Walt Disneys 50.Todestag Die dunkle Seite von Mr. Mickey Mouse

Zeitlebens inszenierte sich Walt Disney als Saubermann. Über seine dunklen Seiten schweigt sich der Disney-Konzern bis heute aus. Ein kritischer Blick auf den Unterhaltungspionier kurz vor seinem 50. Todestag.

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Bildlegende: Disneys Kontrollsucht und Pedanterie wird selten bestritten. Darüber, ob er Rassist war, ist man sich nicht einig. Library of Congress Prints and Photographs Division

  • Am 15. Dezember 2016 ist der 50. Todestag des Filmpioniers Walt Disney.
  • Walt Disney inszenierte sich gerne als erfolgreicher Saubermann – viele, die mit ihm zu tun hatten, werfen ihm aber Kontrollsucht und Ressentiments vor.
  • Weil Disneyfiguren wie Mickey Mouse sich rund um den Globus verbreiteten, eckte ihr Schöpfer auch bei bei Kritikern des Kulturimperialismus an.
  • Eine vieldiskutierte Frage ist auch: Inwiefern sympathisierte Walt Disney mit dem antisemitischen und neokolonialen Gedankengut von Nazideutschland?

König von Amerika?

Im 2001 erschienenen Roman «Der König von Amerika» sitzt ein Zeichner von Walt Disney im Gefängnis. Dort schreibt er über seinen kürzlich verstorbenen Ex-Boss und schildert dabei insbesondere die «dunklen» Seiten des genialen Geschäftsmannes.

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5:51 min, aus Wissenschaftsmagazin vom 10.12.2016

Ein knausriger Arbeitgeber und Ideenklauer sei er gewesen, rabiater Antikommunist und glühender Befürworter des Krieges in Vietnam, schimpft er.

Der österreichisch-amerikanische Autor Stephan Jungk nähert sich dem Phänomen Walt Disney, indem er aufwändig recherchiert Biografisches mit Zugeschriebenem, Gerüchten, Legenden und idealisierten Selbstbildern vermengt.

«Enthüllungen» legt er dabei konsequent in den Mund der fiktiven Figur des Zeichners und tarnt die Biografie so als Roman. Dabei ist ein reizvolles Spiel zwischen Fakt und Fiktion entstanden, das es dem Leser überlässt, dem «König von Amerika» auf die Schliche zu kommen.

Meryl Streep vs. Walt Disney

P. L. Travers (1899–1996), jene australische Autorin, die es wagte, sich gegen die Disneyfizierung ihres Kinderbuches «Mary Poppins» zu wehren, hatte gleichfalls wenig übrig für Onkel Walt.

Doch im Film «Saving Mr. Banks», der diese Konfrontation zum Thema hat, wandelt sich das Verhältnis von Abneigung in Respekt, so dass zum Schluss tränenreich Versöhnung zelebriert werden kann.

Daran stiess sich Oscarpreisträgerin Meryl Streep. Im Januar 2014, während einer Laudatio auf Emma Thompson, Darstellerin von P. L. Travers, nannte sie Disney einen von «rassistischen, antisemitischen und frauenfeindlichen Neigungen» getriebenen Mann.

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«Lass Dich verzaubern»

Saving Mr. Banks

Saving Mr. Banks SRF/Disney Media Distribution

Zum 50. Todestag von Walt Disney zeigt SRF zwei am Donnerstag 15.12. folgende Filmklassiker:

Kontrollsüchtig und pedantisch

Disneys Kontrollsucht und Pedanterie wird selten bestritten. Ob er Rassist war, Antisemit oder Frauenfeind, darüber gehen die Meinungen auseinander. Das erstaunt nicht, inszenierte sich Disney doch zeitlebens (1901–1966) als ein den Niederungen des Alltags enthobener Saubermann.

Sorgfältig nährten er und sein Konzern die Legende vom genialen, aber letztlich unpolitischen Unterhaltungspionier, dessen Karriere allein die Frucht von visionärem Fortschrittsoptimismus und einem unbeugsamem Glauben an sich gewesen sei.

Kulturimperialist Mickey Mouse

Verhindern konnte Disney dennoch nicht, dass an seinem Märchenonkel-Image gekratzt wurde. So rechneten in den USA immer mal wieder Ex-Mitarbeiter mit einem als tyrannisch und knauserig empfundenen Disney ab (nachzulesen u.a. in Marc Eliots unautorisierter Biografie «Walt Disney: Hollywood’s Dark Prince»).

