Ausgerechnet eine japanische Fernsehserie machte in den 1970er-Jahren die Schweizer Kindergeschichte «Heidi» von Johanna Spyri auch hierzulande populär. Ihrem Erfinder, Isao Takahata, ist aktuell im Lausanner Museum mudac eine Ausstellung gewidmet. Sie legt ein besonderes Augenmerk auf seine Verbindung zum Westen und zur Schweiz.
Wer die Treppe in die Ausstellung hochkommt, wird vom Meister persönlich empfangen: Ein überlebensgrosses Foto mit einem lächelnden Isao Takahata steht am Eingang zur Ausstellung.
Es folgen riesige, farbige Landschaften aus seinen Filmen, die die Wände zieren, Filmausschnitte, die an die Wand projiziert sind, originale Skizzen, Drehbücher, Storyboards und handbemalte Zelluloidfolien, die in Vitrinen liegen.
Meister der Animationskunst
Beim Rundgang wird sichtbar, was die Ausstellungsbroschüre verspricht: Isao Takahata erneuerte die Sprache des Zeichentrickfilms grundlegend – und erhob sie zu einer eigenständigen Kunstform.
Schon in den 1960ern begann Takahata mit Animationsserien, schuf später mit dem Studio Ghibli grosse Kinofilme wie «Die letzten Glühwürmchen» (1988) oder seinen wunderbaren letzten Film «Die Legende der Prinzessin Kaguya» (2013).
Inspiration aus französischen Romanen und italienischen Filmen
Neben einem Überblick über das Gesamtwerk Takahatas beleuchtet ein separater Ausstellungsteil seine Beziehung zur westlichen Literatur und Kunst. Takahata hatte sich in seinem Studium mit französischer Literatur beschäftigt und liebte das westliche, vor allem das italienische Kino des «Neorealismo». Es inspirierte ihn zu ganz neuen Erzählformen im japanischen Animationsfilm. Takahata selbst sprach von der «Erfindung der animierten Wirklichkeit».
Mit «Heidi» kam die Schweiz in japanische Wohnstuben
Marco Costantini, der Direktor des mudac, hat die Ausstellung über Isao Takahata initiiert. «Mich hat interessiert, wie ein Japaner ausgerechnet auf eine Schweizer Geschichte kommt und wie der Blick des japanischen Animationsfilms auf die Schweiz aussieht.»
«Heidi» brachte 1974 den Japanerinnen und Japanern die Schweiz in die Wohnstuben. Es war die Zeit des grossen Wirtschaftsaufschwungs in Japan und die Bevölkerung des Inselstaates konnte sich plötzlich Fernreisen leisten. Takahatas Serie habe massgeblich dazu beigetragen, dass die Schweiz in den Fokus der Japanerinnen und Japaner geriet und die Lust weckte, in dieses «Heidiland» zu reisen.
Aus wenigen Strichen werden bewegte Figuren
Takahata unternahm viele Recherchereisen – Fotos in der Ausstellung zeigen ihn zum Beispiel im Bündnerland. Mit auf den Fotos: Hayao Miyazaki, mit dem Takahata später, 1985, das Studio Ghibli gründete.
Für «Heidi» hatte Takahata den noch jungen, unbekannten Zeichner engagiert. Denn – so erfährt man in der Ausstellung – Isao Takahata zeichnete nicht selbst, er schrieb die Filme, und engagierte jeweils talentierte Zeichner, die seine visuellen Ideen umsetzten.
Skizzen von Hayao Miyazaki und anderen Künstlern sind die eigentlichen Kunstwerke dieser Ausstellung: Mit wenigen Strichen entstehen Figuren, deren Bewegungen schon auf den Skizzen zu sehen sind.
Isao Takahatas besondere Beziehung zur Schweiz, die mit «Heidi» anfing, gipfelte 2009 in der Verleihung des Goldenen Leoparden am Filmfestival für sein Lebenswerk – und dieser Leopard steht nun auch in Lausanne in einer Vitrine, am Ende der Ausstellung.