«Eltern tun sich schwer, das Weinen ihrer Kinder auszuhalten»

Pro Tag kommen in der Schweiz durchschnittlich 233 Babys zur Welt. Bei einigen dieser Geburten ist die frei praktizierende Hebamme Christine Fässler dabei. Im Interview erzählt sie, warum sie sich Eltern mit mehr Gelassenheit und Selbst-bewusstsein wünscht.

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Ein Tag im Juni

43 min, aus DOK - Wir sind die Schweiz vom 19.7.2016

SRF DOK: Sie helfen seit 20 Jahren Kindern zuhause auf die Welt zu kommen. Welche Frauen wollen daheim gebären?

Christine Fässler: Das sind ganz unterschiedliche Frauen, aber hauptsächlich sind es Schweizerinnen, die sich für eine Hausgeburt entscheiden. Beim Wochenbett ist es wieder anders, da geht es von der Flüchtlingsfrau bis zur Managerin.

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Weshalb?

In armen Ländern ist die Hausgeburt etwas Altmodisches, Konservatives. Ausländische Frauen legen grossen Wert auf medizinische Betreuung, wenn sie hier sind. Sie sind ja in die Schweiz gekommen, damit es ihnen besser geht und sie verlangen diese gute medizinische Leistung dann auch. Sie verstehen nicht, weshalb Schweizerinnen zuhause gebären wollen, wenn ihnen doch die moderne Medizin im Spital zur Verfügung steht.

Warum entscheiden sich Frauen für eine Hausgeburt?

Es gibt Frauen, die sich nicht in das Raster eines Spitals eingliedern möchten, weil sie sich sagen, die Geburt ist ein natürlicher Vorgang. Andere Frauen hatten bereits eine Geburt im Spital, bei der sie Dinge störten. Sie entscheiden sich deshalb bei einer weiteren Schwangerschaft für die Hausgeburt.

Nimmt der Trend zum natürlichen Gebären zuhause zu?

Es gibt zwei Trends. Einerseits möchten Frauen die perfekte, medizinische Geburt inklusiv geplantem Kaiserschnitt im Spital. Andererseits besteht auch der Trend weg von der Medizin, hin zum natürlichen Gebären zuhause. Das kann man auch in den Geburtshäusern sehen. Dort und bei den Hausgeburten nimmt die Zahl zu.

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«Jede Geburt ist wie ein Wunder»

0:37 min, vom 20.7.2016

Wie haben sich die werdenden Eltern verändert?

Sie sind tendenziell älter, wenn sie das erste Kind bekommen und sie sind sehr informiert, interessiert, aber auch programmiert. Da wird genau gerechnet und abgewogen, wann das Kind idealerweise kommen soll. Ich sehe das nicht nur positiv.

Welche Auswirkungen hat das?

Die Eltern haben grössere Schwierigkeiten, sich auf das neue Leben mit einem Kind einzulassen. Vorher war ja alles planbar – und mit Kind lässt sich eben vieles nicht planen.

Wie wirkt sich das auf die Kinder aus?

Kinder spüren, wenn die Mutter emotional gestresst ist, weil sie mit der grossen Veränderung in ihrem Leben überfordert ist. In dieser Überforderung passen sich die Frauen der Gefühlswelt des Kindes an. Doch eigentlich müsste es ja umgekehrt sein. Das Kind bräuchte das Vertrauen und die Sicherheit der Mutter. Wenn das Kind weint, versuchen viele Mütter heute alles, damit es aufhört zu weinen – weil sie es selbst nicht aushalten, und es ihnen dann auch schlecht geht.

Es scheint zunehmend schwierig für Eltern, einigermassen gelassen auch Momente auszuhalten, in denen es dem Kind nicht so gut geht. Weinen ist bei Babys nicht immer mit Schmerz verbunden, sondern hilft den Kindern, oft Spannung abzubauen. Können Kinder diese Spannung nicht abbauen, weil die Mutter im Stress ist, führt das zu noch mehr Weinen. Und sofort spricht man von Schreikindern, dabei möchten die Kinder nur Nähe, Halt, emotionale Sicherheit und Geborgenheit.

