Mittelmässigkeit? «Oft mehr geschätzt als hervorragende Arbeit»

Ladislaus Reser erkennt 1500 Schmetterling-Arten auf einen Blick und gilt auf seinem Gebiet als Koryphäe. Ein Forscher aus Leidenschaft, der dafür seinen Beruf als Opernsänger aufgab. Was er jungen Wissenschaftlern rät und warum er auch «Flohkundler» hätte werden können, erzählt er im Fragebogen.

Schmetterlingsforscher Ladislaus Reser bei der Arbeit in seinem Büro. Im Vordergrund sieht man ein grosses Fachbuch. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Vertieft in die Welt der Falter: Ladislaus Reser wurde über Jahrzehnte zu einem europaweit anerkannten Fachmann für Nachtfalter. SRF

Der Lebenslauf des gebürtigen Ungarn Ladislaus Reser ist so farbenfroh wie die Objekte seiner Forscherleidenschaft. Der Schmetterlingskundler ist ausgebildeter Opernsänger und sang auch am Stadttheater Bern und in Luzern. 1975 hängte er seinen Job auf der Bühne jedoch an den Nagel, um sich den Schmetterlingen zu widmen.

Heute arbeitet Reser, obwohl über 70 und seit 10 Jahren pensioniert, als Lepidopterologe. Er ist ehrenamtlicher Kurator der Schmetterling-Sammlung des Natur-Museums Luzern und ein europaweit anerkannter Nachtfalterforscher: über 100‘000 Tiere hat er im Laufe seiner Arbeit aufs Spannbrett gelegt und präpariert. 14 Arten hat er entdeckt, beschrieben und vielfach darüber publiziert.

Warum eigentlich? Als Kind, so erzählt er, bekam er von seinen Eltern zu Weihnachten ein altes Buch: «Schmetterlinge» hiess es. «Hätte ich damals ein Buch über Flöhe bekommen», sagt Reser, «wäre ich heute wohl Flohspezialist.». Dass ein Mensch mit solcher Leidenschaft keine Langeweile kennt, zeigen auch seine Antworten in unserem Fragebogen.

Herr Reser, ein guter Forscher …

würde nie seine Ideen und Prinzipien aufgeben.

Zum Forscher gemacht haben mich …

meine Gene und die jugendliche Langeweile am Plattensee in mehreren langen Sommerferien ohne Geschwister und Spielkameraden.

Den Forschungsplatz Schweiz finde ich ...

so wie einen Spruch, der bei uns in der Schweiz oft zitiert wird und den ich für einen Spruch der Faulen halte: «Weniger wäre mehr gewesen!» Mittelmässigkeit wird bei uns leider oft mehr geschätzt und belohnt als hervorragende Arbeit.

Mein grösster Erfolg ...

sind meine beinahe 500 wissenschaftlichen Publikationen.

Meine grösste Niederlage ...

sind meine weiteren beinahe 500 wissenschaftlichen Publikationen, die ich bisher nur geplant, aber noch nicht geschrieben habe!

Auf neue Ideen komme ich am besten ...

im Bett vor dem Einschlafen.

Das wichtigste Buch für meinen Werdegang ist ...

Wir haben hier keinen Platz dafür, um sie alle aufzuführen!

Jungen Forschern in der Schweiz empfehle ich ...

dass sie lieber mehr wollen als weniger, aber dass sie trotzdem immer auf der «Erde» bleiben (ausgenommen Weltraumforscher!) und innerhalb den Grenzen ihrer Möglichkeiten planen. Dabei ist es sehr wichtig Geduld zu haben, und neben langfristigen Zielen («Lebenswerk») auch kurzfristige, in absehbarer Zeit abschliessbare Forschungsprojekte zu verfolgen, und die Ergebnisse gelegentlich irgendwo auch zu veröffentlichen. Nicht zuletzt empfehle ich ihnen, ständig Kontakt zu erfahreneren Forschern zu pflegen.

Die grösste Herausforderung für die Schmetterlings-Forschung der nächsten 20 Jahre ...

wird sein, dass das Sammeln in der sonst sachlichen und besonnenen Schweiz langsam überall verboten oder an bürokratische und sogar kostspielige Bewilligungen gebunden wird. Dies bremst oder hindert sogar sowohl die berufliche Forschung als auch das Entstehen eines Kreises von Amateurforschern, die immer Säulenträger der Schmetterlingsforschung waren.

Wenn ich nicht mehr Forscher sein könnte, würde ich ...

danach forschen, wie ich ein Forscher werden könnte.

Der überflüssigste Forschungszweig ist ...

danach zu forschen, welcher Forschungszweig überflüssig ist. Jede Forschung bringt unter Umständen etwas Nützliches, entweder für die ganze Menschheit, für einen Teil davon oder mindestens für den Forscher selbst. Und auch das ist schon mehr als nichts!

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