Eigentlich ist es so wie immer. Es gibt mit Ski und Snowboards vollgestopfte Zugabteile, Kinder am Bahnhof auf dem Weg ins Skilager, rollende Lifte, ausgebuchte Chalets, gefüllte Bergbeizen, und im TV läuft Weltcuprennen.
«Alles fährt Ski», sang der Schlagerprophet Vico Torriani im Jahr 1963. Es war der Beginn des goldenen Skizeitalters in der Schweiz. «Alles fahrt Schii, d Mamme, dr Bappe, dr Sohn». Blickt man kurz vorm Jahreswechsel auf die beschneiten Pisten, scheinen diese Zeilen immer noch stimmig.
Sicherlich hat die verheerende Brandkatastrophe in Crans-Montana kurzzeitig das Land zum Stillstand gebracht. Auch der dort fest verankerte Ski-Kosmos bemüht sich zwischen internationalen Speed-Rennen und Pistenbier um Gedenkmomente für die Opfer.
Mythos oder Realität?
Doch: «Es muss weitergehen», sagte der Tourismusdirektor von Crans-Montana drei Tage nach der Tragödie dem «Tagesanzeiger». Ein solches Machtwort verwundert nicht, denn es entspringt einem bekannten, alljährlichen Mantra, mit dem die Tourismusbranche, Sportenthusiasten und Medien das Bild einer Schweizer Skination aufrechterhalten.
Gemeinsam auf die Piste, das Fondue danach oder auch der Hype um Marco Odermatt schaffen eine zuverlässige Volksfreude quer über den Röstigraben. Der Skisport durchdringt die Schweizer Gesellschaft wie kaum etwas anderes.
Deshalb sprechen auch die Autoren des gerade erschienenen Buchs «La civilisation du ski – une autre histoire de la Suisse» von einer Ski-Zivilisation. Sie ist jedoch wie jede Population durchaus sterblich.
Wie lange funktioniert diese nationale Erzählung noch, während ihr der Unterbau immer schneller wegschmilzt? Die goldenen Jahre sind vorbei, längst fährt nicht mehr alles Ski (etwa ein Drittel, sagen Statistiken). Und die, die es wollen und es sich leisten können, drängeln sich auf schmalen Kunstschneepisten.
Der Wettbewerb um den Schnee
Die grösste Herausforderung für den Wintersport ist seit vielen Jahren schon der ausbleibende Schnee. Was Ski-Ikone und verehrter Sunnyboy Bernhard Russi 1978 im SRF-Silvesterprogramm noch unbeschwert besang: «Winter isch kei Winter ohni Schnee. S'einte Jahr heds z wenig Schnee und denn heds wieder z viil» ist mittlerweile mit Zahlen gut belegt.
Der «Kompass Schnee» etwa liefert eine wissenschaftliche Prognose für den hiesigen Wintertourismus bis 2050: Die Nullgradgrenze könnte demnach um weitere 300 Meter steigen, da es noch einmal um einen Grad wärmer werden könnte. Weniger Schneetage bedeuten vor allem für kleinere Gebiete in tieferen Lagen das Ende. Die Datenbank «Lost Ski Area Projekt» zeigt, dass mehr als 40 Prozent der einst 550 Skigebiete bereits verschwunden sind.
Eine umfangreiche künstliche Beschneiung leisten sich fast nur noch grosse, hochgelegene Gebiete wie Zermatt oder Saas-Fee. Oder aber gut betuchte Gemeinden wie Laax und Flims, die gerade erst ein ganzes Skigebiet einkauften.
Die hohen Energiekosten der Schneekanonen schlagen sich auch im Preis für das Skibillett nieder. In der vom US-Giganten Vail Resort geführten Skiarena Andermatt-Sedrun kostet ein Tagespass nun bis zu 100 Franken.
Winterliche Allmachtsfantasie
Das Bild weisser Streifen inmitten grüner Flora ist inzwischen ein gewohnter Schock – auf der Piste vergisst man schnell. «Aus Schnee lässt sich kein Besitzanspruch ableiten», schreibt die Autorin und passionierte Skifahrerin Antje Rávic Strubel in ihrem neuen Essay «Kein Schnee, nimmermehr» über den «weissen Rausch», der vielleicht schon immer ein Abgesang war.
