America's-Cup-Sieger: «Geschwindigkeit ist nicht alles»

Christian Scherrer hat 2003 mit Alinghi den America's Cup gewonnen. Im Interview spricht der Segler über Unterschiede zu damals, Spektakel und Risiko sowie eine mögliche Rückkehr Alinghis.

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2003 versus 2017: Welten zwischen den Booten

1:06 min, vom 21.6.2017

Christian Scherrer, Sie haben 2003 mit Alinghi den America’s Cup (als erstes europäisches Team) gewonnen. Wieviel hat die Austragung 2017 mit der damaligen zu tun?

Scherrer: Die Boote sind klar anders, man hat von einem Einrumpf-Verdrängungsboot auf einen kleineren Katamaran gewechselt, der unterdessen sogar fliegt und Höchstgeschwindigkeiten erreicht. Das ist sicher einer der grössten Unterschiede. Auch beim Übertragungsformat ist einiges anders, die Rennen sind viel kürzer, kompakter, dauern nur noch 20 Minuten. Schön ist die Berichterstattung am TV, da wurden riesige Schritte gemacht. Deshalb ist der Sport auch einem grösseren Publikum zugänglich.

«  Ich weiss nicht, ob man überhaupt noch schneller werden möchte.  »

Christian Scherrer

Foiling: So fliegen die Boote am America's Cup

1:31 min, vom 19.6.2017

Die Katamarane erreichen dank der Foils heute bis zu 90 km/h, die Alinghi 2003 maximal 40 km/h. Ist das noch segeln oder schon fliegen?

(lacht) Es ist eine Mischung. Die Boote fliegen, aber es ist weiterhin segeln, weil man mit dem Wind unterwegs ist. Aber die Fortbewegung ist fliegend. Es ist ein weiterer Schritt im Segelsport, der unterdessen auch in anderen Bootsklassen stattfindet.

Sind die Grenzen nun ausgereizt?

Ich weiss nicht, ob man überhaupt noch schneller werden möchte. Geschwindigkeit ist nicht alles in so einem Wettkampf. Es ist auch das Taktische, wie man sich bewegt auf dem Parcours.

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Geschichte des America's Cup

Den America's Cup, die prestigeträchtigste und älteste noch heute ausgetragene Segelregatta der Welt, hat seinen Ursprung 1851. Verteidiger und Herausforderer treten in mehreren Wettfahrten gegeneinander an. 2003 und 2007 sorgte Alinghi um Ernesto Bertarelli für die einzigen beiden Siege eines europäischen Bootes.

Die Rennen sehen heute spektakulärer aus denn je, doch dies birgt auch Gefahren. Ist es irgendwann zu viel des Risikos?

Die Frage ist, wie man die Sicherheitsbestimmungen gegenüber der Geschwindigkeit anpasst. Man kann es mit der Formel 1 vergleichen, als es eine Zeit lang relativ viele Unfälle gegeben hat. Da hinkt man jeweils ein wenig hinterher, das war beim America's Cup gleich. Nach dem Todesfall von Andrew Simpson 2013 sind grosse Änderungen vorgenommen worden in Bezug auf Sicherheit und Ausrüstung der Segler. Diese Schritte wurden alle implementiert und auch in den Regeln verankert. Doch je schneller, desto gefährlicher wird der Sport, das ist überall so.

«  In meiner Zeit brauchte man alles sehr gute Segler [...], heute 2 gute Segler und 4 sehr gute Kraftproduzenten. »

Christian Scherrer

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Zur Person

Zur Person

Christian Scherrer (47) wurde mit 21 Jahren Profi-Segler. 1994 nahm er mit «One Australia» an seiner 1. von 4 America's-Cup-Kampagnen teil, ehe er die älteste Trophäe im Sport 2003 mit «Alinghi» gewinnen konnte. Heute arbeitet er als Segler, Berater und Manager von Teams und Events.

Die Teams bestehen heute fast ausschliesslich aus Segel- und Rad-Olympiasiegern, die Fitness- und Intelligenztests absolvieren müssen. Kann man dies mit Ihrer Alinghi-Zeit vergleichen?

Heute wird durch die Notwendigkeit der Kraftproduktion für die Hydrauliksysteme auf diesen Schiffen noch mehr athletische Kraft gebraucht als seglerisches Können. Letzteres braucht heuer zwei Leute, das sind dementsprechend diejenigen, die den Crewmitgliedern 2003 oder 2007 ähnlicher waren. Die anderen sind – je nach Boot, wie bei Neuseeland, das die Kraft für die hydraulischen Trimmsysteme von Velofahrern nimmt – teilweise Radprofis oder sonst Topcracks. Der Fokus bei der Auswahl der Leute wurde anders. In meiner Zeit brauchte man alles sehr gute Segler mit verschiedenen Fähigkeiten, darunter kräftige Grinder, unterdessen 2 gute Segler und 4 sehr gute Kraftproduzenten.

New Zealand liegt nach 4 Rennen mit 3:0 vorn – werden die «Kiwis» den Vorsprung im Gegensatz zu 2013 (8:9-Niederlage nach 8:1-Führung) verteidigen?

Die Chancen stehen sicher besser, weil es weniger Möglichkeiten für Änderungen am Boot gibt. Aber wir müssen uns bewusst sein, dass nur bei einer Art von Windbedingungen gesegelt wurde – weshalb nur ein Typ von Foils verwendet wurde (Anm. d. Red.: Es sind zwei Paar Foils erlaubt: eines für Leichtwind, eines für stärkeren Wind). Bei anderen Foils wissen wir nicht, ob der Geschwindigkeits-Unterschied so gross sein wird wie zum Auftakt.

Wird es in Zukunft wieder einmal einen Schweizer Herausforderer geben?

Das ist möglich, ich denke derjenige, der an vorderster Front steht und auf den wir alle schauen, ist Ernesto Bertarelli. Er hat die letzten Tage klar gesagt, dass es nicht unmöglich ist, aber auch, dass sehr viele Faktoren stimmen müssten, damit er es nochmals machen würde.

Sendebezug: SRF zwei, sportaktuell, 17.06.2017, 22:40 Uhr