«Zumindest habe ich es probiert»

Manuel Bauer zweifelt während seines Projekts immer wieder an sich selbst. Trotzdem steht er mit seiner ganzen Person für die Umsiedlung des Dorfes ein. Autorin Lisa Röösli hat den Weltverbesserer mit der Kamera begleitet. Sie sagt: «Er ist ein Idealist, aber kein Romantiker».

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Bildlegende: Lisa Röösli und Manuel Bauer warten vor dem Hotel in Josom auf die Weiterreise nach Mustang. SRF

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Zur Autorin

Zur Autorin

Lisa Röösli kam 1997 zu SRF. Sie arbeitete als Redaktorin und Produzentin für verschiedene Sendungen wie «Lipstick», «Schweiz aktuell», «Fernweh», «Reporter» und «Kulturplatz». Seit 2015 ist sie Autorin und Produzentin für die Serie «Reisegeschichten» von 3sat.

Manuel Bauer und Lama Ngawang sitzen im Schneidersitz unter dem einzigen schattenspendenden Baum weit und breit. In ihren Gesichtern Niedergeschlagenheit. Schon zum dritten Mal in diesen Tagen hat die Bezirksversammlung entschieden, nicht zu entscheiden. Die Frage, ob die Bewohner von Sam Dzong ihr neues Dorf auf dem Gemeindeland errichten dürfen, bleibt weiterhin unbeantwortet. Der buddhistische Mönch Lama Ngawang verliert die Geduld und droht, er werde nächstens die Bagger auffahren, Erlaubnis hin oder her. Manuel lacht: «Ich glaube, wir sollten die Kleider tauschen. Mir kommt es manchmal vor, als sei ich mehr Mönch als du, viel friedlicher.» Aber Manuel Bauer ist eigentlich nicht zum Lachen zumute. Später sagt er mir, manchmal sei er sich nicht sicher, ob die Methoden von Lama Ngawang die richtigen seien, um ans Ziel zu gelangen.

«  Manuel ist Fotograf, nicht Bauingenieur, und auch nicht Entwicklungshelfer.  »

Das Ziel, das ist die Umsiedlung des Dorfes Sam Dzong, im hintersten Mustang-Tal in Nepal. Das Dorf, das sich nahe an der tibetischen Grenze befindet, hat wegen des Klimawandels kaum mehr Wasser. Manuel Bauer möchte verhindern, dass die Bewohner abwandern in die armen Siedlungen der Vorstädte Nepals. Er möchte dem Wunsch der Bauern nachkommen, ihr angestammtes Leben weiterzuleben und sucht deshalb nach Land im Tal des Flusses Kali Kandaki, um ein neues Dorf aufzubauen samt den dazugehörigen Feldern. Aber dazu ist er auf lokale Helfer angewiesen, auf Menschen, denen er vertrauen kann. Denn Manuel ist Fotograf, nicht Bauingenieur, und auch nicht Entwicklungshelfer. Er spricht die lokale Sprache nicht. Es ist schwierig abzuschätzen, was hinter den Kulissen läuft, welche Gruppierungen welche Rolle spielen. Was genau die Gründe sind, warum es nicht weitergeht.

«  Er will den Menschen dort nicht einfach Geld bringen, sondern auf Augenhöhe mit ihnen verhandeln. »

Sam Dzong erwacht

0:36 min, vom 23.12.2016

Als ich mit Manuel Bauer zum ersten Mal nach Mustang reise, ist er bereits seit vier Jahren mit seinem Projekt beschäftigt. Der Umsiedlungsprozess dauert viel länger als Manuel zu Beginn dachte. Es ist alles unendlich viel komplizierter und aufwändiger, als er sich vorgestellt hat. Und es kostete viel mehr Geld, als anfangs budgetiert war. Ich merkte, wie schwer sich Manuel zuweilen mit der Verantwortung trägt, die er den Dorfbewohnern und den Spendern gegenüber empfindet. Und ich merkte auch, mit wie vielen Zweifeln der 50-Jährige zu kämpfen hat. Kann er seinem Mitstreiter Lama Ngawang voll und ganz vertrauen? Würden die Dorfbewohner wirklich in das neu gebaute Dorf umziehen? Was, wenn die neue Nähe zu Lo Manthang, dem Hauptort Mustangs, sie auf ganz andere Ideen bringt? Was, wenn die neuen Nachbarn die Zuzüger nicht akzeptieren?

