Der Friede zwischen den Religionen ist ein zentraler Auftrag

Yvonne Waldboth ist seit vier Jahren Pfarrerin in Bülach, in einer der grössten reformierten Gemeinden der Deutschschweiz. Der Austausch mit Muslimen ist ihrer Meinung nach sehr wichtig. Denn so gelinge Integration. Und diffuse Ängste gegenüber Andersgläubigen treten in den Hintergrund.

Die reformierte Pfarrerin Yvonne Waldboth lebt mit ihrer Partnerin in Bülach. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die reformierte Pfarrerin Yvonne Waldboth lebt mit ihrer Partnerin in Bülach. SRF

SRF DOK: Warum nimmt die Angst gegenüber dem Islam in der Schweiz zu?

Yvonne Waldboth: Eine Rolle spielt die Berichterstattung in den Medien. Bei den Kölner Ereignissen und der Durchsetzungsinitiative wurden nochmals alle Register gezogen. Das ist Angstmacherei, die auf fruchtbaren Boden fällt. Denn viele Menschen kennen ihre eigenen Wurzeln nicht mehr oder pflegen sie nicht. Das kann Angst schüren vor Menschen, die bewusst eine andere Religion leben, selbst wenn sie gar nicht radikalisiert sind. Es gibt Muslime bei uns, die einfach erkennbar sind, auch wenn sie nicht radikal sind. Allein dadurch, dass sie sich sichtbar zu ihrer Religion bekennen, werden viele verunsichert

«Muslime zeigen ihren Glauben aktiv, das verunsichert uns.»

0:34 min, vom 10.8.2016

Was kann oder soll man der Angst entgegensetzen?

Es gibt einen radikalisierten Teil. Es wäre naiv, das nicht zu sehen. Aber die grosse Mehrheit der Muslime in der Schweiz ist nicht so. Begegnungen helfen Ängste abzubauen. Ich mache diese Erfahrung bei Jugendlichen und Konfirmanden. Die kennen einander, gehen zusammen zur Schule und finden das völlig easy. Das sind ihre muslimischen Kollegen, die haben gewisse Eigenheiten, feiern ihre eigenen Feste, sind aber nicht radikalisiert. Und dann gibt es in ihrer Wahrnehmung noch die Islamisten. Das sind für sie aber nicht die gleichen Leute. Bei Menschen hingegen, die gar keinen Kontakt haben, grösstenteils auch die ältere oder die ländliche Bevölkerung, ist die Angst viel grösser.

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Haben die Landeskirchen einen speziellen Auftrag in dieser Hinsicht?

Auf alle Fälle. Der Friede zwischen den Religionen ist ein zentraler Auftrag für eine Kirche, erst recht für eine öffentlich-rechtlich anerkannte Landeskirche. Hier mitzuhelfen, damit das gegenseitige Verständnis wächst, ist ein klarer Bildungsauftrag – und den nehmen wir auch wahr.

Wie kommuniziert die reformierte Kirche mit den religiösen Vertretern der andersgläubigen Migranten?

Auf Leitungsebene gibt es im Kanton Zürich den «Runden Tisch» der Religionen. Darin vertreten sind Muslime, Juden, Buddhisten und Christen. Sie treffen sich regelmässig. Gesamtschweizerisch gibt es das «Haus der Religionen» für den interreligiösen Austausch.

Sehr vieles läuft auf Gemeindeebene. In Bülach haben wir sehr guten Kontakt zu einer Moschee und ihrer Gemeinschaft. Es gibt eine interreligiöse Arbeitsgruppe mit Katholiken, Reformierten und Muslimen. Es gibt Begegnungsmöglichkeiten, Bildungsveranstaltungen und nicht zu vergessen die unzähligen Stunden Religionsunterricht und Jugendarbeit. Der Moscheebesuch beispielsweise, ist für Konfirmanden ein fester Bestandteil des Religionsunterrichtes.

Gibt es auch informelle Kontakte zum Beispiel zu der Moschee in Winterthur, wo man versucht Brücken zu bauen?

Das weiss ich nicht. Aber ich glaube nicht, dass es als Kirche unsere Aufgabe ist mit den Extremen aus ihren Reihen Kontakt aufzunehmen. Es ist vielmehr unsere Aufgabe, diejenigen zu stärken, die liberal sind, die hier als Muslime leben und sich als Teil unserer Gesellschaft verstehen. Jede religiöse Gemeinschaft muss mit Extremismus in den eigenen Reihen zuerst mal selbst umgehen können. Ich bin der Überzeugung, dass eine öffentlich-rechtliche Anerkennung des Islams sinnvoll wäre, denn es würde denjenigen Muslimen helfen, die hier integriert sind. Es ist unsere Aufgabe, diese Leute zu unterstützen.

