Geburt bei 500 Grad Celsius

Valser Quarzit wird seit Jahrhunderten abgebaut und inspiriert bis heute Designer und Architekten. Derzeit wird der Zürcher Sechseläutenplatz mit dem Stein belegt. Entstanden ist der Valser Quarz über Millionen von Jahren. Geologen wie unser Autor Philipp Rück lesen in ihm die Geschichte der Erde.

Ein gesprengter Stein im Steinbruch in Vals. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Das Rohmaterial: ein gesprengter Fels im Steinbruch in Vals. SRF

Die Sonne treibt ein gewaltiges Wetter an. Ein rauschender Ozean umspült einen einzigen grossen Kontinent, sintflutartiger Regen, tosende Flüsse graben sich in nackten Stein, Gerölle poltern in den Flussläufen, Sand und Kies bedecken weite Ebenen. Wenn die Naturgewalten ruhen, herrscht bleierne Stille unter einem orangen Himmel. Die Atmosphäre enthält noch keinen Sauerstoff. Vulkane grollen in der Ferne. Das Leben ist schon lange da, aber erst dort, wo es nass bleibt; im Meer vor allem und im Allgemeinen noch mikroskopisch klein.

Arbeite verlegen Valser Quarzit am Sechseläutenplatz in Zürich. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Was in Bern schon ist, soll nun auch in Zürich werden: Arbeiter verlegen den Valser Stein am Sechseläutenplatz. Keystone

So etwa könnte das Drehbuch über die Entstehung des Valser Steins beginnen. Zeitpunkt der Handlung ist vor 1000 Millionen Jahren. Damals entstand der Valser Stein, allerdings noch nicht, wie wir ihn heute kennen. Denn erst einmal wurden die Elemente zusammengemischt, die den Stein so besonders machen.

Schweizer Stein für Schweizer Plätze

Der heute abgebaute Valser Stein besteht aus einer ganzen Gruppe von Gesteinen. Die Hauptmasse kann als Augengneis bezeichnet werden. Daneben treten Quarzite, Grün- und Glimmerschiefer sowie Eklogite auf. Heute ziert er bereits den Berner Bundesplatz und wird nun auch auf 11‘000 Quadratmetern auf dem Zürcher Sechseläutenplatz verlegt.  

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Ein Gneis besteht wie Granit aus Feldspat, Quarz und Glimmer, hat aber eine Schichtenstruktur.

  • Augengneis: Weisse Feldspatkristallen heben sich augenartig vom grau-grünen Gestein ab.
  • Paragneis: Gneisartiges Gestein, entstanden aus Sandstein durch Metamorphose
  • Orthogneis: Gneisartiges Gestein, entstanden aus Granit durch Metamorphose

Vor etwa 300 Millionen Jahren waren die künftigen Valser Steine noch Teil des Südrandes der künftigen europäischen Kontinentalplatte. Damals wurden sie durch eine erste Gebirgsbildung verfaltet und umgewandelt: Die Sandsteine verwandelten sich in Quarzite und Paragneise, der Granit wurde zu Orthogneis. Die Basalte wurden zu Grüngesteinen. Granat, ein Halbedelstein, tauchte auf.

Die Zeit der Dinosaurier verschlafen

Dann folgte für die zukünftigen Valser Steine eine eher ruhige Zeit als Grundgebirge, auf dem sich vor 230 bis 70 Millionen Jahren eine Sedimentserie aufbaute. Heute sind diese kalkig-tonig bis sandigen, grauen Sedimente als Bündner Schiefer bekannt; man kann sie in der Via Mala, aber auch entlang der Strasse nach Vals gut beobachten.

Wie das Drehbuch zum Valser Stein an dieser Stelle weitergehen würde, lässt sich nur schwer sagen, denn das Material lag tief unter der Oberfläche und veränderte sich kaum. Wie es hingegen zu dieser Zeit über Wasser und an Land aussieht, wurde oft beschrieben: Es ist die Zeit der Dinosaurier. Der Valser Stein hat diese Zeit sozusagen verschlafen. Das Stück Erdkruste, in dem der künftige Valser Quarzit steckte, sollte erst gegen Ende der Alpenfaltung vor etwa 25 Millionen Jahren wieder an die Erdoberfläche treten.

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  • Quarzite: Durch Druck und Temperatur (Metamorphose) aus einem Quarzsandstein hervorgegangen, dadurch härter und kompakter
  • Grün- und Glimmerschiefer: Aus verschiedenen Ausgansgesteinen durch Metamorphose entstanden
  • Eklogit: enstanden aus einem basaltartigen Gestein durch Hochdruck-Metamorphose 

Betrachtet man die Alpen heute, dann kann man nur erahnen, welche gigantischen Kräfte bei der Kollision der Kontinentalplatten gewirkt haben müssen, bei der das Gebirge gefaltet wurde. Man stelle sich einen Bulldozer vor, der im Stande ist, den Säntis zu verschieben. Was vor der Kollision nebeneinander lag, befand sich schliesslich übereinander, oft mehrfach verfaltet. Durch das Abtauchen der europäischen Platte unter die adriatische Platte wurden die Sedimentbedeckungen fast durchgehend von ihren meist granitischen Sockeln abgeschält und lagerten sich deckenartig aufeinander.

Der Valser Stein ist fertig gebacken

Eine dieser Decken, die Adula-Decke, enthielt die künftigen Valser Steine. Sie geriet im weiteren Verlauf der Kollision in grosse Tiefen und damit unter sehr hohen Druck. Die Augengneise wurden weiter ausgewalkt und erhielten dadurch ihre einzigartige lineare Textur. Die Gesteine wandelten sich zu Eklogiten, das heisst zu granatführenden Gesteinen mit grünlich-bläulicher Grundmasse. Mit dieser alpinen Umwandlung, bei der ein Druck von bis zu 14 Kilobar und eine Temperatur von gut 500 Grad Celsius erreicht wurden, war der Valser Stein nun endlich «fertig gebacken» und kam zur Welt, als die Adula-Decke dann relativ rasch an die Oberfläche gehoben wurde.

Ein mit Valser Quarzit belegtes Dach in Vals. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Seit Jahrhunderten abgebaut: Anfänglich wurde Valser Quarzit als Bodenbelag und Material für Dächer verwendet – heute ist das Bauvorschrift in Vals. SRF

Das Gestein, das sich aus diesem Vorgang ergeben hat, der Granatstein, kann man in Vals heute in den Bächen als Bachkiesel finden, erkennbar am hohen spezifischen Gewicht, der grünblauen Grundfarbe und den roten Granatkörnern. Der Augengneis wiederum zieht von Vals hinauf zum Zervreilasee, wo er auf grossen, in der Eiszeit vom Gletscher glatt geschliffenen Flächen zu sehen ist.

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