Johann Wyss hat ein Computergeschäft in Hettiswil bei Burgdorf. Wenn er dort etwas abseits der Verkaufsfläche vor einem Regal mit musealen Apple-Computern steht, spürt man seine Leidenschaft für die Marke. Er kennt die Spezialitäten jedes Modells, dessen technische Eigenschaften und historische Hintergründe.
Zum Beispiel jene des «Twentieth Anniversary Macintosh». Das aussergewöhnliche Gerät erschien am 1. April 1996 zum 20. Geburtstag von Apple. Es kostete rund 7000 Franken. Die Stückzahl war begrenzt auf 12'000 Exemplare.
Also kein Computer für die Massen. Die hatte Apple zu diesem Zeitpunkt dafür schon längst für sich eingenommen: mit dem Macintosh. Die würfelförmige Kiste war eine Revolution in der Computerwelt und ihre Ankündigung in einem Superbowl-Spot «1984» schrieb Werbegeschichte.
Den Weg zu Apple Macintosh fand Johann Wyss über einen Atari ST. Dieser Computer war in den 1980er-Jahren äusserst beliebt, weil er ebenso leistungsfähig war wie der Apple Macintosh, aber nur etwa die Hälfte kostete.
Zwei «Kisten», ein Geschäft
Wyss arbeitete in der Marketingabteilung eines Schrauben- und Eisenwarenhändlers. Für seine Arbeit wollte er eine Fähigkeit des Ataris nutzen, die noch in den Kinderschuhen steckte: Desktop-Publishing, das Gestalten von Drucksachen am Computer. Also nahm er seinen Atari ST mit ins Büro, nicht, ohne zuvor seinen Arbeitgeber dazu um Erlaubnis gefragt zu haben. Mit dem Gerät gestaltete er Werbemittel. Die kamen an, Wyss kaufte sich seinen ersten Macintosh und nahm die Kiste ebenfalls mit in sein Büro.
Als ihn dort ab und zu Besucher fragten, was das für eine Maschine sei und wo sie so eine kaufen könnten, war sein Geschäft sozusagen wie von alleine geboren. Er gründete die Firma Compu-Trade.
Anfänglich gaben sich die Kunden in der 2.5-Zimmer-Wohnung von Johann Wyss die Klinke in die Hand. Hier stapelte er Verpackungen und Macs. Nebendran auf dem Winkeltisch lag sein Sohn Marc. Er ist heute Geschäftsführer.
Aus der Garage in die Welt
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Bild 1 von 6. Im Technikmuseum «Enter» in Derendingen kann man die nachgebaute «Gründer-Garage» sehen, in der 1976 die Firma Apple und der «Apple 1»-Computer entstand. Bildquelle: Reto Widmer/SRF.
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Bild 2 von 6. Hinter Panzerglas steht im Museum in Derendingen ein Ur-Mac. Sammlerwert des hölzernen Computers: mehr als eine halbe Million Franken. Apple hat knapp 200 Geräte hergestellt. Weltweit gibt es 90 «Apple 1»-Computer in Museen und Sammlungen. Bildquelle: Reto Widmer/SRF.
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Bild 3 von 6. So sah der erste Apple auf dem Papier aus. Bildquelle: Reto Widmer/SRF.
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Bild 4 von 6. Eine «Blue Box». Diese Geräte wurden in den 1970er-Jahren von Telefon-Hackern, sogenannten «Phreakern», verwendet, um kostenlos Ferngespräche führen zu können. Steve Jobs und Steve Wozniak bauten und verkauften solche Boxen. Die Einnahmen waren das Startkapital von Apple. Bildquelle: Reto Widmer/SRF.
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Bild 5 von 6. Der günstige Preis und Lernsoftware machten den Mac Classic zu einem beliebten Computer für Schulen. Bildquelle: Reto Widmer/SRF.
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Bild 6 von 6. In den Anfangszeiten stellte Apple auch sogenannte «Peripheriegeräte» wie Drucker her. Bildquelle: Reto Widmer/SRF.
Bis heute dem Mac treu geblieben
Trotz der Konkurrenz durch die grossen Online-Händler und die eigenen Läden von Apple verkauft die Firma von Johann Wyss bis heute Apple-Computer an Privatpersonen und Unternehmen. Auffällig viele Arztpraxen seien derzeit unter den Kunden, sagt Wyss.
