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Mensch Kriminelle Zwillinge haben ausgelacht

Wenn eineiige Zwillinge in ein Verbrechen verwickelt sind, hatte es die Polizei bislang schwer. Weil Zwillinge fast dasselbe Erbgut haben, stossen herkömmliche Gentests an ihre Grenzen. Doch das dürfte sich ändern: Forscher aus Deutschland haben den ersten zwillingstauglichen Gentest entwickelt.

Steril abgepackte Stäbchen für einen Mundhöhlenabstrich und Lösungsmittel für die DNA-Untersuchung bei einem Vaterschaftstest.
Legende: Einblick ins Erbgut: DNA-Analysen wie mit dem abgebildeten Zubehör können nun zeigen, welcher von zwei Zwillingen der Vater eines Kindes ist. Keystone

In Deutschland sorgte vor gut einem Jahr ein ungewöhnlicher Gerichtsfall für Aufsehen. Eine Frau hatte kurz nacheinander Sex mit zwei Männern, die nah verwandt waren – Zwillingsbrüder. Die Frau wurde schwanger. Jahre später wollte ihr Sohn wissen, welcher der beiden sein Vater ist und brachte sie vor Gericht.

Doch er scheiterte kläglich. Die Vaterschaft, so die Richter vom Oberlandesgericht Celle, lasse sich juristisch und wissenschaftlich nicht eindeutig klären. Und weil der Junge keinem der beiden Zwillinge zugeordnet werden konnte, musste auch keiner für den Unterhalt der letzten Jahre aufkommen.

Neuer Gentest kann mehr

Fälle wie jener aus dem niedersächsischen Celle sollte es in Zukunft aber nicht mehr geben. Forscher von der Firma «Eurofins Scientific» aus Ebersberg bei München haben nämlich den ersten zwillings-tauglichen Gentest entwickelt. «Damit können wir Zwillinge nicht nur voneinander unterscheiden, sondern auch nachweisen, welcher von zwei Zwillingsbrüdern der Vater eines Kindes ist», sagt Humangenetiker Georg Gradl von Eurofins.

Auch Verbrechen können mit Hilfe des neuen Tests künftig aufgeklärt werden. Vergewaltigungsfälle zum Beispiel wie jener von Marseille: Dort waren sechs Frauen vergewaltigt worden. Die Polizei war sich sicher, dass einer von zwei 22-jährigen Zwillingsbrüdern dahinter steckte. Doch weil der herkömmliche genetische Fingerabdruck die Spuren keinem der beiden eindeutig zuordnen konnte, musste die Polizei beide laufen lassen – aus Mangel an Beweisen.

Verräterische kleine Fehler im Erbgut

Dabei gibt es durchaus Unterschiede im Erbgut von eineiigen Zwillingen: Beide gehen zwar aus ein- und derselben befruchteten Eizelle hervor. Doch ab einem bestimmten Zeitpunkt wachsen die beiden Embryos unabhängig voneinander heran. Ihre Zellen teilen sich, und dabei wird auch immer das gesamte Erbgut in der Zelle kopiert. «Ganz selten entstehen bei diesem Kopiervorgang Schreibfehler, nicht bei jedem Zwilling die gleichen», erläutert Gradl, «ab und zu ist einer der drei Milliarden Buchstaben falsch.» Und anhand dieser Schreibfehler lassen sich Zwillinge unterscheiden.

Mit bisherigen Gentests lassen sich diese winzigen Schreibfehler nicht aufspüren. Die Methode ist schlicht nicht fein genug. Sie misst nur die Länge von verschiedenen, klar definierten Abschnitten im Erbgut, und die ist bei Zwillingen gleich. Doch die Sequenziertechnik hat sich in den letzten Jahren rasant weiterentwickelt. Inzwischen können Fachleute in wenigen Wochen das gesamte Erbgut eines Menschen sequenzieren – Buchstabe für Buchstabe – und mit anderen abgleichen. Auf diese Weise müssten sich auch die Zwillinge auseinander halten lassen.

Anfragen aus aller Welt

Die deutschen Wissenschaftler haben ihre Methode mit freiwilligen Zwillingen und deren Familienangehörigen überprüft. Sie konnten dabei zeigen, dass die Gensequenzierung extrem zuverlässig ist. Kurz vor Weihnachten haben Gradl und sein Team das Verfahren daher in einer forensischen Fachzeitschrift vorgestellt. Seither kämen Anfragen aus aller Welt, sagt der Genetiker – dies, obwohl die Kosten hoch sind: im sechsstelligen Bereich. Es geht um ungeklärte Vaterschaften, aber auch um Vergewaltigungen und Morde mit Zwillingsbeteiligung. Über die ersten Fälle werde bereits verhandelt.

Aus der Schweiz liegt allerdings noch keine Anfrage vor. Ob der Test hierzulande eingesetzt werden könnte, ist auch fraglich: In der Schweiz ist es nach derzeitiger Gesetzeslage nicht erlaubt, etwa zur Verbrechensaufklärung das gesamte Erbgut eines Menschen zu sequenzieren.