Eingeschleppte Arten: «Wir können nicht einfach alles vergiften»

Etwa 50 invasive Tierarten gibt es in der Schweiz. Yves Gonseth und Christof Angst vom Schweizer Zentrum für Kartografie der Fauna erklären, welche Rolle der Mensch beim Verschwinden der Arten spielt und warum Nichtstun vielleicht das Richtige sein könnte.

Bisamratte im Fluss Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Bisamratte sieht zwar herzig aus, setzt der Schweizer Bachmuschel aber stark zu. Wikipedia, Cephas

SRF: In Grossbritannien verdrängen eingeschleppte Grauhörnchen die einheimischen Arten und Australien kämpft gegen die eingeschleppte Aga-Kröte: Welche invasiven Arten gibt es in der Schweiz?

Yves Gonseth: Das beste Beispiel sind wohl die Flusskrebse. Aus Amerika wurden fremde Arten eingeführt, die Viruskrankheiten mitbrachten, für die die Schweizer Arten keine Antikörper haben. In den letzten Jahren sind viele Schweizer Tiere an der eingeschleppten Krebspest gestorben. Ein anderes Beispiel ist die Bisamratte. Sie frisst die Schweizer Bachmuscheln, die sowieso schon nur in kleiner Population vorhanden sind.

Christof Angst: Diese invasiven Arten haben meist keine natürlichen Feinde in der Schweiz. So können sie sich ungehindert ausbreiten.

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Über invasive Arten

Eine Tier- oder Pflanzenart aus einer fremden Region, die den neuen klimatischen Bedingungen wiedersteht, kann sich zu einer invasiven Art entwickeln. Sie wird aber erst so genannt, wenn sie in eine ökologische Nische eintritt, in der sie mit heimischen Arten konkurrenziert oder ihnen schadet.

Warum schaffen wir es nicht, diese Ausbreitung zu verhindern?

Y.G: Das ist kompliziert. Als man das Problem mit den amerikanischen Krebsen entdeckte, waren sie in der Schweiz schon etabliert. Das macht es unglaublich schwierig, diese Tiere zu bekämpfen. Man hofft jetzt, dass sich die Schweizer Arten wenigstens in Gewässern halten können, die für die ausländischen Krebse nicht so geeignet sind – zum Beispiel weil sie zu kalt sind.

C.A: Wir können ja nicht alle Gewässer vergiften, nur um den amerikanischen Flusskrebs loszuwerden.

Die natürliche Verbreitung von Tieren ist normal – wann wird sie zum Problem?

Y.G: Das stimmt. Natürliche Veränderungen sind keinesfalls ein Problem, die muss man akzeptieren. Anders als in abgeschotteten Gebieten wie Australien oder Neuseeland stand die Schweiz immer schon mit anderen Ökosystemen im Kontakt. Sie hat seit der letzten Eiszeit eine enorme Anzahl von neuen Arten aufgenommen. Wir liegen im sogenannten «paläarktischen Raum», der sich von China bis nach Spanien erstreckt. Das heisst, dass die Spezies in diesem Raum seit Jahrhunderten gewandert sind.

Porträtfoto von Yves Gonseth Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Yves Gonseth ist Leiter des Schweizer Zentrums für die Kartografie der Fauna (SZKF). SZKF

C.A: Das Problem ist vor allem in den letzten Jahrzehnten entstanden. Durch den internationalen Handel kommen die Arten von immer weiter weg, aus dem Orient oder Amerika. Diese Spezies können nicht in das System aufgenommen werden und verursachen Probleme.

Gibt es keine Kontrollen der eingeführten Waren, zum Beispiel an den Flughäfen?

Y.G: Täglich kommen tausende Güter aus der ganzen Welt an den Flughäfen an. Es gibt eine Strategie, gewisse Produkte eine Zeit lang zurück zu behalten und in einer Quarantäne einzulagern. Diese Kontrollen sind aber noch nicht ausreichend.

Was müsste getan werden?

Y.G: Man muss auf jeden Fall dort beginnen, wo die Waren exportiert werden. Nicht erst in dem Land, das importiert. Wenn man das Problem des Bockkäfers nimmt, der aus China in die Schweiz gekommen ist: Der Export des Käfers müsste schon in China verhindert werden und nicht erst in der Schweiz, wo er schon zum Problem wird. Das ist eine grosse Herausforderung für das internationale Recht. Es muss klar gemacht werden, dass jeder Ort dafür verantwortlich ist, seine Arten nicht zu expotieren.

C.A: Man darf nicht vergessen, dass auch die Schweiz Arten ins Ausland exportiert. Es ist nicht Europa, das sich gegen die Welt wehrt – in allen Regionen der Welt hat man diese Probleme.