Er vermutet, dass Ärztinnen überdurchschnittlich Mac-affin seien, weil sie bereits im Studium mit Computern von Apple gearbeitet hätten. Ein weiterer Grund sei, dass Ärzte besonders darauf achteten, dass ein Computer gut aussehe und ein Besprechungszimmer nicht durch seine Anwesenheit in ein Büro verwandle. Zudem gebe es für Apple im Gesundheitswesen sehr gute Software.
Macintosh-Anleitungen
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Bild 1 von 14. Betty Bossi-Kochbücher? Nein. Original-Bedienungsanleitungen des Macintosh. Bildquelle: Reto Widmer/SRF.
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Bild 2 von 14. Schlicht und einfach: Macintosh. Bildquelle: Scan «Enter».
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Bild 3 von 14. Schlicht und noch einfacher: das Design rund um Macintosh. Bildquelle: Scan «Enter».
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Bild 4 von 14. Handbuch, original verpackt. Bildquelle: Reto Widmer/SRF.
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Bild 5 von 14. Die 1980er-Jahre. Die Zeit, als auch das Innenleben eines Computers gezeigt wurde. Bildquelle: Scan «Enter».
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Bild 6 von 14. Was machen die an ihrem Macintosh? Und wieso liegen rechts Lexika? Bildquelle: Scan «Enter».
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Bild 7 von 14. Apples Produkt wurde offenbar gern im Kontext von dicken Büchern gesehen. Bildquelle: Scan «Enter».
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Bild 8 von 14. Ähnliches Motiv, aber mit stylischem Telefon rechts. Bildquelle: Scan «Enter».
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Bild 9 von 14. Auch mit Telefon. Und Diktiergerät. Und geheimnisvollem Holz neben dem externen Diskettenlaufwerk. Bildquelle: Scan «Enter».
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Bild 10 von 14. Der Macintosh: Vorläufer unserer Notebooks? Bildquelle: Scan «Enter».
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Bild 11 von 14. Echt entspannend, so ein Macintosh. Bildquelle: Scan «Enter».
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Bild 12 von 14. Ganz klar: Architekturbüro. Und viele, viele Pläne – auf Papier. Bildquelle: Scan «Enter».
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Bild 13 von 14. Mehr Kommunikation geht in den 1980ern nicht: Macintosh, Telefon mit Beantworter und Drucker. Bildquelle: Scan «Enter».
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Bild 14 von 14. Sogar das Diskettenlaufwerk hatte seine eigene Bedienungsanleitung. Bildquelle: Reto Widmer/SRF.
Software war auch bei den Schulen mit ein Grund, dass viele ab Mitte der 1980er-Jahre auf Macintosh setzten. Dank der grafischen Oberfläche und der intuitiven Bedienung waren Programme und das Betriebssystem für die Lehrkräfte zugänglicher als textbasierte PCs mit MS-DOS von Microsoft. Dennoch gab es auch Verfechter dieser Computer-Variante.
Deshalb stellte sich nun immer, wenn eine Schule einen «Computerraum» einrichten wollte, die Frage: Welches Betriebssystem soll es sein?
«Religionskämpfe» in den Lehrerzimmern
Experte war noch kaum jemand. Häufig konnten sich jene Lehrpersonen durchsetzen, die zu Hause einen Macintosh hatten, dieser «Religion» also bereits verfallen waren. So kaufte die Schule dann eben ein Dutzend Macs. Jene, die sich durchgesetzt hatten, waren glücklich.
Und alle anderen eigentlich auch, weil sie nun nichts mehr mit diesen «neumodischen Computern» zu tun hatten. Denn den Support mussten die «Mac-Freaks» übernehmen, wenn ein Computerraum einmal eingerichtet war. Das war der Preis, den ein Lehrer zahlte, wenn er «sein» Betriebssystem durchgesetzt hatte.
In dieser wilden Zeit war professionelle Hilfe gefragt. Wie jene von Johann Wyss. Wobei auch er sich sein Wissen wie alle in erster Linie «durchs Machen» erworben hatte.
Macintosh an Schulen früh vernetzt
Die Zeiten, die er mit seiner Firma an Schulen verbrachte, bezeichnet er als seine aufregendsten. Sie hätten schon in den 1980er-Jahren Computer untereinander vernetzt, schwärmt Wyss. Zu einer Zeit, in der das kaum jemand konnte oder an Schulen überhaupt daran gedacht hätte.