Gebetsfahnen in Mustang

0:37 min, vom 23.12.2016

Dauernd hinterfragte er sein Projekt, erschien morgens mit rotgeränderten Augen zum Frühstück, weil eine Frage ihn umtrieb und er deshalb nachts wachgelegen hatte. Den Menschen nicht einfach Geld zu bringen, sondern auf Augenhöhe mit ihnen verhandeln, war ihm ganz wichtig. Und er war auch kritisch sich selbst gegenüber: «Mache ich das, um als der grosse Helfer dazustehen?» war so ein typischer Satz von ihm.

«Sie, die Leute von Sam Dzong, haben mich angefragt zu helfen», betonte Manuel immer. Das gab ihm bei allen Hindernissen die Sicherheit, auf die Motivation der betroffenen Menschen zählen zu können. Trotzdem war das Risiko nicht unbeträchtlich, dass die Wiederansiedlung nicht funktioniert, dass all das Geld, die aufgewendete Zeit und Mühe im Nichts verpufft. «Ich habe niemandem den Erfolg versprochen», beruhigte sich Manuel jeweils selbst.

«  Manuel ist ein Idealist, aber kein Romantiker. »
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«Die Weltverbesserer»

Alles zu den Protagonisten und den 5 Folgen.

Seit meiner ersten Reise mit Manuel Bauer sind zweieinhalb Jahre vergangen. Inzwischen wurde ein Bauplatz gefunden, das neue Dorf eingeweiht, die ersten Felder bestellt. Das ist eine grossartige Zwischenbilanz, die den Bewohnern von Sam Dzong geschuldet ist, den lokalen Mitstreitern von Manuel, den Spenderinnen und Spendern aus der Schweiz und natürlich Manuel Bauer selbst. Ein Happy End? Das wird sich erst in der längeren Frist zeigen. Aber ich habe in Manuel Bauer jemanden kennengelernt, der mit seiner ganzen Person für eine Sache einsteht. Einen Idealisten, aber nicht einen Romantiker.

Manuel Bauer: «Ein Privileg zu helfen.»

0:22 min, vom 25.11.2016

Was mich beeindruckte war die Energie, mit der er sein Projekt vorantrieb, als ob es die Zweifel alle nicht gäbe. Ich denke, der Grund dafür war sein Vertrauen, das Richtige zum Ziel zu haben. «Ich habe es zumindest probiert» war sein häufigstes Argument in Momenten, in denen der Erfolg aussichtslos schien. Woraus er dieses Vertrauen schöpfte, wurde mir klar, wenn ich dann die Freude und Herzlichkeit der Bewohner von Sam Dzong beobachtete, wenn sie Manuel begegneten. Diese Begegnung und der Wille dieser Menschen, ihr Leben zu verbessern und trotzdem ihren Wurzeln treu zu bleiben, wird mir von Mustang am stärksten in Erinnerung bleiben. Und eine unglaublich schöne Berglandschaft.

Sendungen zu diesem Artikel

  • SRF 1 23.12.2016 21:00

    Die Weltverbesserer
    Die Weltverbesserer – Folge 5

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    Die Weltverbesserer
    Die Weltverbesserer – Folge 4

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    Der Ärztin Melanie Holzgang steht bald der Abschied von der Unfallchirurgie in Äthiopien bevor. Die Rückkehr in die Schweiz fällt ihr schwer. Im griechischen Ideomeni sieht Vanja Crnojević unglaubliches Elend. Sie hat als Mutter eines zehnjährigen Sohnes Mühe die Fassung zu bewahren.

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    Die Weltverbesserer
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    Alle Protagonisten der «DOK»-Serie «Die Weltverbesserer» sind beseelt von ihrer Vision, etwas bewegen zu können. Sie sind bereit, viel Zeit für ihren Traum zu investieren und sie nehmen ein eingeschränktes Privatleben in Kauf.

  • SRF 1 02.12.2016 21:00

    Die Weltverbesserer
    Die Weltverbesserer – Folge 2

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    In Sam Dzong in Nepal läuft nicht alles, wie sich Manuel Bauer das vorgestellt hat. Die Umsiedlung ist ein logistisches Mammutprojekt. In Äthiopien ist Ärztin Melanie Holzgang froh um den fachmännischen Austausch per Handy mit den Kollegen in der Schweiz, sie braucht eine Zweitmeinung.

  • SRF 1 25.11.2016 21:00

    Die Weltverbesserer
    Die Weltverbesserer – Folge 1

    Die Weltverbesserer, Folge 1

    Notfallchirurgie in Äthiopien, die Rettung eines Dorfes in Nepal und Hilfe für Flüchtlinge auf der Balkanroute, das sind die Geschichten der fünfteiligen DOK-Serie «Die Weltverbesserer». Wir begleiten vier Menschen, die sich aus Eigeninitative dafür einsetzen, dass die Welt ein besserer Ort wird.