Dennoch könnte man denken, dass durch den «Bezwingungs-, Begradigungs- und Beschneiungswahn» im Alpenraum die Menschen lange Zeit dachten, sie könnten den Schnee beherrschen.
Ein wichtiger Antrieb dafür war gewiss das Geschäft mit den Bergbahnen, das bereits in den 1950er-Jahren enorme Gewinne abwarf. «Der Skisport hat lange so viel eingebracht, dass es schwerfällt, sich eine Zukunft ohne ihn vorzustellen», sagt der Historiker Grégory Quin, Mitautor des Buchs «La civilisation du ski», der Walliser Zeitung «Le Nouvelliste». Er sei zu einer Art Droge geworden.
Ski zur Fortbewegung
Dabei war das weisse Gold lange Zeit einfach eine Oberfläche, für die die Menschen ein Fortbewegungsmittel entwickelten. Gemäss den Norwegern wurde das Skilaufen vor über 4000 Jahren in ihren Wäldern erfunden. «Ski in ihrer ursprünglichen Verwendung passen sich der Natur an, ihrer Veränderlichkeit und Unwägbarkeit», schreibt Strubel.
Die Schriftstellerin verbindet diesen Gedanken mit eigenen Erfahrungen: Während sie sich beim berühmten Wasalauf, einem traditionsreichen Skilanglauf-Marathon, über 90 Kilometer hinweg durch perfekte schwedische Loipen kämpft, kommt sie ins Grübeln: Wie war das wohl, als Bauern hier im 16. Jahrhundert mit Holzlatten über den Schnee glitten, Güter und Personen transportierten?
Es gebe kaum Quellen dazu, sagt der Historiker Nils Widmer, der zum Schweizer Skisport an der Universität Luzern forscht. Doch es sei davon auszugehen, dass auch die Menschen in der Schweiz bereits früh Skier als Fortbewegungsmittel nutzten. Gut belegt sei, dass an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert das Militär die langen Bretter als taktisches Mittel im Gebirge entdeckte.
Aufstieg zur Skination
Doch zum grossen Schweizer Identitätsstifter wurde das Skifahren erst mit seinem Aufstieg als Sport, Freizeitvergnügen und Lebensstil. Antrieb dafür waren nicht nur die oft benannten internationalen Einflüsse, sagt Widmer, sondern: «Es war ein Zusammenspiel aus britischen, norwegischen und Schweizer Akteuren.»
«Kann man sich etwas Frischeres, Belebenderes denken, als schnell wie der Vogel über die bewaldeten Abhänge dahinzugleiten», heisst es im Buch «Auf den Schneeschuhen nach Grönland» des Tourenski-Pioniers Fridtjof Nansen. Damit begeisterte der Norweger 1890 nicht nur das eigene Skivolk, sondern auch die Schweiz. Winterzauber und frische Luft waren eine willkommene Flucht aus den dreckigen Industriestädten.
Christoph Iselin importierte die nordischen Skitechniken ins Glarnerland und gründete dort 1893 den ersten Schweizer Skiclub. Man lud norwegische Skispringer ein und liess sich zu neuen Freizeitextremen inspirieren. Parallel dazu begaben sich wohlhabende Engländer im Berner Oberland auf waghalsige Skitouren.
«Sie brachten ein gewisses Modernitätsgefühl, Wettbewerb und die Idee des Downhill, die den alpinen Skisport prägte, wofür die Schweiz heute bekannt ist», sagt Widmer.
