Hilfsaktionen – gut gemeint oder gut gemacht?

Wenn Bekannte von uns Gutes tun, Gelder sammeln und direkt vor Ort Menschen in Not zukommen lassen, helfen wir gerne, denn diese Direkthilfe ist für uns oft überschaubarer. Trotzdem birgt privates Engagement auch Stolpersteine. Ruth Dällenbach, Fachfrau für internationale Zusammenarbeit, erklärt.

Fotograf Manuel Bauer hilft im Himalaya ein Dorf umzusiedeln Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Fotograf Manuel Bauer hilft im Himalaya ein Dorf umzusiedeln SRF

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Zur Person

Zur Person

Ruth Dällenbach (*1954) ist Fachfrau für Internationale Zusammenarbeit mit einer Zusatzausbildung in NPO Management. Sie hat langjährige Erfahrung in der Arbeit mit Hilfswerken und zivilgesellschaftlichen Organisationen in der Schweiz und im Ausland. Seit 2013 ist sie als Konsulentin für internationale Zusammenarbeit tätig.

Private Initiativen für Hilfsprojekte sind beliebt. Zum Beispiel diese: Im Rahmen einer Projektwoche organisiert die Maturaklasse ein Benefizkonzert. Der Erlös geht an eine ehemalige Schülerin, die in Kenia einen Kindergarten aufgebaut hat. Andernorts gründen drei Freunde aus der Nachbarschaft einen Verein um ein Projekt in Ghana zu unterstützen. Dieses soll Arbeitsplätze schaffen und so Entwicklung fördern. Auch hier ist der Projektleiter ein Bekannter und dies ist – in beiden Fällen – das ausschlaggebende Moment: Weil wir die Projektleitenden vor Ort persönlich kennen, vertrauen wir darauf, dass das Geld gut angelegt ist.

Private Hilfe hat unterschiedlichste Gesichter

Es gibt auch private Hilfe im Rampenlicht: Nach dem verheerenden Erdbeben in Haiti 2010 zum Beispiels traten Promis wie die Modedesignerin Donna Karan oder der Schauspieler Sean Penn mit eigenen humanitären Aktionen auf den Plan. Ebenso die vormaligen US-Präsidenten Bill Clinton und George W. Bush. In der Kommunikation waren sie – und nicht die Menschen, denen zu helfen war – im Zentrum. Sie agierten über die Kraft ihrer Namen und ihrer Vermögen.

Private Hilfe umfasst eine sehr breite Palette von Akteuren, von Aktionen und Organisationsformen; die SRF Doku-Reihe «Die Weltverbesserer» zeigt drei Beispiele dazu.

Hinter diesen Aktionen steht immer zuerst das persönliche Engagement. Armut und Elend macht Menschen betroffen. Sie wollen helfen, selber und direkt helfen und so etwas bewirken. Der Spendenfranken – so wird oft postuliert – soll 1:1 und rasch zu den Bedürftigen kommen. Demgegenüber – so lauten häufige Bedenken – sind Hilfsorganisationen langsam und so genau weiss man ja auch nicht, wo das Geld letztlich ankommt.

«  Ein Grossteil der heute bekannten Schweizer Hilfswerke haben ursprünglich mit privatem Engagement angefangen.  »

Herzlicher Empfang für Manuel Bauer

0:37 min, vom 2.12.2016

Private Hilfsprojekte sind oft sicht- und spürbar. Deren Akteure sind in ihrem Umfeld Vertrauenspersonen und viele Fotos zeigen sie, die Helfer, in Aktion. Das schafft eine starke Verbindung zu den SpenderInnen und stärkt den Glauben, dass das Richtige getan wird. Ein Grossteil der heute bekannten Schweizer Hilfswerke hat übrigens genauso begonnen: Ein Pionier, eine Pionierin, die angesichts von Not und Elend aktiv wurde, Gleichgesinnte suchte und Hilfsprogramme auf die Beine stellte. Sie konnten etwas bewirken und aus ihrer Initiative wuchsen Organisationen, die sich über die Jahre und Jahrzehnte aufgebaut und weiterentwickelt haben.

Wer immer den Anspruch hat, dass Hilfe langfristig wirksam sein soll, muss sich eine Reihe von grundlegenden Fragen stellen:

Heute und morgen

  • Hilft mein Beitrag mit, eine Situation mittelfristig zu verbessern, oder geht es vor allem darum, dass die Menschen in Not heute satt werden? Letzteres ist als Überlebenshilfe kurzfristig immer wieder nötig. Wirkungsvolle Hilfsaktionen nehmen aber von Anfang an die Frage mit, welche Hilfe notwendig sein wird, wenn der erste Hunger erst einmal gestillt ist.