Auf der anderen Seite sahen Kritiker der Massenkultur sowie Vordenker der antikolonialen Befreiungsbewegung Walt Disney als Agenten jener US-imperialistischen Kulturindustrie, die mit zuckersüssen Trickfilmfiguren, einem Imperium aus TV-Shows, Vergnügungsparks und Comic-Heftchen die Menschen in willenlose Konsumzombies zu verwandeln trachtete.

Walt Disney in Genf, Filmwochenschau vom 22.8.1952

0:19 min, vom 11.4.2014

Nazi, Antisemit und Rassist?

Zu Disneys behauptetem totalitären Charakter passen denn auch die Gerüchte um angebliche Sympathien für die Nazis. So soll – was nicht bewiesen ist – Walt Disney in den 1930er-Jahren an US-Nazi-Treffen teilgenommen haben. Tatsächlich stattgefunden hat das Treffen mit Hitlers Lieblingsfilmerin Leni Riefenstahl nach 1938, als sie von Hollywood bereits boykottiert wurde.

Und war da nicht der 1933er-Trickfilm «Die drei kleinen Schweinchen», in dem der böse Wolf in einer ersten Fassung als hinterhältiger jüdischer Hausierer charakterisiert wurde? Ein klar antisemitischer Stereotyp.

Fröhliche Sklaven und Kommunistenfresser

Ab den 1940er-Jahren lassen sich in Disneys Zeichentrickfilmen auch Stereotypen finden, die auf Afro-Amerikaner zielen. So etwa die schwarzen Krähen in «Dumbo» (1941) oder die fröhlichen Sklaven in «Onkel Remus' Wunderland» (1946).

Aufschlussreich ist auch, dass Disney, der bis zu seiner letzten Trickfilmproduktion «Das Dschungelbuch» als einzige und letzte Entscheidungsinstanz fungierte, die sieben Zwerge aus «Schneewittchen» (1937) bei Meetings jeweils als «Niggerhaufen» bezeichnet haben soll.

Dass er 1944 den antijüdischen Branchenverband MPAPAI mitgründete, der zudem in den 1950er-Jahren Senator McCarthy bei seiner Kommunisten-Hatz tatkräftig unterstützte, war für Disneys Kritiker nicht nur Indiz für dessen Hass auf die Linke, sondern ein weiterer Beleg für seine Probleme mit Juden.

Frauen schliesslich mochte der Filmmogul allenfalls als billige Handlangerinnen akzeptieren. Gestalterisch hatten sie in seinen Augen in seinem Studio nichts verloren.

Vier Männer stehen um eine Staffelei herum, einer sitzt davor. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Walt Disney (rechts) mit seinen Zeichnern Milt Kahl, Marc Davis, Frank Thomas (links nach rechts) und Ollie Johnston. Keystone

Ehrrettung aus den Archiven

Disneys Verteidiger – unter anderem Neal Gabler, dem für seine 2006 erschienene Disney-Biografie erstmals ungehindert Zutritt zu allen Disney-Archiven gewährt wurde – führen dagegen ins Feld, dass seine Studios während des Krieges zahlreiche klassische Anti-Nazi-Zeichentrickfilme herstellten, wie beispielsweise 1943 «The Fuehrer’s Face».

Seine angeblichen Nazi-Sympathien werden als aus dem historischen Kontext gerissen dargestellt; das Treffen mit Riefenstahl als Interesse eines unpolitischen Naivlings an deren revolutionären Filmen.

Von Antisemitismus wiederum sei bei Disney, zumindest im Umgang mit seinen jüdischen Studiomitarbeitern, nichts zu spüren gewesen. Und sollte es tatsächlich eine Abneigung gegeben haben, so habe sich Disney mit dieser Einstellung im Bereich eines auch in den USA weit verbreiteten alltäglichen Antisemitismus bewegt.

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Buchhinweise

  • Marc Eliot: «Walt Disney: Hollywood's Dark Prince» (1994)
  • Peter Stephan Jungk: «Der König von Amerika» (2001)
  • Neal Gabler: «Walt Disney: The Triumph of the American Imagination» (2006)

Ein «doppelgesichtiger Megalomaniac»

Stephan Jungk, Autor des Eingangs erwähnten Romans, beschreibt in einem Interview die Schwierigkeiten, Disney hinter dem ikonischen Mr. Perfect mit all seinen Facetten erfassen zu können.

Sein Fazit: Disney war ein doppelgesichtiger Megalomaniac, unfähig zu tieferen menschlichen Beziehungen, gleichgültig gegenüber Frauen und endlos fasziniert vom Gedanken, mit seinen Produktionen tief in die Köpfe der Menschen jeglicher Couleur eingedrungen zu sein. Und sie mehr als jeder Politiker beeinflusst zu haben.

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