Hat man überhaupt noch eine Chance, eine fremde Tierart effektiv zu bekämpfen, wenn sich einmal eine Population gebildet hat?

Karte der Verbreitung der Schweizer Bachmuschel Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Sichtbares Verschwinden der Bachmuschel: Die orangen Punkte zeigen die Verbreitung vor dem Jahr 2000, die dunkelroten Punkte die Verbreitung danach. CSCF

Y.G: Das wird immer schwieriger, je weiter sich die Art ausgebreitet hat. Darum ist die grosse Frage: Soll man gegen diese Arten kämpfen oder nicht? Ich bin Forscher – ich weiss, dass der Kampf gegen die invasiven Wirbeltierarten fast unmöglich ist. Darum stehe ich der Logik des Bekämpfens sehr skeptisch gegenüber. Auf der anderen Seite können einige Arten grosse Probleme mit sich bringen, zum Beispiel für die menschliche Gesundheit. Dagegen muss man natürlich etwas tun. Wenn man es nicht sofort zu Beginn schafft, eine invasive Art auszurotten, hat man den Kampf verloren. Darum bestehe ich auch so sehr darauf, dass Massnahmen im internationalen Handel ergriffen werden müssen und nicht erst, wenn das Problem im Land angekommen ist.

Nutria werden, wenn sie in der Schweiz auftauchen, sofort gejagt. Trotzdem ist man sich nicht sicher, ob ihre Verbreitung dadurch aufgehalten wird. Gibt es eine Alternative zum Kampf gegen invasive Arten?

Y.G: Ich habe mal mit einem französischen Wissenschaftler drüber diskutiert. Seine Meinung war, dass man das Ökosystem reagieren lassen muss, dann würde es sich selbst verteidigen. Und es stimmt: In stabilen, unberührten Ökosystemen ist das Problem der invasiven Arten beachtlich kleiner.

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Über das SZKF

Das Schweizer Zentrum für die Kartografie der Fauna (SZKF) sammelt, verwaltet und verbreitet Informationen zur Artenvielfalt der Schweizer Fauna. Das Zentrum arbeitet eng mit dem Bund, den Kantonen, Naturhistorischen Museen und Universitäten der Schweiz zusammen.

Der Mensch ist also das Problem?

Y.G: Ja, zum Teil schon. Zuerst haben wir die Lebensräume der Tiere zerstört – die Verstädterung und die Landwirtschaft setzen den Tieren stark zu. Und dann kam das Problem der invasiven Arten. Die Tiere haben heute keine Zeit und keinen Raum mehr, wo sie sich erholen können, wenn eine invasive Art sie bedroht. Die Bisamratte konnte meines Erachtens nur zu einem so grossen Problem für die Bachmuschel werden, weil deren Anzahl schon so stark zurück gegangen war – durch Wasserverschmutzung und andere menschengemachte Faktoren.

C.A: Man muss aufpassen, dass die invasiven Arten nicht zum Sündenbock werden. Die Schweiz unternimmt zum Beispiel mit einem riesigen Revitalisierungprogramm einen Versuch, die Lebensräume wieder auszuweiten. Die Naturschutzstellen setzen alles daran, möglichst viele Arten zu retten.

Wäre es denn so ein grosses Problem, wenn zum Beispiel die Bachmuschel aussterben würde?

Christof Angst vor einem von einem Biber stark angefressenen Baum. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Christof Angst ist Leiter der Biberfachstelle des Bundes und arbeitet des am SZKF. SZKF

C.A: Das Verschwinden einiger, seltener Arten ist nicht das Hauptproblem. Der Verlust der Bachmuschel ist auf den ersten Blick nicht so schlimm. Aber ihr Verschwinden muss für uns ein Signal sein: Hoppla, da stimmt irgendetwas nicht. Wenn die Bachmuschel verschwindet, ist das ein Zeichen, dass die Qualität des Gewässers schlechter ist – und so geht es dann schlussendlich um den ganzen Lebensraum Gewässer. Das betrifft dann wiederum die Fische und somit den Menschen. Es ist eine Kettenreaktion.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Serie «Tierische Einwanderer»: das Grauhörnchen

    Aus Einstein vom 26.2.2015

    Grossbritannien steht auf Kriegsfuss mit dem grauen Eichhörnchen. Es wurde in der viktorianischen Zeit aus den USA ins Land eingeschleppt und dezimiert seither den Bestand des einheimischen, roten Eichhörnchens. Zum Auftakt unserer neuen Serie geht unser England-Korrespondent Urs Gredig den Spuren dieses Verdrängungskampfes nach und zeigt, warum das Grauhörnchen den Briten mehr als nur ein graues Haar beschert.