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Weil das Pferd streikt, fällt Fünfkämpferin Schleu aus dem Medaillenrennen
Aus Tokyo konpakuto vom 06.08.2021.
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Das «Reit-Drama» als Auslöser Plötzlich tobt eine Grundsatzdebatte um den Modernen Fünfkampf

  • Ein Pferd, das refüsiert, bringt im Modernen Fünfkampf die Deutsche Annika Schleu um eine sicher geglaubte Olympia-Medaille.
  • Das «Reit-Drama» zieht weite Kreise: Die sozialen Medien verunglimpfen die Athletin als Tierquälerin, der Verband leistet Rückendeckung.
  • Die deutsche Bundestrainerin wird am Samstag von den Olympischen Spielen ausgeschlossen.
  • Derweil verteidigt der Weltverbandspräsident – ironischerweise ein Deutscher – das Wettbewerbsformat und die Wahl der Pferde.

Im Modernen Fünfkampf war Annika Schleu als Führende zur 3. Teildisziplin Reiten gestartet. Auf dem ihr zugelosten Saint Boy hatte zuvor schon eine Konkurrentin mit 3 Verweigerungen grosse Probleme bekundet. Noch bevor die Deutsche in den Parcours reiten konnte, blockte das Tier ab.

Zunehmend der Verzweiflung nahe, versuchte die 5-fache Weltmeisterin im Sattel, ihren vierbeinigen Sportspartner zum «Dienstantritt» aufzufordern. Sie setzte dabei auf Rat der Bundestrainerin die Gerte und Sporen ein. Kurzzeitig übersprang das Pferd ein paar Hindernisse, ehe es sich – sichtlich verunsichert – von neuem sträubte. Die 31-jährige Schleu brach während des Einsatzes in Tränen aus, blieb letztlich ohne Punkte und rutschte auf Rang 31 ab.

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Das «Reit-Debakel» im ganzen Ausmass: Schleu der Verzweiflung nah
Aus Tokyo 2020 Clips vom 06.08.2021.
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Im Kreuzfeuer – der Verband stellt die Fairnessfrage

Im Nachgang dieses Waterloos sieht der deutsche Disziplinen-Verband «dringenden Handlungsbedarf» für eine Anpassung des Reglements der umstrittenen Teildisziplin Springreiten. Die Verantwortlichen wünschen sich «eine konstruktiv-sachliche Debatte rund um den Modernen Fünfkampf».

Am Samstag entschied indes der Weltverband der Modernen Fünfkämpfer, die deutsche Bundestrainerin Kim Raisner von den Olympischen Spielen auszuschliessen. Der offensichtliche Versuch von Raisner, Saint Boy mit der rechten Faust auf die linke hintere Flanke zu schlagen, stehe nicht im Einklang mit dem Reglement.

Das Wohl der Tiere und faire Wettkampfbedingungen müssen im Mittelpunkt stehen.
Autor: Der deutsche Olympia-Sportbundim Wortlaut

Gleichzeitig nahm man von höchster Stelle die unglücklich kämpfende Athletin in Schutz. Mittlerweile ist in den sozialen Medien eine regelrechte Hetzjagd gegen Schleu im Gang. Sie wird als Tierquälerin abgestempelt. Der deutsche Verband wehre sich «entschieden dagegen, dass eine Sportlerin persönlich beschimpft und beleidigt wird».

Moderner Fünfkampf: Eine Vielseitigkeits-Sportart

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Bis zum 2. Weltkrieg wurde Moderner Fünfkampf (auch Pentathlon genannt) grösstenteils von Militär- oder Polizei-Angehörigen betrieben. Die Sportart geniesst seit 1912 olympischen Status, im Jahr 2000 wurde auch ein Frauen-Wettbewerb eingeführt.

Ursprünglich bestand der Moderne Fünfkampf aus den Disziplinen Pistolenschiessen, Degenfechten, Schwimmen, Springreiten und Querfeldeinlauf. Heuer in Tokio gelangte dieses Format zur Austragung: 200 m Schwimmen Freistil / Fechten / Reiten / Kombinierter Laser Run.

