Die Erfindung des Big Bang

Nur wenige wissenschaftliche Konzepte haben einen so eingängigen Namen wie der Big Bang, der Urknall. Der englische Begriff hat sich weltweit durchgesetzt, obwohl viele Kosmologen ihn für einen Fehlgriff halten. Ein dänischer Historiker hat untersucht, wie es dazu kam.

Bild der Temperaturschwankungen in der kosmischen Hintergrundstrahlung. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Temperaturschwankungen in der kosmischen Hintergrundstrahlung: Sie ist das Nachglühen des heissen Big Bangs und gilt als dessen Beleg. Der Mittelstreifen ist die Milchstrasse. Nasa

Vor rund 13,7 Milliarden Jahren gab es nichts als eine extrem heisse und dichte Ursuppe. Dann, plötzlich, begann diese Suppe sich auszudehnen, weiter, immer weiter. So stellen sich Kosmologen heute die Geburt des Weltalls vor, den Anfang von Raum, Zeit und Materie. Sie nennen den Vorgang Big Bang. Der englische Name für den Urknall ist so eingängig, dass sogar die Franzosen ihn benutzen, die sonst, wann immer möglich, auf französische Bezeichnungen zurückgreifen.

Glühender Atheist und Urknall-Gegner

In einem Artikel, der vor kurzem auf der Online-Plattform Arxiv publiziert wurde, hat der dänische Wissenschaftshistoriker Helge Kragh von der Universität Aarhus sich die Geschichte der Wortschöpfung «Big Bang» genauer angeschaut. Demnach war der Begriff unter britischen Atmosphärenphysikern schon seit den 1920er-Jahren geläufig, als Beschreibung einer starken Explosion. Erst um 1950 aber übertrug ihn der britische Astronom Fred Hoyle in die Kosmologie.

Hoyle wandte sich damals in mehreren Radiovorträgen auf dem Sender BBC ans breite Publikum. Er war ein Gegner der Urknall-Theorie und ein glühender Atheist. Die Vorstellung, dass das Universum nicht immer schon dagewesen sein soll, war ihm suspekt. In der Urknall-Theorie ist die Ursache des Big Bang nämlich nicht bekannt. «Explizit oder wenigstens implizit muss man deshalb einen transzendenten Schöpfer einführen, einen Gott», so Kragh. Das war Hoyle zuwider. Seine Alternative war das Gleichgewichtsmodell, bei dem immer und überall im Raum neue Materie entsteht. So expandiert das Universum auch ohne Urknall.

Namensgeber wider Willen

In seinen Radioansprachen prägte Hoyle den Begriff Big Bang und gab damit einer Theorie den Namen, die er aus tiefstem Herzen ablehnte. Viele Experten schlossen bisher daraus, dass Hoyle sich mit dem Begriff über seine Konkurrenten lustig machen wollte, dass er ihn also abwertend benutzte. Der Wissenschaftshistoriker Kragh widerspricht dem. Es gebe keine Belege für diese Geschichte. In einem späteren Interview habe Hoyle vielmehr erklärt, den Namen Big Bang nur gewählt zu haben, um seinen Radiohörern das Konzept des Urknalls zu verdeutlichen.

Obwohl der Name Big Bang sehr anschaulich ist, beliebt war er anfangs nicht. Bis 1965 sei der Begriff kaum benutzt worden, schreibt Kragh. Das änderte sich erst, als die kosmische Hintergrundstrahlung entdeckt wurde – eine Art Überbleibsel des Big Bang. Diese Strahlung wird vom Urknall-Modell vorhergesagt. Mit ihrer Entdeckung setzte sich die Big-Bang-Theorie gegen das Gleichgewichtsmodell durch.

«Eine schreckliche Analogie»

Von da an war der Big Bang in aller Munde, obwohl viele Kosmologen den Namen nicht mögen. Er wecke falsche Assoziationen, so die Kritik. «Man denkt an eine Explosion, bei der sich Materie in schon existierenden Raum hineinbewegt. Das ist eine schreckliche Analogie für den Beginn von Raum und Zeit», sagt der Kosmologe Ben Moore von der Universität Zürich. Denn damals gab es eben noch keine Umgebung, in die hinein etwas hätte explodieren können.

Der Unmut in der Forschergemeinde war so gross, dass das Magazin Sky & Telecope im Jahr 1993 einen Wettbewerb für einen neuen Namen ausschrieb. Unter den mehr als 13'000 Einsendungen waren Vorschläge wie Materie-Morphose oder Let there be stuff, zu deutsch etwa: Es werde Zeugs. Keiner der Vorschläge gefiel der Jury besser als Big Bang. Und so ist es bis heute dabei geblieben.