Es laufen bereits Feldversuche im Freien. Das internationale Reisforschungsinstitut IRRI und das nationale philippinische Reisforschungsinstitut Philrice liefern in diesen Wochen die letzten Daten an die Bewilligungsbehörde. Alle gehen davon aus: Der in der Schweiz gentechnisch mit Provitamin A angereicherte Goldene Reis wird schon bald für den philippinischen Markt die Zulassung erhalten.

99 Prozent der Gentech-Anwendungen werden bewilligt. Es ist wie in einem Stempelbüro.

Selbst gentech-kritische Kreise wie Greenpeace zweifeln kaum mehr daran. Wilhelmina Pelegrina von Greenpeace International fasst die  Bewilligungspraxis der philippinischen Behörde lakonisch zusammen: «99 Prozent der Gentech-Anwendungen werden bewilligt. Es ist wie in einem Stempelbüro».

Ihren Kampf gegen den Gentech-Reis gibt sie trotzdem nicht auf. Auch kleinbäuerliche Organisationen wie Masipag sehen die bevorstehende Einführung kritisch. Sie setzen lieber auf lokale, traditionelle Reissorten wie den schwarzen Reis, der laut Masipag-Leiter Chito Medina ebenfalls reich an Vitamin A sei. Und die katholische Kirche, ein starker Machtfaktor auf den Philippinen, opponiert gegen den Reis, weil die Sicherheit dieses Gentech-Produktes nicht ausreichend bewiesen sei.«Die Armut mit Gentechnik bekämpfen zu können, ist ein Irrglaube», sagt Edwin Gariguez von der katholischen Bischofskonferenz der Philippinen.

Kampf gegen Mangelernährung

Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO leiden 200 Millionen Kinder weltweit an Vitamin-A-Mangel. Besonders in Afrika und Südostasien ist er ein Problem, der Grund ist meist Unterernährung. Den betroffenen Menschen will der Biologe und ehemalige ETH-Professor Ingo Potrykus, der Erfinder des Goldenen Reises, helfen.

Biologe Ingo Potrykus (79): 2006 wählte ihn die Zeitschrift «Nature» zum einflussreichsten Wissenschaftler 1995-2005 im Bereich Agrar-Industrie. Keystone

Damit das funktioniert, sollen die armen Bauern den Reis gratis bekommen, ohne Lizenzgebühren zahlen zu müssen, weltweit, und zwar so schnell wie möglich. «Ich hoffe, dass die nationale Biosicherheitsbehörde grünes Licht gibt, dass anschliessend der Reis effizient an die Bauern weitergegeben wird, und dass die Mütter, die von Vitamin-A-Mangel betroffen sind, begreifen, dass es gut sein wird, diesen Reis zu essen», sagt Potrykus.

Zwar weiss er um die grosse Opposition auf den Philippinen, aber der Forscher teilt ihre Ansichten nicht, er meint gar: «Dieser Reis ist ein gefährliches Gewächs für professionelle Gentech-Kritiker». Denn der Provitamin-A-Reis sei zum Nutzen der Armen und nicht zum Nutzen der Agrochemie-Riesen. Für andere genmanipulierte Nutzpflanzen wie Mais und Soja, die heute bereits auf dem Markt sind, müssen Bauern in Entwicklungsländern bei jedem Kauf von Saatgut Lizenzgebühren an den Saatguthersteller zahlen. Nicht so beim Goldenen Reis. Den kann jeder Kleinbauer selber weitervermehren. Ingo Potrykus und sein Kollege und Miterfinder Peter Beyer verdienen nichts am Reis, weil sie ihn den Bauern gratis zur Verfügung stellen.

Keine Spur von Vitamin-A-Mangel

Als das Reporterteam auf die Philippinen reist, folgt das grosse Erstaunen. Es konnte kein einziges Kind ausfindig machen, das an einem sichtbaren Vitamin-A-Mangel leidet. Nicht einmal in Payatas, einem Armenviertel der Hauptstadt Manila, wo die Menschen vom Abfall der Metropole leben und alles andere als eine ausgewogene Ernährung haben. Auf Nachfrage bestätigt die zuständige lokale Ärztin Elmira Dizon: «Ich bin seit 3 Jahren Doktor in Payatas. Ich habe noch keinen Fall von Vitamin-A-Mangel gesehen».

Die gleiche Antwort gibt auch das Gesundheitsdepartement der Provinz Bohol, einem offiziellen Vitamin-A-Mangel-Gebiet auf den Philippinen. Das ist erstaunlich, denn laut nationaler Statistik sollen 15 Prozent der gesamten philippinischen Bevölkerung mit Vitamin A unterversorgt sein. Die befragten Experten können sich diese Zahl nicht erklären. Sicher ist: Die Regierung gibt flächendeckend Vitamin A an Kleinkinder ab. Damit konnte die Unterversorgung in den letzten 15 Jahren drastisch gesenkt werden. Auch Förderungsprogramme für Bauern, damit sie vitaminreiches Gemüse und Früchte anpflanzen, haben zur Entschärfung des Problems beigetragen. Als das SRF-Team Erfinder Ingo Potrykus darauf anspricht, meint er: «Das ist für mich nicht überraschend, denn Vitamin-A-Mangel ist nicht einfach zu dokumentieren, obwohl statistisch völlig sicher ist, dass diese Fälle existieren».

