«Die Schmelze geht schneller als man früher angenommen hat»

1 Meter höherer Meeresspiegel: Diese Prognose für die kommenden 100 bis 200 Jahre basiert auf neuen Nasa-Daten. Und weil es offene Fragen gibt, könnte es noch schlimmer kommen – auch in Metropolen wie Singapur. Warum? Wo liegen die Herausforderungen? Antworten von Klimaforscher Reto Knutti.

Eisschollen auf einem See vor einer Berglandschaft. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Spürbarer Klimawandel in aller Welt: Auch im Nationalpark Torres del Paine in Patagonien in Chile sorgt die Gletscherschmelze immer wieder für Schlagzeilen. Imago

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Alarmierende Daten

Laut den Satellitenaufnahmen sind die Ozeane seit 1992 im Durchschnitt um 7,6 Zentimeter gestiegen, mancherorts um mehr als 23. Grund ist vor allem das Abschmelzen der Gletscher, aber auch die Erwärmung der Ozeane. Besonders besorgt sind Forscher über Grönland: Dort schmolzen im vergangenen Jahrzehnt durchschnittlich 303 Gigatonnen Eis pro Jahr.

Ein Anstieg der Meeresspiegel um mindestens einen Meter ist laut neuen Daten der US-Weltraumbehörde Nasa in den kommenden 100 bis 200 Jahren unvermeidlich. Niedrig gelegene Landstriche könnten damit versinken. Neben Inseln wären das auch Grossstädte wie Tokio und Singapur.

Verschärfen könnte sich die Situation durch einen schnellen Zusammenbruch der Eisschilde. Doch schon durch die bisherige Schmelze zeichnet sich laut Nasa-Experten ein Meeresspiegel-Anstieg um mehr als einen Meter ab.

Reto Knutti, Klima-Experte an der ETH Zürich, erklärt die neuen Klimadiagnosen und zeigt mögliche Folgen auf.

Herr Knutti: Was ist neu an den Erkenntnissen der Nasa?

Neu ist, dass man jetzt viel bessere Daten von Satelliten hat, um auch die grossen Eismassen besser zu verstehen: Grönland und die Antarktis. Die sind früher fast nicht beobachtet worden, aber mit Satelliten kann heute mehr aussagen. Und dort geht die Schmelze schneller als man früher angenommen hat.

Was gibt es noch an Unsicherheiten in diesem Bereich?

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Zur Person

Zur Person

Keystone

Reto Knutti ist Professor an der ETH Zürich und arbeitet am Institut für Atmosphäre und Klima. Der Klimawandel ist sein Spezialgebiet. Er ist Mitautor des IPCC- Klimaberichts der Vereinten Nationen.

Wir verstehen den Beitrag des Meeres relativ gut: Wenn das Wasser sich erwärmt, dann dehnt es sich aus. Wir verstehen auch die Alpengletscher relativ gut; die haben wir schon lange vermessen. Aber die grossen Unsicherheiten liegen eben in Grönland und in der Antarktis. Und insbesondere können dort dynamische Prozesse relativ schnell ablaufen.

Wie das?

Man kann sich das ein bisschen vorstellen, wie wenn man einen Glace-Block auf einem gefrorenen Teller hat, den man schräg hält. Solange der Block angefroren ist, passiert nichts. Aber wenn er irgendwann ins Gleiten kommt, dann kann der ganze Glace-Block einfach so herunterschlittern. Und das kann sehr viel schneller gehen als das langsame oberflächliche Abschmelzen.

Es sind viele küstennahe Regionen betroffen. Sind diese Gebiete darauf vorbereitet, dass es sie vielleicht bald nicht mehr so geben wird wie jetzt?

Es gibt sicher Orte, wo man sich damit schon lange beschäftigt. Holland zum Beispiel hat viel Infrastruktur, um sich zu wehren. Auch Städte wie New York haben nach dem letzten Sturm Sandy angefangen, sich damit zu beschäftigen. Aber das Problem liegt vor allem in den Entwicklungsländern oder in Ländern, wo keine Infrastruktur, kein Geld, keine Technologie vorhanden ist. Wie zum Beispiel Bangladesh: Dort weiss man eigentlich schlecht, wie man mit den Gefahren umgehen kann. Und dort ist ein um einen Meter höherer Meeresspiegel natürlich ein riesiges Problem.

Und wie ist die Forschung da gefordert?

Die Forschung wird weiter versuchen, die Zahlen besser zu verstehen. Wie schnell geht das Ganze? Wir können uns auf einen Meter einstellen, aber die Frage ist: Geht es 50 Jahre oder 100 oder 200 Jahre?Dann sind natürlich auch Leute gefordert, die sich mit den Auswirkungen beschäftigen – und den Massnahmen. Wie kann man betroffenen Ländern helfen, die vielleicht die Technologien und das Knowhow haben, um sich zu wehren. Es geht hier auch um internationale Zusammenarbeit.