Bloss nicht schwitzen!

Die Schweiz ist klimatisch begünstigt: Es wird selten extrem heiss. Trotzdem sind Klimaanlagen auch hierzulande weit verbreitet. Wir haben uns daran gewöhnt, dass Autos, Trams und Büros angenehm kühl sind. Selbst Wohnhäuser werden öfter klimatisiert als früher.

Ein Mann steht vor einem Brunnen in der Sonne. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Auf der Suche nach Abkühlung: Wasser ist in der Schweiz noch immer das Kühlmittel Nummer 1. Doch die Klimaanlage holt auf. Keystone

Der diesjährige Sommer schlägt bis jetzt noch keine Hitzerekorde. Es hat viel Regen gegeben und wenig Sonne. Da denkt manch einer vielleicht wehmütig zurück an den Hitzesommer 2003. Damals stiegen die Temperaturen tagelang auf über 30 Grad. Das war zuerst ganz schön; man schwelgte im mediterranen Lebensgefühl. Doch dann wurde die Hitze den Schweizerinnen und Schweizern zu viel. Wer konnte, kühlte sich in See und Fluss ab. Wer nicht, der suchte sich einen Ventilator – oder gleich eine Klimaanlage.

Rasche Erleichterung

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Geburtsstunde der Klimaanlage

Der Ingenieur Willis Carrier aus den USA gilt als Vater der modernen Klimaanlage. 1906 bekam er das erste Patent zugesprochen für eine «Luft-Behandlungsmaschine». Carrier klimatisierte als erstes Fabriken, dann auch Kinos und Warenhäuser. Er träumte von einer voll-klimatisierten Welt, wie man sie heute in Dubai oder Singapur antreffen kann.

Die kleinen, mobilen Klimageräte, die es im Elektromarkt zu kaufen gibt, waren damals vielerorts innert Kürze ausverkauft. Doch auch in normalen Sommern sieht man die Geräte seither immer öfter. Sie sind beliebt in Wohnungen und Häusern: Man braucht sie nur an der Steckdose einzustecken, und schon strömt kühle Luft ins Zimmer. Ausserdem ist der Strom hierzulande nicht teuer.

«Die Verkaufszahlen dieser mobilen Geräte sind in den letzten Jahren gestiegen», sagt der Klimaanlagen-Experte Vladimir Prochaska. Er hat 40 Jahre lang in der Schweiz Klimaanlagen geplant und verkauft, unter dem Dach der Firma Sulzer. Dabei hat er beobachtet, wie sich die Einstellung der Schweizerinnen und Schweizer zu Klimaanlagen verändert hat.

Vom Warenhaus ins Büro

Nach dem 2. Weltkrieg seien zuerst vor allem Warenhäuser gekühlt worden, sagt Prochaska. Dort waren Klimaanlagen notwendig, weil Beleuchtung und Kunden die Räume aufheizten. Diese Wärme musste man abführen. So wurden die Konsumtempel auch zu Tempeln der Kühle.

In den 1960er-Jahren hielt die Klimaanlage dann auch in die Büros Einzug. Denn auch Computer, Kopierer, Drucker & Co. produzieren viel Wärme. «Grossraumbüros kann man nicht über Fenster lüften, da strömt nicht genug Luft in die Mitte des Raums», sagt Prochaska. Die Klimaanlagen wurden aber nicht von allen begeistert aufgenommen. Viele Angestellte störte es, dass sie die Fenster nun nicht mehr öffnen durften. Sie wollten selber über ihr Arbeitsklima bestimmen.

«Manchmal wollte der eine Büronachbar eine Temperatur von 25 Grad Celsius, der andere 18 Grad», erinnert sich Prochaska. «Dann haben wir auf der einen Seite gekühlt und zwei Meter daneben geheizt.» Das war natürlich nicht gerade effizient. Moderne Systeme sollten solch unangenehme Situationen vermeiden.

Steigende Ansprüche

Anscheinend klappt das ganz gut, denn Klimaanlagen haben sich in den Büros der Schweiz durchgesetzt. Sie werden von den meisten Angestellten akzeptiert. Und die Chefinnen und Chefs sind auch zufrieden, weil so im Hochsommer die Leistung nicht sinkt.

Auch im Auto sind Klimaanlagen mittlerweile Standard. Wenn das Gerät ausfällt, wird geflucht. Gleiches gilt für den öffentlichen Verkehr: Züge, Busse und Trams fahren fast nur noch mit Klimaanlage. Das werde von den Kunden so gewünscht, heisst es bei den Zürcher Verkehrsbetrieben.

Die Gesellschaft hat sich verändert: «Schwitzen in der Öffentlichkeit ist gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert», sagt Marlyne Sahakian von der Universität Lausanne – «im Fitnessstudio schon, aber eben nicht im Tram.» Die Sozialwissenschaftlerin erforscht, wie Klimaanlagen die Kultur verändern. Auch sie beobachtet, dass Klimaanlagen in der Schweiz populärer werden.

Stromsparen ist angesagt

In Zürich dürfen Trams und Busse seit 2002 mit Klimaanlagen ausgerüstet werden. Dies, obwohl die Fahrzeuge damit im Durchschnitt 8 bis 10 Prozent mehr Strom brauchen. Wir lassen uns den Komfort also etwas kosten. Rund 14 Prozent des gesamten inländischen Stromverbrauchs gehen aufs Konto der künstlichen Kühlung, schreibt das Bundesamt für Energie (BFE) auf seiner Website.

Der Bund sieht die Zunahme der Klimaanlagen mit Sorge. Effizienzstandards sollen die übelsten Stromfresser vom Markt verbannen. Ausserdem plädiert das BFE für sparsames Verhalten. Dem stimmt auch der Klima-Experte Vladimir Prochaska zu: «Man soll Klimaanlagen nur dann und dort verwenden, wo es wirklich nötig ist.» In einem Sommer wie diesem kann man die Klimaanlage also ruhig auch einmal abstellen.

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