Skandal mit Moral Milo Rau, Pasolini und die Behinderten

Eine Zumutung? Milo Rau inszeniert am Zürcher Schauspielhaus mit behinderten Spielern des Theaters Hora Pier Paolo Pasolinis apokalyptische Gewalt-Fantasie «Die 120 Tage von Sodom».

Theaterszene: Eine behinderte Frau hängt am Kreuz. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Spielen auch ihre Auslöschung mit dem grössten Vergnügen: die behinderten Schauspieler des Theater Hora. Toni Suter / T+T Fotografie

Es riecht förmlich nach Skandal: Der Regisseur Milo Rau inszeniert mit einem professionellen Ensemble geistig Behinderter und Schauspielern vom Zürcher Schauspielhaus Pier Paolo Pasolinis Faschismus-Fantasie «Die 120 Tage von Sodom».

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Veranstaltungshinweis

Milo Raus neues Stück «Die 120 Tage von Sodom» ist am Schauspielhaus Zürich zu sehen.

In einem Staat im Staat werden Menschen als Sklaven gehalten, gequält und umgebracht. Wie kommt das mit Behinderten auf die Bühne? Kann man ihnen das zumuten, kann man es dem Publikum zumuten?

Hundeleine und Hochzeitspaar

Pier Paolo Pasolini überblendet in seinem letzten Film, «Salò oder Die 120 Tage von Sodom», die Unterwerfungs- und Gewaltphantasien De Sades mit der realen Anschauung der faschistischen Konzentrationslager und mit seiner Kritik am alles einebnenden, totalitären Massenkonsum. Der Film war 1975, im Jahr von Pasolinis Ermordung, ein Schock. Die Darstellung einer Apokalypse.

Theaterszene: Zwei Männer auf eienr Matratze, beide mit nacktem Oberkörper. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Milo Raus «Sodom» – auch das Plädoyer für die «heiteren Idioten». Toni Suter / T+T Fotografie

Milo Rau greift für seinen Abend im Schauspielhaus ikonische Filmszenen heraus, Bilder, die sich eingebrannt haben, wie die der jungen, schönen Gefangenen an der Hundeleine oder des Hochzeitspaars, das Kot essen muss.

«Ihr seid die Letzten!»

Wenn Rau nun solche Szenen von Behinderten spielen lässt, legt er damit den Finger auf eine aktuelle Vernichtungsgeschichte: die pränatale Diagnostik, mit der sich Behinderungen im Mutterleib feststellen lassen.

Neun von zehn Eltern sollen ihre behinderten Kinder bereits abtreiben. Menschen wie die Spieler des Theaters Hora gibt es vielleicht schon bald nicht mehr.

«Ihr seid die Letzten!», ruft Robert Hunger-Bühler den Horas zu. Denn sie sind ja da, auf der Bühne, und spielen ihre Auslöschung mit dem grössten Vergnügen, mit einer Lust am Theater, an den Special-Effects, an künstlichen ausgestochenen Augen und abgehackten Plastikfingern, die den Schrecken im Doppelsinn aufhebt.

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Die Bühne auf der Bühne

Authentisches und Fiktionales verschieben sich ineinander. Ohnehin ist immer klar, dass hier gespielt wird. Milo Rau baut auf mehreren Handlungsebenen Brüche ein, eine Bühne auf der Bühne, die aussieht wie das Zürcher Schauspielhaus, einen Film, der vor Ort entsteht, eine Missbrauchsgeschichte, die vielleicht biografisch ist. «Theater ist immer Missbrauch» – auch das wird explizit gemacht.

Es sind die pointierten Mehrdeutigkeiten, die an dieser Inszenierung faszinieren, die in sich widersprüchlichen Situationen, die sie zu schaffen weiss. Im Plädoyer für die «heiteren Idioten» findet sie ihre direkte Botschaft, und da schrickt Milo Rau auch vor Pathos nicht zurück. Wenn es ein Skandalon gibt an diesem Abend, eine Zumutung im produktiven Sinn, dann ist es sein Moralismus.

Kraft und Kontrolle

Aber als wäre er vor sich selbst erschrocken, besänftigt Milo Rau das Pathos sogleich wieder mit erzählerischer Glätte und distanzierender Kontrolle – und nimmt dem Abend damit viel von seiner Kraft.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur kompakt, 13.2.2017