Im Gegensatz etwa zum Triathlon werden die fünf Disziplinen nicht unmittelbar nacheinander ausgeführt, sondern mit mindestens einer Stunde Zeitabstand. Die erzielten Leistungen werden in Punkte umgerechnet und addiert.

Auch der deutsche olympische Sportbund – das Pendant zu Swiss Olympic hierzulande – nahm die Bilder aus dem Tokyo Stadium zum Anlass, um eine Änderung des Regelwerks zu fordern. Dieses müsse «so angepasst werden, dass es Pferd und Reiter schützt», heisst es in einer Mitteilung. «Das Wohl der Tiere und faire Wettkampfbedingungen für die Athletinnen und Athleten müssen im Mittelpunkt stehen.»

Die Replik: «Alles war genial, war super»

Klaus Schormann meldete sich hinterher ebenfalls zu Wort – und hatte wenig überraschend eine diametral andere Sichtweise, obschon er auch Deutscher ist. Allerdings vertritt der 75-jährige Vorsitzende die Interessen des Weltverbands, entsprechend verteidigte er die Auswahl der Pferde.

Man habe die Tiere getestet, sie seien gut präpariert gewesen. «Es gibt keine Grundlage für die Sportler, sich zu beschweren.» Es habe nur an ihnen selbst gelegen, wenn sie in einigen Teilen des Wettbewerbs nicht erfolgreich gewesen seien, so der Funktionär. «Alles war genial, war super. Ich bin mit der Organisation sehr zufrieden.»

Schormann räumte dann doch noch ein, dass es «vielleicht ein paar Momente gegeben hat, von denen man sagen würde, dass sie nicht so schön gewesen sind.» Sein abschliessendes Urteil lautet indes: «Die Pferde sind absolut exzellent.»

SRF zwei, sportlive, 06.08.2021 22:55 Uhr;

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109 Kommentare

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  • Kommentar von Beat Leumann  (Sno12opy)
    Mit dem zulosen der Pferde zu den Sportlerinnen und Sportlern, wird etwas gemacht das für das Pferd und den Mensch nicht gesund ist. Hier sollten die Pferde innerhalb eines Teams zugelost werden, so hätten beide die Möglichkeit sich vor den Spielen kennen zu lernen. Es wurde aber im Netz auch davon gesprochen, dass das Beisseisen nicht richt im Mund vom Tier war, es wäre mit der Lage der Zunge etwas nicht in Ordnung gewesen. Das würde dann das Verhalten des Tieres erklären. Bitte Regel ändern.
  • Kommentar von Philipp Wehrli  (Philipp Wehrli)
    Dass Annika Schleu eine schwierige Aufgabe haben wird, erkannte der deutsche Kommentator bereits, als er den Ritt der Russin davor kommentierte:
    https://www.eurosport.de/moderner-funfkampf/olympia-moderner-funfkampf/2021/moderner-fuenfkampf-saint-boy-springreiten-gulnaz-gubaydullina-pferd_vid1523333/video.shtml
    Das Reglement muss offensichtlich überarbeitet werden. Zumindest müsste einer Reiterin mehr Zeit gegeben werden, ein Pferd wieder zu beruhigen.
  • Kommentar von Max Blatter  (maxblatter)
    Das ist jetzt genau das Paradebeispiel einer Disziplin, die man streichen sollte – nein: streichen muss, damit nicht der Pferdesport insgesamt in Verruf kommt! Was er in manchen Kreisen (leider!) ja schon ist.

    Wer ist überhaupt auf diese Bieridee gekommen? Unseren Kindern trichtern wir ein, niemals mit jemandem mitzugehen, den oder die es nicht kennt ... und von den Pferden verlangt man genau das. Und wundert sich, wenn das Pferd dann Opfer einer kollektiven Misshandlung wird.