Andere Länder könnten profitieren

Natürlich gebe es andere Ländern wie beispielsweise Indien, in denen der Vitamin-A-Mangel viel gravierender sei, fügt er an. Warum sein Reis dann dennoch als erstes auf den Philippinen auf den Markt kommt? Man habe schon langjährige Kontakte auf den Philippinen, zu den beiden Reisforschungsinstituten IRRI und Philrice, die den Golden Rice jetzt auf den Markt brächten, erwidert Potrykus.

Vitamin-A-Mangel führt zur Erweichung und Trübung der Hornhaut. Blindheit ist die Folge. SRF

Entscheidend sei aber, dass die Bill & Melinda Gates Foundation auf die Markteinführung auf den Philippinen dränge. Die Foundation sei es auch, die die Kosten dafür übernehme, sie bestimme die globale Gesundheitspolitik entscheidend mit. Die Gates Foundation ist heute hinter den Vereinigten Staaten die zweitgrösste Geldquelle der WHO.

Wer zahlt, befiehlt. Das gilt auch für «humanitäre» Projekte. Potrykus mag seinen Ärger darüber nicht verstecken. Denn wenn es nach ihm ginge, würden Vorbereitungsarbeiten für die Zulassung seines Reises längst auch in vielen weiteren Reisländern wie Indien, Vietnam, China und Indonesien laufen.

Ist der goldene Reis sicher?

Gesundheitliche Bedenken, ob der Gentech-Reis nicht doch heute unbekannte Nebenwirkungen hat, wischt Potrykus vom Tisch. Auch die Studie des französischen Gentech-Wissenschaftlers Gilles-Eric Séralini, der Ratten mit gentechnisch verändertem Mais über zwei Jahre fütterte und eine erhöhte Tumorbildung bei den Tieren feststellte, mag ihn nicht verunsichern. Potrykus zweifelt die Wissenschaftlichkeit dieser Studie an und ergänzt, sein Reis enthalte die gleiche Substanz wie Karotten: Beta-Karotin oder Provitamin A.

Langzeit-Tierversuche hält Potrykus für unnötig. 50 Jahre Langzeitstudien zu machen, während gleichzeitig Kinder mit dem Provitamin-A-Reis vor Erblinden und dem Tod gerettet werden könnten, sei «gesponnen». So sehr sich Ingo Potrykus für den humanitären Nutzen seiner Erfindung einsetzt, so wenig will er sich noch mit weiteren Sicherheitsabklärungen aufhalten.

Zweifelhafte Tests

Irritierend ist ein Test an 6- bis 8-jährigen chinesischen Kindern, der die Aufnahme von Provitamin A untersuchte. Durchgeführt hat ihn die amerikanische Tufts University mit Geldern des staatlichen Gesundheitsamtes der Vereinigten Staaten. Recherchen des SRF-Reporterteams vor Ort haben ergeben, dass die Eltern über den wahren Grund des Tests nicht informiert wurden. Dass ihre Kinder für den Versuch den goldenen Gentech-Reis assen, erfuhren sie erst im Herbst 2012, vier Jahre später. Die betroffenen Eltern und Schüler sind heute wütend und verängstigt. Ingo Potrykus wusste zwar vom Versuch, ging aber davon aus, dass alles korrekt abgelaufen war.

Es ist offen, ob der Gentech-Reis von Ingo Potrykus den Menschen in Entwicklungsländern tatsächlich das bringt, was sich der Erfinder erhofft. Wird der Reis auf den Philippinen zugelassen, bedeutet dies jedoch einen Dammbruch mit weltweiter Ausstrahlung. Wenn das wichtigste Grundnahrungsmittel für die Menschheit gentechnisch verändert auf den Markt kommt, stehen vielen weiteren Gentech-Lebensmitteln Tür und Tor offen. 

Der Wunderreis: DOK am 28. März um 20:05 Uhr auf SRF 1.

Welche Rolle spielt Syngenta?

Damit seine Erfindung der armen Bevölkerung zugute kommt, ging Ingo Potrykus eine Zusammenarbeit mit dem Schweizer Agrochemie-Riesen Syngenta ein, der den Reis zur Marktreife brachte. Der Agromulti schreibt heute, seine Interessen seien rein humanitär. Genauer erläutern wollte er das nicht. Ein Interview mit dem SRF-Reporterteam wurde verweigert.