Die hohe Kunst der Fuge: Breakdancer tanzen Bach

Breakdance und Barock, das passt nicht zusammen? Doch, zeigt die Tanz-Truppe «Flying Steps». Die vierfachen Breakdance-Weltmeister drehen sich zu 300 Jahre alter Musik von Johann Sebastian Bach auf dem Kopf, und springen in die Luft. Break­dan­cer und Bach – war das Liebe auf den ersten Schritt?

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Breakdance trifft Bach

1:05 min, vom 8.1.2014

Die Orgel füllt den grossen Saal des KKL in Luzern bis in die letzte Ecke mit vollem Klang. Die Zuschauer bekommen eine Gänsehaut, wenn Johann Sebastian Bachs mächtige «Toccata» erklingt, und die Luft vibriert.

Den Tänzern fährt das für sie ungewohnte Stück sofort in die Füsse, in die Arme, in die Beine. Sämtliche Muskeln sind in Bewegung. Ihre Begeisterung setzen die jungen Leute unmittelbar in die abenteuerlichsten und akrobatischsten Tanzformen um. Mit einer scheinbaren Leichtigkeit, die sie einem jahrelangen Training verdanken.

Tänzer aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen

Michael Rosemann war überrascht, dass ihm die Musik gut gefällt

0:36 min, vom 8.1.2014

Auf der Bühne probt die Truppe noch einmal den Durchlauf. Jetzt mit der Orgel, live gespielt. Eine Neuerung im Programm.

«Ich wusste, dass Bach zur klassischen Musik gehört, dass er verschiedene Stücke geschrieben hat, aber nicht einmal ein einziges habe ich wirklich gekannt», bekennt Michael Rosemann, oder «Mikel», wie er sich als Tänzer nennt. Er ist der Erfahrenste der «Flying Steps», die in Berlin beheimatet sind, obwohl die Tänzer aus den verschiedensten Ländern und Kulturen kommen.

Im Tanz Fugen visualisieren

Christoph Hagel, Operndirigent und Pianist, war es dann, der Bach und die Breakdancer zusammengebracht hat. Er war fasziniert vom Breakdance. Und die Truppe suchte nach neuen musikalischen Entfaltungsmöglichkeiten, vielleicht sogar aus dem Klassik-Bereich. «Ich habe mir überlegt, was zu diesem Stil passt, zur Schärfe und völligen Unsentimentalität dieses Tanzes, und ich bin auf Bach gekommen. Ich habe die Chance gesehen, mit Breakdance ganze Fugen und die Vielstimmigkeit der Fugen zu visualisieren, und habe ihnen das Wohltemperierte Klavier vorgeschlagen.»

Für die Break­dan­cer war das totales Neuland, das sie aber durchaus mit Interesse betraten. Aber vielleicht auch mit etwas Skepsis? Christoph Hagel winkt lachend ab. «Also, Skepsis war da keine, denn sie hatten keine Ahnung, worum es dabei überhaupt ging.» Hagel machte mit der Gruppe Workshops durch und führte sie in Bachs musikalische Welt ein. Er erklärte ihnen, was ein Präludium ist und was man unter einer Fuge versteht. Das hat ein paar Wochen gedauert. Aber die Tänzer waren wissbegierig und offen für Alte Musik, die für sie neu war.

Neuland für die Tänzer

Wolfgang Sieber: «Bach eignet sich für kurze Sprünge.»

0:27 min, vom 8.1.2014

Neuland ist die Produktion auch für den Organisten Wolfgang Sieber. Er spielt sonst die Orgel in der Luzerner Hofkirche. Fromme Stücke, klassische Stücke, kirchliche Stücke. Aber nicht nur. «Ich fühle mich sehr heimisch bei den Breakdancern», sagt er. «Mit der Orgel mache ich viele Experimente. Ob das mit einer Funk-Band ist, mit einem Jodelclub oder einer Guggenmusik, ich spiele gern mit fremden Leuten zusammen. Da lässt sich immer wieder Neues entdecken.»

Trotzdem: Auf Biegen und Brechen Bach und Breakdance zusammenführen, darf man das? «Für mich ist nichts gebogen oder gebrochen, denn ich bin kein tradierter Musiker. Ich bin einfach Musiker.» Bach sei sozusagen die Architektur und das Formale für die barocke Musik, das A und O der Orgelmusik. Breakdance dazu sei für ihn kein Problem: «Schlussendlich bringen wir es auf den Beat zusammen.»

Und so geht am Schluss tatsächlich alles auf. Der Rhythmus stimmt. Bach und die Breakdancer haben sich gefunden.

Liebe auf den ersten Schritt und Probleme

«Das war wirklich eine neue Erfahrung», meint Tänzer Michael Rosemann. «Als wir das geprobt haben, hat sich die Musik teilweise angefühlt, als ob sie gar nichts anderes wäre, als was wir gewohnt sind.» Dann gab es allerdings auch Stücke, mit denen die Tänzer Probleme hatten. «Wir haben uns aber ganz intensiv damit befasst und es hat super geklappt. Wir haben die tänzerische Übersetzung sehr gut geschafft.» Bei anderen Stücken war es sogar Liebe auf den ersten Schritt, und die Bewegungskombinationen sind den Tänzern nur so zugeflogen.

Inzwischen sind die «Flying Steps» unter dem Titel «Red Bull Flying Bach» weltweit unterwegs. Die Vorstellungen sind ausverkauft und das Publikum besteht aus Hip-Hop-Fans und Klassik-Freunden, die damit auch ein bisschen auf den Geschmack der jeweils anderen kommen. Auch in Luzern sind die Vorstellungen ausverkauft. Ein zweites Gastspiel im Laufe des Jahres ist bereits in Planung.