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«Es gilt, jeden wertzuschätzen»

0:33 min, vom 20.7.2016

Woher kommt diese emotionale Unsicherheit der Eltern?

Es hat sicher damit zu tun, dass diese Frauen nicht mehr mit mehreren Generationen unter einem Dach aufgewachsen sind. Sie haben verlernt zu beobachten, wie andere Mütter mit Kindern umgehen. Das ist verloren gegangen. Ich sehe Frauen, die im Alter von 40 Jahren noch nie ein Baby im Arm gehalten haben. Es reicht eben nicht, wenn man im Internet alles nachlesen kann.

Erziehungsexperten sagen, seit den 1980er-Jahren würden viele Eltern oder vor allem Mütter das Kind als eine Art Projekt sehen, das es erfolgreich abzuschliessen gelte. Wie beurteilen Sie das?

Ich glaube, das war schon immer das Ziel der Eltern, zu schauen, dass ihre Kinder möglichst gut «herauskommen», so dass sie ihr Leben alleine meistern können. Aber die Vorstellung davon, wie sie alleine im Leben stehen sollen, das hat sich verändert. Früher war man zufrieden, wenn ein Kind eine Lehre machte, arbeitete und Geld verdiente. Heute wollen die Eltern, dass das Kind nach der Lehre noch einen Bachelor oder Master anhängt, oder gleich von Anfang an ans Gymnasium geht, studiert, Auslandaufenthalte macht und sich nach oben arbeitet. Die Vorstellung, was einen wertvollen oder perfekten Menschen ausmacht, hat sich verändert.

Christine Fässler mit ihrer Familie Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Christine Fässler hat selbst zwei Kinder im Teenageralter und ist mit Josef verheiratet. SRF

Was bedeutet das für die Kinder?

Das ist natürlich sehr unterschiedlich. Es gibt ein riesiges Angebot für Frühförderung von Kindern. Mütter legen schon ganz früh Wert darauf, dass ihr Kind ins Englisch oder ins Ballett oder ins Babyschwimmen geht. Man sagt nicht mehr, bis zum Kindergarten ist das Kind jetzt einfach mal Kind und darf im Sandkasten spielen. Die Mütter haben den Eindruck, sie müssten ganz früh damit beginnen, dem Kind den besten Weg zu zeigen.

Der Druck auf andere Eltern da mitzumachen, ist gross. Wie können sie sich dem entziehen?

Mütter haben Angst, sie seien schlechte Mütter, wenn sie einem Kind nicht alles bieten. Entziehen kann man sich nur mit sehr viel Selbstbewusstsein und eigenen Ideen. Diese Mütter suchen sich im besten Fall ein gegenüber, bei dem sie sich wohlfühlen und gehen mit ihren Kindern in den Wald, statt ins Frühenglisch.

Auch für die Kinder steigt der Druck. Sie werden heute in der Schule viel öfter therapiert. Mit was hat das zu tun?

Der Leistungsausweis ist das Zeugnis, und das ist ein Barometer für die weitere Karriere. Da frage ich mich schon, ob das die beste Beurteilung für ein Kind ist. Die Eltern sehen die Noten und sagen, da braucht es doch Nachhilfeunterricht, denn eine Note vier reicht nicht für eine gute Karriere.

Ist dieser Druck schon bei der Geburtsvorbereitung spürbar?

Nein, noch nicht. Die werdenden Eltern sind dann in einer existenziellen Phase, in der sie zunächst mal schauen müssen, wie sie klar kommen. Aber sobald es um die Vorsorgeuntersuchung beim Kinderarzt geht, kommen natürlich Fragen wie: «Wann beginnt es zu laufen und zu sprechen?» Dann fängt es mit dem Druck bereits an.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 20.07.2016 20:05

    Wir sind die Schweiz
    Ein Tag im Juni

    20.07.2016 20:05

    In der zweiten Folge begleitet «DOK» vier Menschen, die in unterschiedlichen Regionen der Schweiz leben und ganz verschiedenen Jobs nachgehen. Schon morgens um vier, als Riccardo Amorino aufstehen muss, ist es im Juni 2015 23 Grad heiss.