Flüchtlingskrise – ein Jahr an vorderster Front

Vreni Lenzi leitete während 14 Jahren das Asylempfangs-zentrum in Basel. Die Flüchtlingswelle im Jahr 2015 stellte sie vor grosse Herausforderungen. Wer auch immer politisch das Sagen habe, meint Vreni Lenzi, es gelte zu bedenken, dass Menschen – nicht einfach Flüchtlinge – zu uns kommen.

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Ein Tag im Juli

43 min, aus DOK - Wir sind die Schweiz vom 27.7.2016

SRF DOK: Unsere Dreharbeiten fanden im Juli 2015 statt. Damals stammten 95 Prozent der Flüchtlinge im Empfangszentrum Basel aus Eritrea. Wie hat sich die Situation seither entwickelt?

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«Wir sind die Schweiz»

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Vreni Lenzi: Es kamen danach noch viel mehr Familien und alleinreisende Minderjährige. Das stellte ein grosses Problem punkto Zimmerbelegung dar. Wir mussten die Minderjährigen separieren, so dass sie nicht mit erwachsenen Männern in den Zimmern zusammen waren.

Ist unser Asylsystem ausgerichtet auf Minderjährige, die alleine kommen?

Nein, gar nicht. Die ganz Jungen versuchten wir mit Verwandten zusammenzubringen, damit sie in Obhut sind. Bei anderen organisierten wir eine spezielle Betreuung. Das war wahnsinnig schwierig, weil unsere Ressourcen so knapp waren, und wir buchstäblich überrollt wurden. Zusätzlich öffneten wir die Zivilschutzanlagen, um dort die erwachsenen Männer zu platzieren. Die waren dann Tabuzone für Minderjährige, und gleichzeitig hatten wir so im Zentrum mehr Platz für die Jungen.

Das Empfangszentrum Basel ist ausgerichtet für 420 Menschen, zu Spitzenzeiten waren es aber 600 Personen. Wie kann das funktionieren?

Es war sehr eng. Die ganze Infrastruktur war überlastet. Wir mussten Toi-Tois bestellen, weil wir nicht genügend Toiletten hatten. Wir stellten ein riesiges Zelt in den Aussenbereich, damit die Leute auch bei Regen draussen sein konnten, es war ja noch warm. Mehr Platz zu schaffen war wichtig, damit die Menschen nicht so dicht aufeinander sein mussten.

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Alltag im Asylempfangszentrum

0:37 min, vom 27.7.2016

Nach den Ereignissen von Köln rückte das übergriffige Verhalten junger Migranten in den Fokus. Haben Sie solche Verhaltensweisen im Zentrum festgestellt?

Nein. Die Beteiligten von Köln waren ja hauptsächlich Maghrebiner. Bei uns wohnten vor allem Afghanen. Das waren wirklich noch Knaben. Nicht unbedingt einfach zu führen, denn sie waren lange unterwegs gewesen und hatten Mühe sich wieder in eine Struktur einzufügen. Wir haben versucht, ihnen gewisse Strukturen beizubringen und sie wurden von sprachkundigen Betreuern eng begleitet.

Wie hat das funktioniert? Die jungen Männer konnten sich dieser Kontrolle oder Nacherziehung ja auch entziehen.

Natürlich konnten sie raus, wir wollten sie nicht einsperren. Unsere Kinder gehen mit 12 Jahren ja auch schon raus auf die Strasse. Aber wenn ein Minderjähriger am Abend nicht zurückgekommen ist, sind wir der Sache gründlicher nachgegangen als bei Erwachsenen. Wir haben auch mal die Polizei eingeschaltet. Meistens haben wir sie so wieder gefunden, oder wir liessen sie bei Verwandten übernachten, und sie kamen dann am nächsten Tag zurück.

Vreni Lenzi im Gespräch mit einer Asylsuchenden. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Vreni Lenzi im Gespräch mit einer Asylsuchenden: «Es ist ganz wichtig, dass sie sich verständigen können.» SRF

Was halten Sie von Benimmkursen in Empfangszentren, wie sie nach den Ereignissen in Köln gefordert wurden?

Auch wir haben im Empfangsraum permanent einen Film laufen, in dem erklärt wird, wie das Leben hier funktioniert. Da ging es um Respekt gegenüber Frauen, um ihre Rechte und Pflichten als Asylsuchende und darum, an was sie sich halten müssen, wenn sie hier sind. Und es werden spezielle Veranstaltungen organisiert. Man unternimmt viel, damit solche Dinge bei uns nicht geschehen.

Was ist in Ihren Augen das Wichtigste, um junge Menschen mit bewilligtem Asylgesuch zu integrieren?