Menschen als selbstverantwortliche Akteure

  • Sehen wir in den Menschen, denen wir helfen möchten, nur beklagenswerte Opfer oder sehen wir in Ihnen eigenständige Individuen, die ihr Schicksal durchaus in die Hand nehmen können und selber am besten wissen, was sie brauchen? Im ersten Fall bleiben sie von meiner Hilfe abhängig. Im zweiten Fall stellt sich die Frage: Was brauchen sie wirklich und was sind ihre Vorschläge und Initiativen? Welche Ressourcen haben sie vor Ort? Und wie kann ich mich selber zurücknehmen und ihre Initiativen verstärken und unterstützen?

Was macht den Unterschied

  • Schafft meine Hilfe einen Mehrwert – zum Beispiel, weil die Menschen etwas Neues lernen, was sie selber weiterführen und nachhaltig ausbauen können? Oder weil sie Kontakte und Vernetzungen knüpfen konnten, die ihnen helfen, ihre Anliegen besser umzusetzen und ihre Rechte einzufordern?

Die Ressourcen

  • Was passiert, wenn meine Geldquelle – oder meine Energie – versiegt? Hat meine Hilfe «ein Fass ohne Boden» bedient, weil die Bedürfnisse sowieso immer grösser sind als die eigenen Möglichkeiten des Helfens oder kann das begonnene Werk Bestand haben?
Vanja Crnojević von «Borderfree Association» versorgt Flüchtlinge auf der Balkanroute Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Vanja Crnojević von «Borderfree Association» versorgt Flüchtlinge auf der Balkanroute SRF

Schliesslich geht es auch darum, mit gutgemeinter Hilfe nicht ungewollten Schaden anzurichten. Eine ungerechte oder falsche Verteilung von Hilfsgütern zum Beispiel kann neue Konflikte schüren und die betroffene Gemeinschaft schwer belasten. In diesem Falle ist die Hilfe ein Danaergeschenk, unheilvoll für die Empfänger! Dies ist eine besondere Herausforderung, vor allem in der spontanen Nothilfe und vor allem dann, wenn Helferinnen die Orte und Menschen, die sie unterstützen wollen, nicht genügend kennen und über Kultur und Hintergründe schlecht informiert sind.

«Do no harm» – füge keinen Schaden zu – wird dieses Prinzip unter Fachleuten bezeichnet. Die anderen aufgeworfenen Fragen beziehen sich auf Grundsätze wie Partizipation, lokale Verankerung und Partnerschaften sowie auf Nachhaltigkeit.

Anerkannte Hilfsorganisationen stellen sich hinter diese Grundsätze und verpflichten sich darüber hinaus, über ihre Arbeit Rechenschaft abzulegen. Die SpenderInnen und die Öffentlichkeit können auf deren Webseiten Jahresberichte und -Rechnungen einsehen und darum wissen, wie ihr Geld professionell und im Sinne der betroffenen Menschen eingesetzt wurde.

«  Auf die Pionierphase folgt die Phase der Organisation »
Hannes Schmid gründete «Smiling Gecko» für Notleidende in Kambodscha Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Hannes Schmid gründete «Smiling Gecko» für Notleidende in Kambodscha SRF

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«Die Weltverbesserer»

Alles zu den Protagonisten und den 5 Folgen.

Private Aktionen haben zweifellos eine gewisse Attraktivität, durch ihre Bilder, durch ihre Spontaneität, manchmal auch durch Innovation. Das persönliche Engagement ihrer Akteure zieht andere in ihren Bann und mobilisiert SpenderInnen. Demgegenüber zeigt die Geschichte der etablierten NGO’s, dass nach der Pionierphase – wenn die Arbeit denn weiter gehen soll – immer die Phase der Organisation folgt, welche die Arbeit auf eine solide Basis stellt. Und für alle muss gelten: Es gibt Standards für wirkungsvolle Hilfe – einige zentrale sind oben angesprochen. Nur wenn diese beachtet werden, können Spenderinnen und Spender damit rechnen, dass ihr Beitrag mehr war als der berühmte Tropfen auf den heissen Stein. Und die Betroffenen können darauf vertrauen, dass das, was mit viel Engagement begann, ihren Bedürfnissen entspricht und in gutem Sinne einer Zusammenarbeit weitergehen kann.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 02.12.2016 21:00

    Die Weltverbesserer
    Die Weltverbesserer – Folge 2

    Die Weltverbesserer, Folge 2

    In Sam Dzong in Nepal läuft nicht alles, wie sich Manuel Bauer das vorgestellt hat. Die Umsiedlung ist ein logistisches Mammutprojekt. In Äthiopien ist Ärztin Melanie Holzgang froh um den fachmännischen Austausch per Handy mit den Kollegen in der Schweiz, sie braucht eine Zweitmeinung.