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UEFA EURO 2016 Macht Mutter Teresa Albaniens Aschenputtel-Träume wahr?

In Tirana und anderen albanischen Städten bereiten sich alle auf den Stillstand vom Samstag vor. In der Fanmeile auf dem Mutter-Teresa-Platz finden 25'000 Fans Platz, Tickets gehen weg wie warme Semmeln.

Legende: Video Albaniens Nati: Auf Hochglanz poliert abspielen. Laufzeit 2:20 Minuten.
Aus sportlive vom 10.06.2016.
  • Die USA und die EU können warten – die EM ist wichtiger
  • In Albanien ist man sich einig: Eine Nullnummer ist möglich
  • Eric Cantona macht dem EM-Neuling Mut

Derzeit steht in Albanien die Nationalmannschaft über allem. Sogar Korruption in der Politik – sonst das Lieblings-Gesprächsthema der Albaner – müssen hintanstehen, wenn Nachrichten vom albanischen Camp in Frankreich eintreffen. Die Verabschiedung der wichtigen Justizreform im Parlament, auf welche die EU und die USA drängen, wurde verschoben, weil die meisten Abgeordneten an der EURO weilen.

Wegen der vielen albanisch-stämmigen Spieler im Schweizer Team wird das Spiel in Albanien als «Derby» betrachtet. Ein Derby, das künftig noch interessanter werden könnte. Einige Spieler mit kosovarischen Wurzeln, namentlich Taulant Xhaka und Milot Rashica, haben angedeutet, dass sie für Kosovo antreten könnten.

Der Ticket-Trick

Aus albanischen Fan-Kreisen hört man, dass mehr albanische als Schweizer Fans im Stadion von Lens sein werden. Viele Tickets seien auf dem Schwarzmarkt erstanden worden – für Preise bis zu 1000 Euro. Dazu kommt, dass offenbar etliche albanische Fans auch Tickets aus dem Schweizer Kontingent gekauft haben. Allerdings: Weil sich beide Fan-Gruppen in Rot kleiden, wird gar nicht genau ersichtlich sein, welches Lager die zahlenmässige Übermacht hat.

«0:0 ist möglich»

Die albanischen Fussballexperten glauben, dass ein 0:0 möglich ist, falls defensive Fehler ausbleiben. Die Abwehr müsse aber (anders als in den letzten Tests) die Anweisungen von Coach Gianni De Biasi genau umsetzen, ansonsten drohe grosse Gefahr von Xherdan Shaqiri, Granit Xhaka und Blerim Dzemaili.

Egal wie es ausgeht, wir werden nicht als Verlierer dastehen.
Autor: Fatjona YmeriAnwältin

Die albanisch-schweizerische Konstellation hat zur Folge, dass man zwar auf einen Sieg der «Adler» hofft, aber auch einfach grosse Dankbarkeit empfindet. «Egal wie es ausgeht, wir werden nicht als Verlierer dastehen», sagt etwa Anwältin Fatjona Ymeri. «Wir können der Welt zeigen, dass Albaner auf hohem Niveau Fussball spielen und unser Nationalteam dem Rest ebenbürtig wäre, wenn wir eine bessere Infrastruktur hätten.»

Fans respektieren Ramadan

Der Ramadan hat im übrigen keine Auswirkungen auf den Alltag der Spieler, die auf das Fasten verzichten. Anders die Fans: Das Alkoholverbot im Islam wird von den Muslimen in Albanien im Rest des Jahres zwar lasch gehandhabt, während des Ramadans ist der Respekt aber höher. Dem trug auch Köln-Verteidiger Mergim Mavraj Rechnung, als er auf einen Spot für ein kosovarisches Bier verzichtete.

Ich gebe Albanien eine Chance, den Titel zu gewinnen.
Autor: Eric Cantona

Mut macht den Albanern ein Video, das von Manchester-United-Legende Eric Cantona veröffentlicht wurde. Darin basht der Franzose die konventionellen Siegprognosen, verweist auf Griechenland 2004, betont die Bedeutung der Leidenschaft und sagt: «Ich gebe Albanien eine Chance, den Titel zu gewinnen.»

Sendebezug: Laufende (Vor-)Berichterstattung zur EURO 2016

Arber Kadia ist freier Mitarbeiter für Tele-Sport und Albanian Daily News. Zuvor war er für BBC, Figaro und Rai tätig. Als Basketballer hat er früher für das albanische Nationalteam gespielt. Er berichtet vor und während der EURO in loser Folge für srf.ch/sport.