Es ist ganz wichtig, dass sie sich verständigen können. Sie müssen lernen, sich an Regeln zu halten und vor allem auch an Zeiten. Viele von ihnen haben keinen Zeitbegriff. Wenn man sagt um 8 Uhr, dann ist das um 8 Uhr und nicht erst um 9 Uhr. Das sind alles Kleinigkeiten, die aber sehr wichtig sind für eine Integration. Wenn sie nachher in einen Kanton kommen und in die Schule gehen, müssen sie das beherrschen, sonst geht es nicht.

Man sagt ja, genau das Alter zwischen 15 und 20 sei schwierig. Wie beurteilen Sie das?

Das stimmt. Ich fände es gut, wenn diese jungen Menschen in den Kantonen in Kleingruppen weiter betreut würden. Aber das ist immer eine Frage der Finanzen. Eine grosse Wohnung mit etwa neun Mitbewohnern und einem Betreuer, der sie miteinbezieht, wäre ideal. Ein Betreuer, der sie lehrt, alleine zu leben, einzukaufen, zu kochen, zu putzen und der ihnen hilft in der Schule zurechtzukommen. Es gibt solche, die packen das auch alleine. Ich treffe hie und da noch welche in der Stadt, die haben es geschafft, die machen das super, begrüssen mich auf Deutsch, aber jeder Mensch ist eben anders.

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Vreni Lenzi über die Schliessung von Grenzen

0:35 min, vom 27.7.2016

Glauben Sie, dass während der wärmeren Jahreszeit wieder vermehrt Flüchtlinge bei uns ankommen werden?

Im Sommer ist es meiner Erfahrung nach eher ruhiger, denn im Sommer kann man draussen sein. Die Flüchtlinge können sich in Italien zum Beispiel als Strandverkäufer durchschlagen. Ab Mitte August beginnen die Zahlen wieder zu steigen. Wenn man aber sieht, wieviele Menschen in der Türkei warten... Irgendwann werden sie einen anderen Weg finden und auch kommen. Aber die Schweiz ist ja nicht unbedingt ihre Wunschdestination.

Warum nicht?

Erstens sind wir restriktiver bei den Finanzen. Bei uns erhalten die Asylsuchenden viel weniger Geld als in Deutschland. Vor allem am Anfang. Wenn sie in einer Empfangsstelle sind, gibt es nur drei Franken Taschengeld. In anderen Ländern ist man grosszügiger. Dort erhalten sie mehr Geld und können damit machen was sie wollen.

Viele hoffen auf ein besseres Leben hier. Hatten Sie den Eindruck, dass alle an Leib und Leben bedroht waren?

Wenn sie aus der Türkei kamen, waren sie nicht direkt bedroht, aber sie wollten einfach raus aus den Flüchtlingslagern. Unter den Menschen, die aus Syrien kamen, hatte es sicher einige, die an Leib und Leben bedroht waren. Ich habe viele Geschichten gehört, bei denen sich mir die Nackenhaare aufstellten. Geschichten über physischen und psychischen Terror.

Wie gross ist die Frustration bei den Geflüchteten, wenn sie feststellen müssen, dass die Schweiz kein Paradies ist?

Solange sie keinen Entscheid haben, hoffen sie natürlich, dass sie bleiben und eine Arbeit finden können. Aber wenn man ihnen sagt, sie hätten keine Chance, dann ist die Frustration schon gross. Wir waren dann jeweils die Puffer – aber das darf man nicht persönlich nehmen. Der Entscheid kam von der Schweiz und wir, das Betreuungspersonal, verkörpern die Schweiz. Mit den meisten konnte man jedoch reden und ihnen die Situation erklären.

Kennen Sie auch welche, die zurückgegangen sind?

Ja, viele Menschen aus dem Balkan. Ihnen wurde gesagt, dass sie keine Chance haben zu bleiben, weil sie aus sogenannten «Save Countries» kommen. Der Bund selbst hat sehr konsequent daran gearbeitet.

Was halten Sie generell von der Migrationspolitik der Schweiz?

Gewisse Kreise sagen, man müsse anders vorgehen. Aber man kann nicht einfach proklamieren, die Grenzen zu schliessen. Die Flüchtlinge kommen sowieso, das sind nicht irgendwelche Motoren, die man abstellen kann. Das sind Menschen. Seit Menschengedenken gibt es solche Flüchtlingsströme, und das wird sich nicht ändern, egal wer in der Politik gerade am Ruder ist.

Was halten Sie von einer Obergrenze?

Was soll man denn mit den anderen machen? Das klingt alles so gut –aber wer so etwas fordert, macht sich selbst etwas vor.

Sendung zu diesem Artikel

  • SRF 1 27.07.2016 20:05

    Wir sind die Schweiz
    Ein Tag im Juli

    27.07.2016 20:05

    In der dritten Folge taucht «DOK» in vier unterschiedliche Welten ein: In eine Backstube im hügeligen Appenzellerland, in den Pendlerverkehr in der Agglomeration Zürich, in ein Asylempfangszentrum in Basel und in einen Landgasthof im Berner Schwarzenburgerland.