«Die meisten Menschen haben keinen Zugang zu Medizin»

Unermüdlich retten sie mit ihrem Einsatz in Äthiopien Leben und geben Unfallopfern so eine Zukunft– die Chirurgen Melanie Holzgang und Jörg Peltzer. Autor Jürg Brandenberger über seine Dreharbeiten und das Bewusstsein, dass die kleinste Entzündung in diesem Land den Tod bedeuten kann.

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Melanie Holzgang versorgt die kleine Rehima

0:54 min, vom 25.11.2016
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Jürg Brandenberger arbeitet seit 2001 beim Schweizer Fernsehen als Reporter, Videojournalist und Produzent. Seit 2005 ist er bei der «Rundschau». Für die «DOK»-Serie über die Arbeit des IKRK war er 2013 als Videojournalist in Kolumbien.

Ich war gesundheitlich nicht in Höchstform als ich meine Reise nach Äthiopien antrat. Eine verschleppte Nasennebenhöhlenentzündung machte mir zu schaffen und da war noch diese Entzündung am Fingernagel. Ursprünglich eine kleine Sache. Ich hatte mir beim Schneiden der Fingernägel ins Fleisch geschnitten und dies entzündete sich nun auf dem Flug nach Äthiopien in Windeseile.

Als ich in der Hauptstadt Addis Abeba ankam, hatte sich die Entzündung bereits pochend unter dem ganzen Nagel ausgebreitet. So wurde ich zum ersten Patienten von Melanie Holzgang in Äthiopien, der Oberärztin aus Uster, die sich in den kommenden Wochen mit viel Improvisation noch weit Schlimmerem annehmen musste. Mit der Schere aus meinem Nagelset schnitt sie mir die Hälfte des Fingernagels ab und danach die entzündete Stelle raus. Ein kleiner Eingriff, unbehandelt aber hätte sich die Entzündung rasch bedrohlich ausbreiten können.

«  Eine kleine Entzündung führt in Äthiopien schnell zu einer lebensbedrohlichen Situation »
Ein Dorn mit maximaler  Wirkung: Jürg Brandenbergers Daumen musste von der Nofallchirurgin Melanie Holzgang versorgt werden Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eine kleine Verletzung mit maximaler Wirkung: Jürg Brandenbergers Daumen musste von Melanie Holzgang versorgt werden SRF

Sehr viele Menschen in Äthiopien sterben, weil sie einen Dorn im Fuss haben, der eine Entzündung und letztendlich eine Blutvergiftung auslöst. Die allermeisten Menschen im bitterarmen Äthiopien haben keinen Zugang zur Medizin, erst recht nicht zur Chirurgie. Denn diese war in dem Land mit 80 Millionen Einwohnern bis vor kurzem inexistent. Mein Zwischenfall mit dem entzündeten Nagel zeigte mir noch vor der ersten Drehsequenz in Äthiopien, wie wichtig dort die Arbeit der Schweizer Chirurgen ist. Ein chirurgischer Eingriff im richtigen Moment entscheidet über Leben und Tod; darüber, ob ein Knochenbruch rasch geheilt wird, oder ein Mensch unbehandelt für den Rest des Lebens zum Krüppel wird, der keine Chance auf ein würdiges Leben hat.

«  Wer sich in der Schweiz über die Wartezeit in der Notfallaufnahme ärgert, kann sich die Dankbarkeit der Patienten in Äthiopien nur schwer vorstellen »
Jürg Brandenberger im Interview mit Jörg Peltzer Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Jürg Brandenberger im Interview mit Jörg Peltzer SRF

Das wollen Schweizer Chirurgen wie Jörg Peltzer, der Gründer eines entsprechenden Hilfsprojektes in Äthiopien und Oberärztin Melanie Holzgang nicht länger hinnehmen. Unermüdlich retten sie bei ihrem Einsatz in der Provinz Jimma Leben und geben Unfallopfern so eine Zukunft. Wer in der Schweiz lebt, und sich nachvollziehbar über die steigenden Krankenkassenprämien oder über die Wartezeit beim Arzt oder in der Notaufnahme ärgert, kann sich nur schwer vorstellen, wie dankbar die Menschen in Äthiopien über medizinische Hilfe sind.

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«Die Weltverbesserer»

Alles zu den Protagonisten und den 5 Folgen.

Dankbar, dass sie überhaupt behandelt werden. Zum Beispiel nach einer zwölfstündigen Fahrt durch den Dschungel. Sie sind dankbar für ein Bett im Spital, auch wenn es tagelang in einem im Gang steht, der hoffnungslos überfüllt ist. Sie sind dankbar, dass sie eine Chance bekommen für die Triage, die Ärzte wie Jörg Peltzer und Melanie Holzgang in Äthiopien treffen müssen: Die Entscheidung, wer sofort behandelt wird, wer vielleicht behandelt wird und wer angesichts der Überfüllung unbehandelt bleibt.

Der Einsatz der Ärzte, die Dankbarkeit der Menschen, die Schwierigkeit mit der Infrastruktur im mausarmen Land – all dies hat mich berührt – und eröffnet dem Zuschauer hoffentlich einen anderen Blick auf die Verfügbarkeit von Medizin und ärztlicher Hilfe – in der Schweiz und in Äthiopien

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