muss.

Autor/in: Jeroen van Rooijen