Bereits 1904 gründete sich der Schweizerische Skiverband. 30 Jahre später revolutionierte der erste «swissmade» Bügellift in Davos den alpinen Skisport. Beschleunigt wurden diese Entwicklungen durch Schweizer Hoteliers. «Der Tourismus konzentrierte sich spätestens ab den 1930er-Jahren gezielt auf die Wintersaison», sagt Widmer.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde der Skisport gezwungenermassen sehr schweizerisch. «Gemeinsam mit Tourismusverbänden startete die Politik Kampagnen für Ferien in der Schweiz», sagt Widmer. Man subventionierte die Bergbahnen, die Kantone riefen die ersten Wintersportferien und Skilager ins Leben. «Eine Mittelschicht, die immer grösser wurde, begab sich auf die Piste.»
So verstärkte sich der Boom, der bis heute die Meistererzählung zur Skination prägt.
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Bild 1 von 4. Auch die britischen Royals liessen sich gerne beim Skifahren in der Schweiz abbilden. Der damalige Prinz Charles (2. von links) am 11. Januar 1963 bei seinen ersten Ski-Gehversuchen während seiner Winterferien in Tarasp im Unterengadin. Bildquelle: KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Str.
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Bild 2 von 4. Grace Kelly (Prinzessin Grace von Monaco) während ihrer Skiferien 1969 in Saanen im Berner Oberland. Bildquelle: KEYSTONE-FRANCE/Gamma-Rapho via Getty Images.
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Bild 3 von 4. John Lennon geniesst 1965 seine Skiferien in St. Moritz. Bildquelle: Getty Images/Daily Herald/Mirrorpix/Jangs.
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Bild 4 von 4. Die niederländische Königin Juliana und ihr Mann Prinz Bernhard zur Lippe-Biesterfeld fahren im Februar 1959 in Gstaad im Kanton Bern Ski. Bildquelle: KEYSTONE/PHOTOPRESS-ARCHIV/Wi.
Diese Erzählung scheint alles zu überdauern. Die Klimaveränderungen zwingen den Wintertourismus zum Rückbau, Zusammenschluss und Ausverkauf ins Ausland. Skigebiete werden grösser und teurer. Man beschwert sich, und doch ist die Skischule für die Kleinsten in vielen Familien weiterhin ein Pflichtprogramm.
Jedem Schnee wohnt ein Zauber inne
Hört man sich in Schweizer Familien um, fallen Sätze wie dieser: «Die Kinder haben so viel Freude am Schnee», sagt ein Vater. Als er das entdeckte, kramte auch er wieder sein Snowboard hervor. Während die Älteren oft nostalgisch von einstmaligen Tiefschnee-Erlebnissen erzählen, wachsen die Jüngeren mit einem grün-weissen Flickenteppich auf. «Sie kennen es ja nicht anders», meint der Vater.
Im Schnee zu sein, schafft ganz besondere Erlebnisse und Erinnerungen. Davon Abschied nehmen tut weh. Denn die Schneemagie bietet auch eine zuverlässige Realitätsflucht. Antje Rávic Strubel beschreibt es so: «Der Alltag verdampft mit der Körperhitze in der weissen Weite des Seins.» Die Welt zittert unter Krisen und Katastrophen – es ist schwer, sich einzugestehen, dass der winterliche Rettungsanker selbst zu solchen geworden ist.
Anfang oder Ende?
Noch scheint der Mythos der Schweizer Skination anzuhalten. Dem Kunstschnee sei Dank. Dabei gibt es jene, die seine notwendige Technik preisen (und an ihr verdienen), und andere, die die verschneite Alpenidylle betrauern. Vieles passiert gleichzeitig.
Es wird schwieriger werden, die Skierzählung attraktiv zu halten, wenn die Temperaturen weiter steigen. Zwar arbeitet die Tourismusbranche mit Mountainbike-Trails und Klettersteigen längst an einem neuen alpinen Selbstverständnis. Doch die Stille des Schnees, sein Geschwindigkeitsrausch und sein kittender Moment – das bleibt wohl einzigartig.
Jetzt schon ist das Skifahren ein Zeuge unserer paradoxen Zeit: Wir brauchen die Technik für den Temporausch, dabei soll die Natur bleiben, wie sie ist. Während der Schnee weiter wegschmilzt, helfen uns zum Glück die Geschichten drumherum beim Erinnern – an das Glück, die Zerstörung und den Wandel.