«Kometen sind unberechenbar wie Katzen»

Ison macht es spannend: Dieser neue Komet wird bald haarscharf an der Sonne vorbeifliegen. Vielleicht wird das sein Ende sein, vielleicht wird er danach aber auch zu einem spektakulären Weihnachtsstern. Was macht Kometen so unberechenbar? Ein Augenschein in der abgelegenen Sternwarte von Falera.

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Komet Ison macht es spannend

Falera ist ein abgelegenes 500-Seelendorf in der Nähe von Laax. Hier ist es nachts noch dunkel. In der Sternwarte über dem Dorf trübt praktisch kein Fremdlicht den Blick in den funkelnden Nachthimmel. Umso klarer leuchten in den High-Tech-Teleskopen von Falera die Sterne – und seit einiger Zeit Ison, der neue Komet an unserem Nachthimmel, der letztes Jahr aus den Tiefen des Alls aufgetaucht ist und nun in wenigen Tagen die Sonne umrunden wird.

Zurzeit ist Ison der Sonne schon sehr nahe und daher schwierig zu beobachten. Sehr schön zu sehen war dieser Hoffnungsträger unter den Kometen hingegen beim Besuch der Wissenschaftsredaktion von Schweizer Radio SRF in Falera kurz vor dem letzten Vollmond, also vor einer guten Woche. Im riesigen computergesteuerten Hauptteleskop der dortigen Sternwarte sah man Ison frühmorgens als leuchtenden hellen Punkt mit einer dunstigen Hülle ringsum, der sogenannten Koma, und einem noch etwas kurzen Schweif.

«Heller als der Vollmond»

Isons Schweif und Hülle wachsen aber täglich. Je näher der Komet der Sonne kommt, desto stärker erwärmt sich sein Kern, ein Gemisch aus gefrorenem Wasser und Gas, Gestein und Staub. Aus dem «schmutzigen Schneeball», wie Kometen oft genannt werden, strömt daher immer mehr Gas und Staub ab und wird vom Sonnenwind und anderen Einflüssen in den Schweif geblasen.

Sternwartenleiter José de Queiroz am High-Tech-Teleskop. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Den Blick gen Himmel: Sternwartenleiter José de Queiroz am High-Tech-Teleskop. Sternwarte Mirasteilas

«Noch ist Isons Kern intakt, man sieht im Teleskop nur ein einziges Stück, die Chance stehen gut, dass dieser Komet in den ersten zwei Dezemberwochen zu einem wunderschönen Weihnachtsstern wird, heller als der Vollmond und viele Monddurchmesser lang», freute sich bei unserem Besuch in Falera Mitte Monat Sternwartenleiter José de Queiroz.

Doch ist diese Vorfreude bereits getrübt. Astronomen, unter anderem vom deutschen Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung, haben in der Kometen-Koma nämlich zwei flügelartige Strukturen entdeckt – für sie ein möglicher Hinweis darauf, dass der Komet bereits in mehrere Stücke zerbrochen sein könnte. Womöglich sei der Kern sogar schon komplett auseinander gebrochen, da der molekulare Ausstoss des Kometen jüngst dramatisch abgenommen habe, schreiben ganz neu auch Astronomen der Ison-Beobachtungskampagne der Nasa. Allerdings stellen sie zugleich fest, dass man Ison noch genauer beobachten müsse, um wirklich sicher zu sein. Einmal mehr bestätigt sich also der der Ruf der Kometen: «Kometen sind wie Katzen, völlig unberechenbar», drückte es José de Queiroz aus.

Die Stunde der Wahrheit schlägt bald

Was aus Ison wird, ist nach wie vor offen. Spätestens gegen Ende Woche aber sollte klar werden, ob er zerbröckelt, in die Sonne stürzt und verglüht oder eben in neuer Pracht aufblüht. Am 28. November nämlich wird Ison den sonnennächsten Punkt erreichen. Der Komet mit nur rund zwei Kilometern Durchmesser wird dann der Sonne rund 50 Mal näher sein als der sonnennächste Planet Merkur. Isons Oberfläche dürfte dabei 2000 Grad heiss werden, und enorme Gezeitenkräfte werden an ihm zerren.

Der Komet Ison am sternenbedeckten Firmament. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: So präsentierte sich Ison im April 2013: Der Komet nähert sich der Sonne vor einer Kulisse scheinbar unendlicher Galaxien, im Vordergrund eine Handvoll Sterne. Reuters

Ob er diese Prozedur durchhält? Niemand weiss es wirklich. Nur eines ist gewiss: Kometen sind faszinierende Himmelskörper. Sie kommen vom eisigen, äusseren Rand des Sonnensystems. Dort sind sie unauffällige Eis-Staubklumpen. Doch weil sie so klein sind, werden sie leicht von anderen Himmelskörpern abgelenkt und geraten so auf oft unsicherer Bahn ins wärmere Innere unseres Sonnensystems. Erst hier erhalten sie ihre leuchtende Hülle und den Schweif. Und hier sind vor Jahrmilliarden auch so manche Kometen mit der Erde kollidiert, vermutlich haben sie das Wasser auf den blauen Planeten gebracht. Gefährliche Kometeneinschläge sind auch heute nicht auszuschliessen, aber wenig wahrscheinlich. Statt Angst und Schrecken verbreiten Kometen heute Entzücken – wenn sie denn tatsächlich aufleuchten am Nachthimmel.

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