Wie können neu ankommende Migranten erreicht werden. Vor allem auch Frauen, die oft zuhause sind und wenig Kontakte haben?

Ich bin keine Integrationsfachfrau. Aber wenn man Frauen, auch der ersten Generation, Möglichkeiten bietet, Kontakte nach aussen zu pflegen, kann Integration gelingen. Wenn ich Frauen sehe, die es geschafft haben, die hiesigen Freiheiten für sich in Anspruch zu nehmen, so sind das immer Frauen, die die Sprache möglichst schnell gelernt haben und Kontakte hatten. Sei es über Freiwilligentätigkeit oder über Arbeit, Schule und Ausbildung.

Engagiert sich die Reformierte Kirche nun speziell in Sachen Integration, zum Beispiel mit Sprachkursen?

In Bülach läuft die Organisation der Freiwilligenarbeit über die reformierte und katholische Kirchgemeinde. Es sind Freiwillige, die hier leben und helfen, ein Tagesprogramm für die Flüchtlinge, die in Bülach untergebracht sind, zu gestalten. Es gibt Sprachkurse und Begegnungsmöglichkeiten, auch Sportangebote. Zudem sind wir daran einen gemeinsamen Chor aufzubauen – der «Eine-Welt-Chor». Die Landeskirche hat ausserdem einen Fonds, der Migrantenkindern eine höhere Schulbildung ermöglichen soll. Bildung ist einfach der Schlüssel.

Nochmals zurück zu diesen diffusen Ängsten: Wie beurteilen Sie die Übergriffe in Köln? Ist das ein Gender- oder ein Glaubensproblem oder beides?

Eine Glaubensfrage wohl am wenigsten. Das war eine Horde junger Männer unter Alkohol und Drogen. Meines Wissens gibt es am Oktoberfest teilweise ähnliche Übergriffe, vielleicht ein bisschen in einer anderen Zusammensetzung. Ich will Köln nicht verharmlosen. Es ist klar, Männer, die mit einem abwertenden Bild von Frauen aufwachsen, machen so etwas natürlich eher. Das gibt es aber auch unter Schweizern. Was hiesige Frauen an Übergriffen erleben, unabhängig von der Herkunft der Männer, bereitet mir Sorgen. Es ist ein gesellschaftliches Thema, das durch die Ereignisse in Köln nochmals an die Oberfläche gespült wurde.

Würde es helfen, wenn gemässigte Muslime klarer Stellung beziehen würden gegen ihre radikalen Glaubensgenossen?

Ich weiss von moderaten Muslimen, die Mühe haben mit dieser Forderung und es nicht mehr hören können, wenn das von ihnen verlangt wird. Es muss sich ja auch nicht jeder Christ gegen einen andern abgrenzen, weil der jemanden umgebracht hat – nur um zu sagen, das unterstützen wir als Christen nicht. Kaum passiert etwas, erwartet man von der muslimischen Gemeinschaft, dass sie ein Statement abgibt. Wenn die Medien den Gemässigten eine Stimme geben würden, wäre das sicher sehr hilfreich.

Es gibt Leute, die Angst davor haben, wir würden in Zukunft vom Islam dominiert…

Das glaube ich nicht. Wo es bereits eine längere Migrationstradition aus islamischen Ländern gibt, und wo die Leute Perspektiven haben, gewinnt letztlich der Liberalismus. Das ist interessant zu sehen. In Frankreich gibt es beide Seiten. Die Ghettoisierung, aber eben auch den Liberalismus. In Paris existiert beispielsweise eine muslimische Gemeinde für Schwule. Menschen, die einmal die Freiheit gerochen haben, geben sie nicht mehr auf!

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 10.08.2016 20:05

    Wir sind die Schweiz
    Ein Tag im September

    10.08.2016 20:05

    Die fünfte und letzte Folge gibt einen überraschenden Einblick in das Leben eines Staumauerwärters im Bergell, in den Alltag einer Maître de Cabine bei der Swiss, das turbulente Familienleben eines Lehrers mit drei kleinen Kindern und zeigt die Welt einer reformierten Pfarrerin in Bülach.