Zeit, die Stricknadeln hervorzunehmen

Es ist seit einigen Tagen - zumindest unter der helvetischen Hochnebeldecke - schon winterlich kalt, und damit Zeit für dick Gestricktes, auch Selbstgestricktes.

Stricken entspannt ungemein - auch diejenigen, die noch nicht so geübt sind.
Bildlegende: Stricken entspannt ungemein - auch diejenigen, die noch nicht so geübt sind.

Stricken tut der Mensch vermutlich schon seit 2000 Jahren. Die ältesten Fundstücke sind aus dem 2. bis 6. Jahrhundert nach Christus - sie sehen ein bisschen aus wie Socken.

Sie waren noch aus flachen Gestricken und mussten zusammengenäht werden, denn Rundstricken tut man erst ungefähr seit dem Jahre 1250, vermutlich wurde diese heute sehr beliebte Technik in der Schweiz oder in Italien erfunden.

Die ersten Strickmaschinen

Etwa ab 1850 begannen die Engländer, statt von Hand auch auf Flachstrickmaschinen zu stricken, diese mussten aber noch von Hand betrieben werden, elektrische Unterstützung gabs erst 30 Jahre später.

Die Rundstrickmaschine, die später auch feinere Maschengewebe und so genannte Wirkwaren möglich machte, kam erst später dazu, zur Zeit der industriellen Revolution.

Heute ist Maschinenstrick aus der Bekleidungsindustrie nicht mehr wegzudenken, denn Handstrick ist in Europa kaum noch bezahlbar. Dennoch geben viele Strick-Feinschmecker wieder dem Handgestrickten den Vorzug. Es wirkt authentischer und durch seine Unregelmässigkeiten irgendwie einzigartiger.

Selbstgestricktes ist nicht spiessig, sondern cool

Deshalb boomt die Strickbranche - trotz zweier Wirtschaftskrisen. Denn erstens hat das Stricken eine meditative, beruhigende Qualität, und das sucht der zunehmend gestresste moderne Mensch.

Zweitens ist Individualität heute ein Riesenthema - siehe Lady Gaga! - und nichts ist so einzigartig wie Selbstgestricktes. Drittens misstrauen immer mehr Menschen der industriell hergestellten Kleidung, und viertens ist Handgemachtes wieder im Trend, man findet Selbstgestricktes nicht mehr spiessig, sondern cool. Man sieht‘s auch viel auf den Laufstegen, etwa bei der obercoolen Französin Isabel Marant.

Gestrickt wird meistens mit Wolle. Denn Wolle ist unübertroffen. Es gibt keine künstlich hergestellte Faser, die so vielseitig, belastbar, wärmend, leicht und geruchsneutral zugleich ist. Eine geniale Erfindung der Natur.

Die wichtigsten Woll-Arten
Merino:
Obwohl es auch Merino-Meerschweinchen gibt, meint man meistens die Wolle der entsprechenden Merino-Schafrasse, die ursprünglich aus Afrika kommt, aber von denen heute die grössten Herden in Australien weiden. Sie liefern eine besonders feine, exklusive Wolle.

Angora: Eine recht aufwändige, teure Haarfaser des langhaarigen Angora-Kaninchens, dessen Fell besonders fein ist und gut wärmt, wird aber oft mit Mohair verwechselt.

Mohair: Die Wolle der Angora-Ziege, welche die leichteste aller Wollfasern produziert. Das Haar dieses Tier ist nicht gekräuselt, sondern gelockt und seidig weich und glänzend.

Cashmere: Das besonders feine Unterhaar der Kaschmirziege, welches nicht geschoren wird, sondern nur gezupft wird. Eine Ziege gibt nicht mehr als 150 Gramm Wolle pro Saison her, und darum ist es sehr teuer.

Oft wird die Wolle mit synthetischen Fasern gemischt, und dies nicht unbedingt nur, um Geld zu sparen. Denn obwohl synthetische Fasern meist billiger sind als natürliche, haben sie durchaus auch gute Eigenschaften. So kann ein überschaubarer Anteil von Acryl die Wolle gestrickter Kleidungsstücke dauerhafter, pflegeleichter und formstabiler machen.

Wer selber stricken lernen will, der kauft sich eine Strick-Box, etwa bei Knit-Kit, oder man geht in ein gutes Woll-Lädeli, man findet sie alle über die Website des Fachverbandes Wolle Schweiz.

Autor/in: Jeroen van Rooijen