Dank «Apple Talk», einem proprietären Netzwerk-Protokoll, war die Vernetzung fast ein Kinderspiel. Ein weiterer Grund, wieso Macs in Schulen so beliebt waren. Alle konnten mit der Technologie etwa einen Drucker gemeinsam nutzen oder auf Dokumente zugreifen in einem «geteilten Ordner» auf dem Gerät der Lehrerin.
Wer wird «Macianer»?
Auch als ein Jahrzehnt später das Internet aufkam, war die einfache Vernetzung wieder ein Argument für Schulen, sich dem Mac zuzuwenden. Steve Jobs lancierte nach seinem Comeback als Chef von Apple 1998 den iMac, ein Einsteiger-Modell, das in vielen transparent-bunten Farben daherkam. Viel wichtiger aber: Der Computer hatte ein eingebautes Modem.
Dank dieser «alles in einem Gehäuse»-Philosophie waren Schulen schnell im Internet. Oder Universitäten. Auch sie sprach und spricht Apple mit seinem «Apple Education»-Programm an. Die Idee: Wer schon in der Schule und danach im Studium mit Apple-Produkten arbeitet, wird das auch später eher tun. Wie die erwähnten Ärzte.
Schätze aus dem Archiv des Technikmuseums «Enter»
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Bild 1 von 10. Zweiseitiges Inserat für den Mac Plus in einer Computerzeitschrift. Apple führte den Computer 1986 ein und hatte ihn bis 1990 im Programm. Bildquelle: Reto Widmer/SRF.
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Bild 2 von 10. In den 1980er-Jahren entstanden Erfolgsprogramme wie «Photoshop». Bildquelle: Reto Widmer/SRF.
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Bild 3 von 10. Oder der heute kaum mehr bekannte «Ram Doubler». Bildquelle: Reto Widmer/SRF.
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Bild 4 von 10. Das Programm versprach, den Speicher des Macintosh zu verdoppeln, ohne dass man teurer nachrüsten musste. Zum Beispiel von 5000 auf «sagenhafte» 10'000 Kilobyte. Bildquelle: Reto Widmer/SRF.
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Bild 5 von 10. Apple legte jedem Computer einen Satz Aufkleber bei. Am unteren Bildrand zu sehen: Ram-Speicher, die man in seinen Mac einstecken konnte, um den Zwischenspeicher zu vergrössern. Bildquelle: Reto Widmer/SRF.
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Bild 6 von 10. Obligatorisches Zubehör in den 1980er-Jahren: die Diskettenbox. Natürlich mit Aufklebern geschmückt. Bildquelle: Reto Widmer/SRF.
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Bild 7 von 10. In der Diskettenbox: nützliche Software wie die «Notfalldiskette», die bei Problemen mit dem Computer Abhilfe versprach. Bildquelle: Reto Widmer/SRF.
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Bild 8 von 10. In dieser Schachtel war alles drin, was der stolze Mac-Besitzer für die Inbetriebnahme benötigte …. Bildquelle: Reto Widmer/SRF.
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Bild 9 von 10. … auch die acht Disketten des Apple-Betriebssystems. Bildquelle: Reto Widmer/SRF.
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Bild 10 von 10. Unter «Bibel» geht nichts, wenn ein Buch ein Ratgeber sein will für den Macintosh. Bildquelle: Reto Widmer/SRF.
Apple und die Schulen – ein Erfolgsmodell, das vor allem in der Schweiz besonders gut funktionierte und das Land zu einem «Apple-Land» machte. Die Situation sei heute aber nicht mehr vergleichbar mit den 1980er-Jahren, sagt Händler Johann Wyss. Natürlich auch, weil Maus, grafische Benutzeroberfläche und Vernetzung schon lange kein Alleinstellungsmerkmal mehr sind von Apple.
Dass der Hersteller aber auch heute Schulen noch strategisch im Visier hat, zeigt das kürzlich lancierte Macbook Neo. Ein buntes Notebook im Tiefpreis-Segment, das wohl ganz in der Tradition des Macs und des iMacs den ersten Kontakt mit einem Apple-Computer erleichtern soll. Ob in der Schule – oder privat.