Am 12. Juni 1926 wirbelte ein Tornado auf einer Strecke von 23 Kilometern alles platt, das ihm im Weg stand. Keine halbe Stunde dauerte der Wirbelsturm: Er demolierte 246 Bauernhöfe schwer, schlug ungezählte Bäume zu Kleinholz, viele Kühe und Pferde liessen ihr Leben. Und auch ein achtjähriger Bub starb an den Folgen seiner Verletzungen durch umher schiessende Holzteile.
Die Menschen auf den Jurahöhen erinnern sich an diese Naturkatastrophe bis heute als «den Zyklon», respektive «Le Cyclone».
Der Wirbelsturm von 1926 fegte von Frankreich her über den Neuenburger und Berner Jura. Die schlimmsten Schäden richtete er in der Region La Chaux-de-Fonds und La Ferrière an. Mehrere hundert Dächer deckte der Jahrhundert-Tornado ab. Das Schweizer Sturmarchiv beziffert den Gesamtschaden auf 3 bis 4 Millionen Franken. Das wären heute rund 10 Millionen Schweizer Franken.
Im jetzigen Naturschutzgebiet La Chaux-d’Abel waren die Höfe der Täuferfamilien besonders betroffen. Diese Glaubensflüchtlinge – vor allem aus dem Kanton Bern – sind dort seit Ende des 16. Jahrhunderts ansässig. Sie kultivierten das Land. Einige leben teils noch heute auf den Jurahöhen.
Erstaunlich gut dokumentiert
Zum 100. Jahrestag des «Zyklons» zeigt die Stiftung Täufererbe nun eine kleine Sonderausstellung im Täuferarchiv in Jeanguisboden, La Tanne.
Das Ereignis ist erstaunlich gut dokumentiert: Fotografien wurden als Postkarten verbreitet, Zeitungen in Frankreich und der Schweiz berichteten. Und es gibt sogar noch 50 Sekunden Filmaufnahmen davon. Sie zeigen das Ausmass der Zerstörung nur wenige Tage nach dem Sturm im Bewegtbild.
Offenbar gab es schon vor 100 Jahren Katastrophentourismus: Schaulustige kamen mit Autos und Kameras, um die verwüstete Region zu sehen.
Auch das Monatsblatt der Schweizer Täufer, «Der Zionspilger», berichtete über das Wetterereignis. Der Wirbelsturm brachte viele Täuferfamilien in Not. Es «zerreisse» den «Hausvätern das Herz», schreibt der Zionspilger, ihre Tiere tot und ihre Höfe ruiniert zu sehen. Der Zionspilger sammelte sogleich Spenden. Er rief zur «Liebesgabensammlung für die Wettergeschädigten im Jura» auf. Die christliche Solidarität funktionierte.
Ernst O. Loosli war damals noch ein Kind und der Sohn des damaligen Schulleiters Gottfried Loosli. Über den Tornado am Nachmittag des 12. Juni 1926 schreibt er 1989 in der «Mennonitica Helvetica», dem Jahrbuch des Schweizerischen Vereins für Täufergeschichte:
«Mein Vater überstand diese Unbill im Bienenhaus, (…). Mit Wärmekissen seiner Bienenvölker schützte er sein Gesicht vor herumfliegenden Glassplittern und Holzteilen. Meine Mutter erkannte die Gefahr auch. Mit mir an der Hand und mit meinem kaum halbjährigen Brüderchen Arthur auf dem Arm floh sie hinunter in den Gewölbekeller. Dort wartete sie mit Bangen und Hoffen auf das Abflauen des Sturmes und auf ein Lebenszeichen meines Vaters.»
Loosli notiert auch, dass dank der Versicherungsgelder und Spenden aus der «grossartigen Hilfsaktion» der Täufergemeinschaft seine Schule bald wieder aufgebaut werden konnte. Diese sei nachher sogar besser ausgestattet gewesen als vor dem Tornado.